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Lokales Umweltbürgermeisterin Eva Jähnigen: „Klimaschutz muss Chefsache werden“
Dresden Lokales Umweltbürgermeisterin Eva Jähnigen: „Klimaschutz muss Chefsache werden“
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16:39 25.08.2018
Eva Jähnigen vor der Kindertagesstätte „Pfiffikus“ auf der Wurzener Straße. Auf dem Gebäude wird eine Photovoltaikanlage installiert. Quelle: Foto: Anja Schneider
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Dresden

Umweltbürgermeisterin Eva Jähnigen (Bündnis 90/Die Grünen) kommt standesgemäß mit dem Fahrrad zum Interviewtermin, der in der Sommerhitze nicht im Büro, sondern in einem luftigen Park stattfindet. Ein Grund mehr, über die lange Dürreperiode zu sprechen. Die Dresdner werden sich an heiße, trockene Sommer gewöhnen müssen. Die Klimaanpassung müsse vorangetrieben werden. Dazu gehöre auch kostenloser Zugang zu Trinkwasser im öffentlichen Raum. In dicht bebauten Gebieten müssten mehr Flächen für Bäume freigehalten werden, findet die Umweltbürgermeisterin. Das sei in den vergangenen Jahren zu wenig gelungen, merkt sie kritisch an.

Frage: Ist das Wetter noch normal?

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Trockene Wiesen, wenig Wasser: Die Elbe im August 2018. Quelle: Dietrich Flechtner

Eva Jähnigen: Wir erleben gerade, wie sich die Normalität verändern wird. Wir haben in der Vergangenheit Erfahrungen mit Starkregen und Hochwasser gemacht. Jetzt kommt die Erfahrung mit starker Trockenheit dazu. Das wird auch künftig stärker so sein.

Kann der einzelne Dresdner etwas dafür tun, dass das Wetter wieder normal wird?

Wir dürfen uns mit der Entwicklung nicht abfinden. Klimaschutz muss auf allen Ebenen zur Chefsache werden. Wir haben noch die Chance, den fahrenden Zug abzubremsen. Das können wir damit beeinflussen, wie wir leben, wieviel Energie wir verbrauchen, ob wir umweltfreundliche Verkehrsmittel nutzen, wie oft wir Fleisch essen. Das hat alles Einfluss. Damit kann jeder ganz konkret einen Beitrag leisten.

Kann Dresden klimagerecht umgebaut werden?

Die DNN-Sommerinterviews

Baubürgermeister Raoul Schmidt-Lamontain: „Endlich Kilometer ins Radwegenetz bringen“

Ordnungsbürgermeister Detlef Sittel: „Die Einwohner empfinden den Wiener Platz nicht als angenehmen Ort“

Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch: „Das Konzept für den Kulturpalast ist in vollem Umfang aufgegangen“

OB Dirk Hilbert: „Dresden ist ein Sehnsuchtsort“

Finanzbürgermeister Peter Lames: „Umverteilen geht. Draufsatteln nicht“

Wir müssen die Stadt kompakt bauen, dürfen sie aber nicht zubauen. Die vorhandenen Kaltluftschneisen müssen wir hegen und pflegen. Wir sollten Fläche entsiegeln, wo wir nur können, Regenwasser nutzen und die städtischen Gewässer naturnah gestalten, weil sie einen kühlenden Effekt haben. Wir müssen auch den Menschen das Leben im Alltag angenehm gestalten und Trinkwasser im öffentlichen Raum kostenfrei zugänglich machen. Der Stadtrat hat uns beauftragt, ein Maßnahmepaket zur Klimaanpassung zu erarbeiten. Eine Richtlinie für städtische Hochbauten wollen wir dem Oberbürgermeister im Herbst vorlegen. Es geht beispielsweise darum, Kindertagesstätten, Schulen und soziales Wohnen klimagerecht zu gestalten. Im Haushalt wollen wir Entsiegelung, Dach- und Fassadenbegrünungen fördern.

"Überall, wo wir können, pflanzen wir neues Grün"

Müssen neue Normen für den Bau gelten? Sollten Klimaanlagen zum Standard werden?

Die Klimaanlage im Glasfassadenbau, der sich stetig aufwärmt, löst die Probleme nicht. Wer konsequent energiesparend baut, verhindert an vielen Stellen eine Überwärmung. In solchen Gebäuden ist eine Lüftung auch nicht übermäßig energiefressend. Wir werden uns mit den Erfahrungen dieses Sommers überlegen, welche Anforderungen an gesundes Leben und Arbeiten gestellt werden sollten. Diese Problematik erforschen wir relativ intensiv. Ein Beispiel: Die Kindertagesstätte „Pfiffikus“ auf der Wurzener Straße ist für mich sehr gelungen Beispiel mit schattenspendenden Bäumen im Garten, hellen Belägen und hellem Material für die Wege. Bald kommt eine Photovoltaikanlage auf das Dach, mit der der Bedarf des Gebäudes erzeugt wird.

Grün hat eine positive Wirkung. Wo entsteht in den nächsten Jahren in der Stadt Grün?

Die kleine Planungs- und Bauabteilung im Amt für Stadtgrün arbeitet auf Hochtouren. Der Südpark wird neu angelegt, dazu kommen die nächsten Abschnitte des Promenadenrings in der Innenstadt und eine Grünanlage an der Gehestraße. Ein großes Projekt ist die Übernahme von Teilen der Hufewiesen. Wir arbeiten auch an der Gestaltung des Leutewitzer Parks und des Alaunparks. Von Prohlis bis zur Elbe soll ein durchgängiger Grünzug entstehen. Überall, wo wir können, pflanzen wir neues Grün, entsiegeln und machen vorhandene Flächen öffentlich, etwa auf dem Gelände der ehemaligen Kindertagesstätte Oskar-Seyffert-Straße.

Wie kann die Durchschnittstemperatur im Stadtzentrum oder in Wohngebieten wie Pieschen gesenkt werden?

Das Zentrum gehört zu den überwärmten Bereichen und wir müssen darauf achten, dass die Temperatur nicht noch mehr ansteigt. Wir müssen den Großen Garten und das Ostragehege als Kaltluftspender mit der Innenstadt verbinden. In anderen dicht bebauten Bereichen sollten Flächen für Bäume frei gelassen werden. Das ist in den vergangenen Jahren zu wenig gelungen. Außer für den Promenadenring und die neue Grünfläche auf dem Gelände der bisher zum Abriss vorgesehene Robotron-Kantine haben wir im Zentrum keine weitere Fläche reserviert. Es ist wie bei vielen Vorhaben: Die Konkurrenz um freie Flächen ist groß, Grün steht nicht immer an erster Stelle. Es gibt aber noch Standorte, wo wir nachpflanzen können und werden, zum Beispiel im Bereich der Kreuzstraße und des Rathauses. Auch auf der Wilsdruffer Straße wollen wir zusätzliche Bäume im Straßenraum anordnen. Das werden wir planerisch in Angriff nehmen und auch gemeinsam mit dem Citymanagement und den Gastronomen überlegen, an welchen Stellen sie mehr Pflanzkübel aufstellen können.

"Die Luftwerte entwickeln sich positiv"

Ist es sinnvoll, neue Bäume zu pflanzen, die dann in den Hitzeperioden jämmerlich verdorren?

Wir müssen überlegen, welchem Stress welche Bäume durch Dürre ausgesetzt sind. Wir suchen nach Sorten, die hitzeresistent sind und Schatten spenden. Ein Auswahlkriterium ist auch die Frage, wie die Bäume gepflegt werden müssen. Wir sind den vielen Anwohnern, die in ihrer Straße jetzt Bäume gießen und pflegen, sehr dankbar. Das ist modellhaft für die ganze Stadt. Grünflächen sind ja immer auch Orte des Miteinanders.

Wie wird sich das Klima in Dresden entwickeln? Steigt die Tendenz zu Extremwetterereignissen?

Es wird mehr Extremwetterlagen mit starker Hitze und großer Dürre geben. In der Vegetationszeit werden sich Hitzeperioden mehren, in den Randzeiten wird es stärker regnen und stürmen. Das führt zu neuen Belastungen für die Menschen, aber auch für die Landwirtschaft und Natur.

Was macht Sie so optimistisch, dass in Dresden Dieselfahrverbote verhindert werden können?

Ich sehe vor allem die Potenziale zum Umsteigen auf den Öffentlichen Nahverkehr und den Radverkehr. Die Luftwerte entwickeln sich positiv. Wenn wir die umweltfreundlichen Verkehrsarten konsequent fördern, werden die Werte aus dem dunkelroten Bereich herauskommen.

Welche Signale kommen vom Freistaat in Sachen Tempolimit auf der Autobahn?

Das Tempolimit auf der Autobahn 4 ist da. Hier können wir wertvolle Erkenntnisse gewinnen und sehen, was es bringt. Nach allen Prognosen wird es eine gute Entwicklung geben. Ein Tempolimit auf der Autobahn 17 lehnt der Freistaat noch ab. Wir hoffen, dass wir überzeugende Fakten vorlegen können.

Welche Werte liefert die Messstelle an der Bergstraße seit Installation der Geschwindigkeitsüberwachung?

Der Blitzer auf der Bergstraße in Dresden. Wenige Meter danach wird wieder Gas gegeben. Quelle: Anja Schneider

Unser Maßstab ist der Jahresmittelwert, aber die Anlage steht erst seit kurzer Zeit. Hier müssen wir die Bewertung abwarten. Handlungsbedarf besteht aus unserer Sicht für die Strecke nach der Messanlage, wenn wieder schneller gefahren wird. Da schauen wir uns gerade an, wie wir das Problem lösen können.

"Auch beim Hausmüll haben wir noch Potenziale"

Sie wollen auch Tempo 30 auf der Bautzner Straße und dem Bischofsweg durchsetzen. Spielt der Freistaat da mit?

Wir warten auf die Prüfung der Straßenverkehrsbehörde. Diese liegt uns noch nicht vor.

Was hat sich in Sachen Lärmschutz für die Dresdner getan?

Die aktuelle Lärmschutzkartierung ist gerade fertig. Danach haben sich im Straßenverkehr die Verhältnisse im Durchschnitt um sieben Prozent verbessert. Große Straßen konnte die Stadt sanieren, zum Beispiel Teile der Bautzner Straße, der Rudolf-Renner-Straße, der Borsbergstraße oder der Schandauer Straße. Andere Straßen wie die Königsbrücker, der Bischofsweg oder die Gerokstraße sind in Planung. Problematisch ist nach wie vor der Bahnbereich. Die Verhältnisse haben sich teilweise verschlechtert, weil die Züge schneller fahren, die Bahn aber mit dem Lärmschutz nicht hinterherkommt. Wir verhandeln gerade über die Planungen für die Pirnaer Strecke und machen Druck bei der Bahn, aber der Zeitpunkt der Realisierung steht noch nicht fest.

Beim Hausmüll funktioniert die Müllvermeidung. Wie lässt sich Verpackungsmüll im öffentlichen Raum vermeiden?

Ich muss korrigieren: Auch beim Hausmüll haben wir noch Potenziale. Es wird noch zu viel Biomüll und Papier in den Restabfall geworfen. Das Problem der Vermüllung des öffentlichen Raums ärgert uns alle. Dresden will Kulturhauptstadt werden, die Elbwiesen als unverbautes, grünes Ufer könnten der Empfangssalon der Stadt sein. Sie sehen aber oft aus wie ein Hinterhof. Das passt nicht zusammen. Wir brauchen eine Kombination aus Entsorgungsmöglichkeiten, Kontrollen und einer größeren Aufmerksamkeit. Die Wegwerfmentalität steht im Widerspruch zu unserem Leitbild, was eine Stadt lebenswert macht.

Wäre ein Pfandsystem für Wegwerfverpackungen sinnvoll?

Ich bin sehr dafür. Aber wie kann die Stadt das regeln? Für eigene Veranstaltungen wie den Striezelmarkt können wir es durchsetzen. Ansonsten sind wir auf Freiwilligkeit angewiesen. Wir können nicht allen Anbietern flächendeckend Pfandsysteme verordnen. Und für eine kommunale Verpackungssteuer fehlt uns die gesetzliche Grundlage. Es geht nicht nur um Ordnung und Ästhetik, sondern auch um Ressourcenschutz. Insofern würde ich eine europaweite Regelung sehr begrüßen.

Wieviele Solaranlagen sind seit Antritt der rot-grün-roten Stadtratsmehrheit im Jahr 2014 auf städtischen Dächern entstanden?

2015 eine auf der Schützenhofstraße, 2018 werden zwei gebaut, eine davon auf der Wurzener Straße. Wir haben die Zeit erst einmal dafür genutzt, ein Konzept zu erarbeiten: Was machen wir, wie nutzen wir den Strom? Gebäude mit Tagesnutzung wie Kitas und Schulen oder Verwaltungsgebäuden bieten gute Voraussetzungen für die Nutzung der eigenerzeugten Energie. Die Anlagen rentieren sich schon nach etwa zwölf Jahren. Wir werden jetzt ein Paket von fünf Dächern ausschreiben. Auch unser Versorgungsunternehmen Drewag hat ein großes Interesse, Potenziale auf städtischen Flächen zu erschließen. Klimaschutz braucht viele Akteure, deshalb sind wir auch über die Solarinitiative der Vonovia sehr froh.

"Ich setze auf die Zusammenarbeit mit den Kommunen"

Wie stellen Sie sich die strategische Ausrichtung der Drewag als Energiedienstleister vor?

Die Stadtwerke sind ein ganz zentraler Faktor für die Versorgungs- und Entsorgungssicherheit, aber auch für Klimaschutz und Klimaanpassung. Die Drewag plant ein großes Solarkraftwerk mit Wärmespeicherung auf dem Heller, baut die Fernwärmeversorgung für Pieschen auf mit dezentralen Wärmeinseln. Bei der Nutzung der erneuerbaren Energien sehe ich große Potenziale im ländlichen Raum, deshalb ist die Fusion von Drewag und Enso ein zentrales Thema. In der Region gibt es Flächen und Räume, die uns im dicht bebauten städtischen Raum nicht zur Verfügung steht. Damit können wir Wertschöpfung in die Region bringen. Ich setze auf die Zusammenarbeit mit den Kommunen.

Sollte die Stadt nach der Rekommunalisierung der Stadtreinigung auch die Thüga-Anteile an der Drewag zurückkaufen?

Ich finde es sehr wichtig, dass wir Überlegungen für die Zukunft anstellen. Wenn Drewag und Enso fusioniert sind, müssen wir sehr genau darauf schauen, wieviele Anteile die Kommunen im Versorgungsgebiet halten und wieviel eventuell Private. Ein Problem besteht in dem hohen Investitionsbedarf im ländlichen Raum. Bei den Drewag-Anteilen müssen wir genau steuern, um Einfluss auf die öffentlichen Ziele und die künftige Verwendung der Erträge zu behalten. Wir werden sehr genau über das künftige Modell nachdenken müssen.

Welche Lücken weist der Hochwasserschutz für Dresden auf?

An der Elbe kommen wir im Westen voran. In Mickten, Kaditz, Übigau und im Bereich der Kläranlage ist Bewegung in den Flutschutz gekommen. Im Osten läuft die Planfeststellung der städtischen Maßnahmen. Hier müssen wir gemeinsam mit dem Freistaat mit der Planung weiterer Schritte vorankommen. Da warten die Bürger schon lange auf Klarheit. Bei den städtischen Gewässern arbeiten wir mit Hochdruck an vielen Projekten.

Von Thomas Baumann-Hartwig