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Lokales Kleinstadt in Dresden: Hier haben die Kinder das Sagen
Dresden Lokales Kleinstadt in Dresden: Hier haben die Kinder das Sagen
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07:35 11.07.2019
In der Kinderstadt Kitrazza wird fleißig gehämmert, geschraubt und gesägt. So langsam wird das Material knapp.
In der Kinderstadt Kitrazza wird fleißig gehämmert, geschraubt und gesägt. So langsam wird das Material knapp. Quelle: Fotos (2): Dietrich Flechtner
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Dresden

Meistens läuft das ja so: Ich bekomme eine Pressemitteilung in mein E-Mail-Postfach und wenn ich das Thema für spannend und interessant erachte, antworte ich mit der Bitte um einen Termin vor Ort. Das habe ich auch getan, als ich die Meldung bekam, dass die Kindertraumzauberstadt Kitrazza zum 16. Mal in Dresden erbaut wird. Zwei Wochen haben hier die Kinder das Sagen, dürfen selbst entscheiden und über Vorschläge bei der Vollversammlung im Parlament abstimmen.

„Presse, hier bei uns? Nö“

Und so kam es, dass mein Wunsch nach einem Besuch abgeschmettert wurde. Das erste Mal in 16 Jahren Kitrazza. „Presse, hier bei uns? Nö“, entschieden die Kinder kurz und schmerzlos am Dienstag, zwei Tage nach Eröffnung von Kitrazza. Die Bitte um einen Termin hatte ich an Verena Claus von der Outlaw gGmbH gerichtet. Sie betreut das Projekt vor Ort. Sie ermutigte mich, es doch noch mal zu probieren, vielleicht mit einem direkten Anschreiben an die Kinder. Gesagt, getan. Mein Brief wurde in der Vollversammlung an die große Leinwand projiziert und diskutiert. Und siehe da, die anschließende Abstimmung geht positiv für mich aus. Ich darf Kitrazza am Mittwochmorgen besuchen.

Bei angenehm kühlem Wetter nehme ich im Elterngarten Platz. Außer Verena Claus, die gerade Kaffee zubereitet, ist niemand hier. „Die Eltern geben ihre Kinder morgens ab und die meisten gehen danach zur Arbeit“, sagt Claus. 9 Uhr öffnet sich montags bis freitags das märchenhafte „Traumzaubertor“ und dann stürmen die Kids ihre Welt. Während wir uns im Erwachsenenbereich unterhalten, wird im Hintergrund fleißig gehämmert und gesägt. Sehen können wir allerdings nichts davon, die Bauzäune sind mit weißen Planen abgedeckt.

„Erwachsene dürfen hier nicht rein!“

Doch die Neugier ist in beiden Welten groß. Die ersten Kinder schauen am Tor vorbei und rufen: „Seid ihr das Fernsehteam?“ „Nein, das Zeitungsteam“, antworte ich und verspreche, in zehn Minuten reinzukommen. Normalerweise wird die Kinderstadt jedes Jahr an einem anderen Ort aufgebaut. So sollen immer wieder neue Stadtteile erkundet werden, sagt Claus. Doch am Alexander-Puschkin-Platz ist das Projekt nicht zum ersten, sondern bereits zum dritten Mal – aus organisatorischen Gründen. Zwei Wochen haben die aktuell 82 Kinder Zeit, hier ihre Traumstadt aufzubauen und sich frei zu entfalten. Für nächste Woche gibt es noch Restplätze. Die Teilnehmer sind zwischen sieben und zehn Jahre alt. „Die Kinder sollten das erste Schuljahr bereits abgeschlossen haben. Denn in Kitrazza werden Regeln aufgestellt und aufgeschrieben. Die sollte dann auch jeder Bewohner lesen können“, erklärt Claus die Altersspanne.

Bruno (10, r. im Bild) und Pelle (9) machen erstmal eine Pause und lassen sich von Karla (8) durch die Gegend ziehen. Quelle: Dietrich Flechtner

Nun wird es aber Zeit, das Reich der Kinder zu betreten. Kaum haben wir das eiserne Tor passiert, liegt eine große Fläche mit vielen Zelten, Holzhütten und aufgeweckten Kindern vor uns. Auch einigen Erwachsenen begegnen wir. „Das sind die KiMas, also Mitarbeiter der Kitrazza. Sie begleiten die Kinder ehrenamtlich, geben Impulse und helfen. Jedoch bestimmen sie nichts und haben auch kein Stimmrecht im Parlament“, erklärt Claus. Als Erwachsene und Nicht-KiMa auf dem Gelände errege ich schnell die Aufmerksamkeit der Kinder: „Ey, Erwachsene dürfen hier nicht rein!“ „Ich weiß“, sage ich, „das Parlament hat mir den kurzen Besuch gestattet.“ Aber ehe ich den Satz zu Ende gesprochen habe, sind die Kleinen schon wieder mit Hämmern beschäftigt. „Willst du einen Eierkuchen?“, fragt Bruno. Ich lehne dankend ab, aus Überforderung. So viele Kinder kommen auf mich zu und stellen viele, viele Fragen.

Ein Nagel nach dem anderen

Die siebenjährige Johanna nimmt mich direkt an die Hand und will mir alles zeigen, am liebsten alles auf einmal. Da gibt es das Arztzelt, in dem die Sanitäter sitzen und auf Aufgaben warten. Bis auf ein paar Pflaster, die benötigt werden, sei es aber sehr ruhig, sagen sie. Im Zirkuszelt wird gerade vorgelesen und im Küchenzelt getanzt. Zwischendrin begegnen wir immer wieder aufgeschlossenen und freundlichen Kindern, die mir ihre Hütten zeigen wollen. Und die können sich sehen lassen. Die einen bauen sich verschanzte Buden, die anderen verkleiden ihre kleinen Häuschen mit Stoffen und Vorhängen. Bruno hat sich für einen kleinen Laden entschieden. Hier preist er seine Eierkuchen an, natürlich frisch und selbst zubereitet. Diesmal kann ich nicht widerstehen und nehme gern ein Stück an – richtig lecker!

Die meisten Kinder lassen sich von meinem Besuch nicht beirren und bauen munter weiter. Ein Nagel nach dem anderen wird in die Paletten geschlagen, Bretter mit der Handsäge in Form gebracht und Holz vom Lager zu den Baustellen getragen.

Apropos Holz: Das Lager von Kitrazza leert sich allmählich und die Kinder hoffen auf Nachschub von außerhalb. Vielleicht hat sie diese Tatsache auch umgestimmt, doch noch mit der Presse zu reden. Mittlerweile bin ich umgeben von Kindern, die neugierig fragen, ob sie morgen auch wirklich in die Zeitung kommen. Pelle will mir sogar 100 Euro geben, damit er sich am nächsten Tag im Blatt sehen kann. Ich erkläre ihm, dass er mir dafür kein Geld geben muss und auch niemals sollte, denn bestechen lassen wir uns nicht.

Nur mühsam kann ich mich von der Meute lösen, Johanna bringt mich noch bis zum Tor. Nur widerwillig verlasse ich die Kitrazza, aber der Arbeitsalltag ruft. Zurück im Erwachsenengarten ist alles wieder ruhig, fast wie ausgestorben. Überwältigt von so viel positiven und aufgeschlossenen Begegnungen radel ich in die Redaktion zurück und bin froh, dass ich mich nicht von der ersten Absage entmutigen lassen habe.

Von Lisa-Marie Leuteritz