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Joynext Dresden entwickelt einfühlsamen Auto-Assistenten

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19:20 18.06.2020
Joynext-Geschäftsführer Stavros Mitrakis weiß, worauf chinesische Verbraucher besonders großen Wert legen.
Joynext-Geschäftsführer Stavros Mitrakis weiß, worauf chinesische Verbraucher besonders großen Wert legen. Quelle: Dietrich Flechtner
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Dresden

Es klingt so einfach: „Verkaufen wir unsere Autos doch auch in China!“ Doch ein SUV-Geländewagen, der für die Vorlieben deutscher Fahrer entwickelt wurde, kann im Reich der Mitte ein Flop sein. Was hier als Todsünde eines Autobauers gilt, kann dort das entscheidende Verkaufsargument sein.

„Chinesische Autofahrer sind sehr technikaffin“, erzählt Stavros Mitrakis, einer der beiden Geschäftsführer des chinesisch-deutschen Automobilzulieferers Joynext. „Sie sind viel offener für Funktionsvielfalt im Auto, für viele Einstellungen. Sie sind Spracheingabe gewohnt, wollen ih­re chinesischen Apps auf dem Display haben und erwarten, dass das Auto soviel wie möglich für sie automatisch erledigt.“ Der durchschnittliche deutsche Autofahrer hingegen halte das für Spielerei, sei viel minimalistischer gepolt.

Lösungen, die speziell den chinesischen Autofahrer glücklich machen sollen

Diesen komplizierten Spagat zwischen den Welten zu schaffen, dabei hilft eine Dresdner Entwicklungsschmiede mit viel Erfahrung: erst unter der Regie des Satellitentechnik-Unternehmens Technisat, dann für Preh und nun als chinesisch geführter Autozulieferer Joynext. Am westlichen Stadtrand von Dresden, in Merbitz, beschäftigt das Un­ternehmen rund 580 Ingenieure, Funktechniker, Elektronik-Designer, Programmierer und andere Spezialisten. Sie entwerfen komplette Unterhaltungs- und Informations-Elektroniksysteme, die dann beispielsweise im Passat verbaut werden. Sie organisieren Rechnerwolken-Dienste (Cloud Services), über die die Autos von VW und Co. neues Kartenmaterial und Navigationsanweisungen überall auf der Welt abrufen können.

Und seit sie mit dem Konzern Joyson aus Ningbo liiert sind, tüfteln die Mitarbeiter auch immer häufiger an Lösungen, die speziell den chinesischen Autofahrer glücklich machen sollen: „Dieses kleine Gerät zum Beispiel verkuppelt Auto-Navis mit dem Smartphone-Betriebssystem Android“, zeigt Stavros Mitrakis auf eine Box, die auf den ersten Blick so unscheinbar wie eine ausgebaute Festplatte wirkt. „Dadurch können die Nutzer in China ihre Handys mit dem Auto koppeln und deren Inhalt auf den Hauptbildschirm bringen. Sie können dann dort ihre Apps herunterladen und nutzen – und all das tun, was sie sonst mit ihren Smartphones tun.“ Solche Funktionen seien in China elementar – wer sie nicht biete, sei kaum konkurrenzfähig.

Eine chinesische „Unterwanderung“ braucht niemand fürchten

Mehr und mehr spielt auch „künstliche Intelligenz“ (KI) für die Projekte der Dresdner Joynext-Mannschaft eine wichtige Rolle. „Derzeit bauen wir unsere Kompetenzen für die Analyse von Schwarmdaten aus“, erzählt Mitrakis, der innerhalb von Joynext von Dresden aus das Europa-Geschäft der Chinesen leitet. „Damit wollen wir empathische virtuelle Assistenten entwickeln, die dem Fahrer die Wünsche quasi von den Augen ablesen.“ Solch ein einfühlsamer Assistent erahnt zum Beispiel, wann der Fahrer einen Kaffee oder eine Pause braucht oder mehr Informationen über die weitere Route.

Andererseits dreht Joynext auch am ganz großen Rad und kooperiert mit einem der Lieblingsfeinde von US-Präsident Donald Trump, mit Huawei. Dabei geht es nicht nur um die Vernetzung autonom fahrender Autos mit den viel diskutierten 5G-Mobilfunklösungen von Huawei: Der chinesische Kommunikationskonzern will nun nämlich für seine selbstentwickelten Smartphone-Prozessoren auch neue Märkte im Automobilsektor erschließen – ähnlich, wie es zuvor Qualcomm, Nvidia und andere Konzerne geschafft haben. Solche Huawei-Chips für Steueraufgaben in hochautomatisierten Autos einzuspannen, wird ei­nes der nächsten großen Entwicklungsprojekte bei Joynext in Dresden sein.

Eine chinesische „Unterwanderung“ brauche deshalb aber niemand befürchten, versichert Stavros Mitrakis. Auch die Angst, dass die Chinesen nur darauf aus seien, sächsische Expertise gen Osten abzusaugen, um dann das Entwicklungszentrum in Dresden auf Raten zu demontieren, hält er für abwegig: Wenn die Umsatzeinbrüche im Zuge der Corona-Krise überwunden seien, rechnet er mit einem Ausbau und zusätzlichen Jobs am Standort Dresden. „Was hier über die Jahre an Kompetenzen und Wissen aufgebaut wurde, macht keiner so schnell nach.“

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Von Heiko Weckbrodt