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Lokales Kästner-Preisträger der Stadt Dresden Reisch kritisiert: Sterben im Mittelmeer geht weiter
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Kästner-Preisträger der Stadt Dresden Reisch kritisiert: Sterben im Mittelmeer geht weiter

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10:00 06.09.2020
Kapitän Claus-Peter Reisch auf dem Deck des Rettungsschiffes „Eleonore“ Quelle: Johannes Filous/dpa
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Dresden

Am Sonntag erhält Kapitän Claus-Peter Reisch den mit 10 000 Euro dotierten Erich-Kästner-Preis des Presseclubs Dresden. Im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur zur Situation der Bootsflüchtlinge und dem endlosen Ringen um eine europäische Lösung übt er deutlich Kritik.

Frage: Es ist stiller geworden um die Bootsflüchtlinge, ist das Sterben im Mittelmeer vorbei?

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Claus-Peter Reisch: Corona übertüncht alles. Aber Menschen sind nach wie vor unterwegs. Die Schlepper schicken sie aufs Meer und es ist ihnen egal, ob sie jemals ankommen, sie haben ihr Geschäft ja gemacht. Das darf nicht in die Versenkung geraten, sondern muss im öffentlichen Bewusstsein bleiben.

„Im Mittelmeer sterben täglich Menschen“

Die EU ringt schon lange um eine gemeinsame Lösung, was halten Sie davon?

Das Gerede von einer europäischen Lösung des Problems heißt unter dem Strich nichts anderes als „ich will nicht“. Ich glaube nicht, dass Europa sich in irgendeiner und speziell in dieser Sache hundertprozentig einig wird. Es hat für mich schon eine gewisse Perversion, einfach in die Hände in den Schoß zu legen in dem Wissen, dass im Mittelmeer täglich Menschen sterben. Die dokumentierten Fälle von zufällig gefundenen leblosen Körpern im Wasser sind nur ein Bruchteil der Wahrheit. Es gibt viele leere Schlauchboote, in denen 80 bis 150 Menschen gewesen sein können, die in keiner Statistik auftauchen. Die Dunkelziffer ist also um ein Mehrfaches höher.

Was müsste passieren, damit das aufhört?

Man muss an die Fluchtursachen ran: Klimawandel und kriegerische Auseinandersetzungen. Dazu müssen wir auch unsere Lebensweise ändern, keine billig erzeugten Waren, gepresstes Hühnerfleisch oder Kleiderspenden nach Afrika exportieren, die die dortige Wirtschaft kaputt machen. Wenn wir nicht dafür sorgen, dass es in diesen Ländern qualifizierte Jobs gibt und Wertschöpfung stattfindet, werden sich Menschen weiter auf den Weg machen und das Sterben im Mittelmeer nimmt kein Ende.

Weniger Lippenbekenntnisse, mehr Taten

Was ist zu tun?

Dinge, die ich vor 32 Jahren schon gesehen habe in Afrika, haben sich seitdem nicht geändert. Ich möchte weniger Lippenbekenntnisse und mehr Taten sehen. Es muss konsequent dafür gesorgt werden, dass die Menschen in ihrer Heimat gut leben können und Perspektiven haben. Die Politik hat das Problem zwar erkannt, tut aufgrund wirtschaftlicher Interessen aber nichts. Sie muss endlich handeln und sich auch das Bewusstsein in der Wirtschaft ändern. Es gibt gute Ansätze wie eine Firma, die gerade eine Fabrik mit 85 Arbeitsplätzen für einheimische Fachkräfte in Ghana baut. Die Menschen verdienen ordentliches Geld und haben keinen Grund zu gehen.

Von Simona Block