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Lokales “Kleine große Liebe“ – Eine Konzertkritik zu Annett Louisan
Dresden Lokales “Kleine große Liebe“ – Eine Konzertkritik zu Annett Louisan
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15:52 22.10.2019
am 21.10.19 in Dresden im Kulturpalast : Annett Louisan Quelle: Dietrich Flechtner
Dresden.

„Groß, endlos, grandios - sind alles Worte bloß“, relativiert die in schwarzes Samtkleid und Glitzerpumps gewandete Künstlerin im ebenso betitelten Opener und stellt gleich zu Anfang ihres Konzerts im Kulturpalast eines klar: Sie hat richtig Bock! Vor ihr liegt eine Herbsttournee mit 30 Konzerten, dass diese gerade „in der tollen Konzertstadt Dresden“ startet, macht sie „hocherfreut“.

So plaudert sie zwischen den Songs ihres neuen Albums, das sie als sehr persönlich beschreibt, von ersten Erinnerungen an Elbflorenz, wo die spätere Musikerin im zarten Alter von zehn Jahren einst auf dem Weg zum in der Tschechei gelegenen Campingplatz strandete. Viele erste Male brachte der später dann doch noch folgende Urlaub, etwa Eis am Stiel, das folgende Lied jedoch widmet sich den Wiederholungstäter unter den Premieren und heißt „Zweites erstes Mal“. Kann man mal machen.

„Inzwischen trinke ich aber wieder Prosecco“

Amüsanter kommt dann doch der Song „Eve“ daher, der mit recht originellen Wortspielen und viel Selbstironie den Hass auf eine vermeintlich perfekte Freundin illustriert. Louisans Minenspiel unterstreicht das Schauspiel auf recht unterhaltsame Weise, den im Refrain eher widerwillig überbrachten Gruß „Na, Eve“ kann man mindestens zweideutig interpretieren und Spaß macht das schon allein, weil die Künstlerin selbst offenbar in ihrem Element ist. Etwas ruhiger wird es mit dem Lied für ihre 2017 geborene Tochter Emmylou Rose, die sie, wie sie versichert, auf Tour besonders vermisst und durch die sie ein „Besserer Mensch“ geworden sei. „Inzwischen trinke ich aber wieder Prosecco“, lässt die Künstlerin, die während des Konzertverlaufs Tee aus einem altmodisch anmutenden Service konsumierte, verlauten: „Das wäre ja sonst auch noch schöner“.

Unfreiwillige Helene-Fischer Momente

Mit ihrem Mann läuft es offenbar weiterhin gut, in der ersten Nacht, in der sie wieder Alkohol zu sich genommen habe, sei das nun folgende Lied entstanden: „Two shades of Torsten“ – naja. Es ist sicher was Wahres dran, dass der einstige Traummann im Laufe der Jahre etwas von seinem Zauber verliert, durchaus können einem Beschreibungen wie „Torsten mit Borsten“ auch ein kleines Grinsen abringen. Aber es bleibt doch ein wenig einseitig. Sympathischer dann, wie Louisan einen Versinger professionell aber auch offenkundig authentisch weglacht und sich selbst nicht so ernst nimmt.

Im Anschluss folgt erst eine Lobeshymne auf die Elbe, „den Fluss meines Lebens, in dem ich schon als Kind gebadet habe. Vielleicht bin ich deswegen so klein“ – folgerichtig kommt mit „Ich bin klein“ eigentlich ein Plädoyer für geringe Körpergrößen, das dann in der Schlusspointe („aber wenigstens nicht dünn“) wohl ironisch sein möchte, aber am Ende doch nur Bodyshaming reproduziert.

Am Montag im Dresdner Kulturpalast aufgetreten: Annett Louisan Quelle: Dietrich Flechtner

Danach kommt mit „Eine Frage der Ehre“ dann doch noch sowas wie Partystimmung auf, das swingt, ist cool und macht Spaß. Anders als die Protagonistin des Songs schnappt Annett Louisan weder nach Luft noch ein, sondern sich die Teetasse. Es wird dunkel und dann kommt mit „Ende Dezember“ ein echter Gänsehautmoment, ein Lied über Verlust und die Kunst, das Leben trotzdem zu genießen. Eine Wahl hat man ohnehin nicht, denn es „geht gnadenlos weiter, auch wenn deine Freude daran stirbt“. 2004 schickt die Sängerin dann in den April. „Das Spiel“ machte Louisan seinerzeit bekannt. Danach schickt sie uns erstmal in die Pause, nach der es etwas ruhiger zugeht und die einige unfreiwillige Helene-Fischer-Momente bereithält. Die riesige Diskokugel kommt zum Einsatz und schafft seltsam sphärische Momente in Kombination mit dem neuen changierenden Paillettenkleid der Künstlerin. Diese ist inzwischen zu Weißwein(-schorle?) –„Immerhin ist Premiere“ übergegangen und nutzt längere instrumentale Songausklänge, um ein paar Zichten durchzuziehen. Warum, wird nicht so richtig klar. Was anfangs noch als okayer Scherz durchgeht, wirkt bei der Wiederholung dann irgendwas zwischen pseudoprovokativ, ein bisschen weird und vor allem unnötig.

Tribut an die eigene Ostvergangenheit

Unterhaltsam wird es noch mal kurz als sie ihrer Ostvergangenheit Tribut zollt und Tastengenie und Bandmitglied Sascha Stiehler. Die beiden sind „die Ossis dieser Band“, er war ein Jahr alt, als die Mauer fiel, sie zwölf und dachte, sie wandere nun auf der „Straße der Millionäre“. Louisan hat weiter Spaß, macht Selfies mit dem Publikum, in dem sie zu dessen Freude herumwandert, und schlägt mit „Meine Kleine“, einem Lied aus der Perspektive ihrer Mutter, wieder ernste und doch sehr deepe Töne an, die zu berühren vermögen.

Anders bei „24 Stunden“, einem Song, der umgerechnet 86400 Sekunden umschreibt und erst durch die Prüfung der besten Freundin musste, die das mit einem immerhin ganz gelungenen Refrain aus arienartigem Gesang gepaarte Sammelsurium von Frauen-Klischees aus der Hölle aus kosmischen Gründen für gut befand. Was das Lied „Dingsbums“ in der Setlist sollte, weiß niemand so genau. Allgemein ist die zweite Hälfte etwas schwächer als die erste, wenngleich die Künstlerin selbst charmant und mit Freude bei der Sache ist. Nach zwei Zugaben ist um 22.40 Uhr und nach einem von Handylichtern begleiteten „Dreams are my Reality“ schließlich Schluss.

Zauberhaftes Wesen vs. plakatives Weltbild

Wie soll ich den Abend nun bestmöglich zusammenfassen? Die Diplomatin in mir kann die wirklich schöne und vielseitige Stimme Louisans da natürlich nicht unerwähnt lassen. Auch ist sie ein wirklich zauberhaftes und einnehmendes Wesen, das ganz offensichtlich Spaß hat an dem was sie tut, ihren Weg geht, wie sie ihn für richtig hält und das ist auch gut so. Der Frau in mir stößt das doch sehr einfache Weltbild auf, das die Texte leider plakativer als vielleicht gewollt vor dem geistigen Auge zeichnen. Die Frau wird – und das ist das eigentlich Tragische- nicht zum kleinen, schüchternen Mädchen degradiert, das auf die starke Schulter des Mannes und dessen Gunst, für die es Einiges zu tun bereit ist, angewiesen ist. Louisan erledigt das selbst. Das ist wenig progressiv und vor allem auch schade. Da nutzen auch die zwei mit Weinbegleitung auf der Bühne gerauchten Zigaretten nichts, die in der Gesamtschau weniger selbstbestimmt als inszeniert wirken. Das ARD Morgenmagazin beschrieb Louisans Musik mal als „Popchansons, die im Ohr schmelzen wie Karamell auf der Zunge“. Das mag mitunter zutreffen, weckt aber auch Assoziationen an Odysseus und die Sirenen. Nun ja. Karamell schmilzt nicht nur. Es besitzt auch hervorragende Klebeigenschaften.

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