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Dresden Lokales Keine Aussicht auf gelebte Sexualität für viele Menschen mit Behinderung
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11:27 10.09.2019
Die sächsische Pro Familia-Geschäftsführerin Ursula Seubert (Mitte) mit den vier Mitarbeitern des Projekts „Melisse“: Albert Schlenkrich, Anneke Damm, Paul Berthold und Yvonne Krüger (von links nach rechts). Quelle: Alexander Bahr
Dresden

Menschen mit körperlicher oder geistiger Behinderung, die ihre Sexualität ausleben? Für viele Menschen ohne Behinderung ein Thema, das kaum bis keine Beachtung erfährt. „Nur weil ich vermeintlich anders bin, habe ich ja nicht automatisch keine Grundbedürfnisse. Sexualität ist ein menschliches Grundbedürfnis“, erinnert Ursula Seubert, Geschäftsführerin von Pro Familia in Sachsen. Gemeinsam mit einem vierköpfigen Team in Dresden und Leipzig hat sie deshalb das Projekt „Melisse“ ins Leben gerufen: Die Buchstaben des Pflanzennamens stehen für „Meine Liebe selbstbestimmte Sexualität.“

Erschreckende Befragungsergebnisse

In Vorbereitung des Projekts führte das Dresdner Pro Familia-Team eine vom Freistaat Sachsen finanzierte Bedarfsermittlung durch. Befragt wurden 272 Menschen mit Behinderung und über 140 Fachkräfte, die in Einrichtungen für Menschen mit Behinderung arbeiten. Wie bereits von den Initiatoren vermutet, bietet die große Mehrzahl der Einrichtungen aktuell keine sexualpädagogischen Angebote an.

Weitere Ergebnisse der Umfrage nennt der mitarbeitende Sozialpädagoge Paul Berthold sogar „Sauereien“: Über die Hälfte der befragten Menschen sei schon einmal sexualisierter Gewalt ausgesetzt gewesen. Zudem wird laut der Befragung bei Frauen mit Behinderung vor allem mit der sogenannten Dreimonatsspritze verhütet, die Berthold eine „hormonelle Bombe“ nennt und die seiner Meinung nach einen „extremen Fremdeingriff in die Selbstbestimmung bei der Auswahl von Verhütungsmitteln“ darstellt.

Wie und mit wem Quelle: dpa

Recht auf sexuelle Selbstbestimmung

Die Ergebnisse der Bedarfsermittlung haben Ursula Seubert und ihr Team bekräftigt, Menschen mit Behinderung die Wahrnehmung ihres Rechts auf sexuelle Selbstbestimmung zu ermöglichen. Zwar gibt es kein Gesetzbuch, in dem sexuelle Selbstbestimmung als Recht formuliert explizit auftaucht. Durch die Grund- und Menschenrechte, so erklärt das Pro Familia-Team, sei das Recht, selbst zu entscheiden, wie und mit wem ich meine Sexualität ausleben möchte, dennoch gedeckt. Die UN-Behindertenrechtskonvention beinhaltet zudem den Schutz vor sexuellem Missbrauch und das Recht auf ein gesundes Leben.

Weshalb viele Menschen mit Behinderung dennoch keine Möglichkeit haben, ihre Sexualität auszuleben, hat unterschiedliche Gründe: „Das kann der Betreuungskontext sein, das können die Angehörigen sein, die Menschen als Kinder wahrnehmen, obwohl sie schon 40 oder 50 Jahre alt sind. Aufgrund dieser Abhängigkeitsgefüge liegt es oft im Ermessen der Fachkraft, was ein Menschen machen darf, erleben darf und welche Zugänge er hat“, erzählt Berthold aus der Praxis.

Betroffene stärker einbinden

Im sächsischen Sozialministerium, betreuenden Facheinrichtungen und in der Ausbildung von Fachkräften wurde bislang nur vereinzelt etwas getan, um das zu ändern. „Wenn du dich als Politiker mit dem Thema Sexualität beschäftigst, hast du sofort mediale Aufmerksamkeit. Dabei gibt es ganz schnell einen falschen Fokus“, erklärt Ursula Seubert. Sie kritisiert außerdem, dass die betroffenen Menschen bei der Diskussion selbst bislang zu wenig Gehör bekamen.

Eigentlich lautet das Motto der UN-Behindertenrechtskonvention „Nicht über uns ohne uns“: „Menschen, die behindert werden, wurden bislang zu wenig gefragt: Was wollt ihr eigentlich? Nur so wird ermöglicht, dass sie Vorstellungen entwickeln können, von dem was sie wollen“, betont Seubert. Die gesamte Öffentlichkeitsarbeit und der Internetauftritt des Projekts „Melisse“ sind deshalb in leichter Sprache gestaltet, so dass möglichst jeder versteht, worum es eigentlich geht.

Während seines Studiums der Sozialen Arbeit merkte Paul Berthold bereits, dass „partizipative Forschung, also Forschung mit Menschen, die behindert werden, in der Fachwelt noch nicht wirklich angekommen ist“. Um das zu ändern, besuchen die Projektmitarbeiter Paul Berthold und Yvonne Krüger auch Hochschulen in Sachsen, sprechen mit Studierenden und Dozenten. Im vergangenen Wintersemester organisierte Paul Berthold darüber hinaus ein Studium Generale zum Umgang mit sexuellen Bedürfnissen von Menschen mit Behinderung. Die Resonanz darauf sei sehr gut gewesen, berichtet der Sozialpädagoge.

Forderung nach neuen Konzepten

Finanziert ist das Projekt „Melisse“ an den Standorten Dresden und Leipzig vom Freistaat Sachsen bis März 2022. Bis dahin bieten die vier hauptamtlichen Mitarbeiter Schulungen für Fachkräfte und Sprechstunden für Menschen mit Behinderung an, suchen Einrichtungen auf und versuchen, bisherige Wissens- und Kompetenzlücken zu schließen.

„Jede Einrichtung der Behindertenhilfe muss mittelfristig eine Konzeption haben, wie sie mit den sexuellen und reproduktiven Rechten ihrer Klienten umgeht. Wir wollen einen Prozess anstoßen“, formuliert Geschäftsführerin Ursula Seubert das ambitionierte Projektziel. Ein Baustein ist die sogenannte „Schatzkiste“: Ein Portal zur Partnervermittlung, das Menschen mit Behinderung die Gelegenheit gibt, andere Menschen kennenzulernen. „Nur Wünsche zu wecken und kein Angebot zu bieten, geht natürlich nicht“, denkt Seubert bereits einen Schritt weiter.

Von Aaron Wörz

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