Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Lokales Jetzt packen die Ermittler aus: So arbeitet Dresdens Mordkommission
Dresden Lokales Jetzt packen die Ermittler aus: So arbeitet Dresdens Mordkommission
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:16 03.10.2019
Frank Haschke ist Chef der Dresdner Mordkommission und leitet ein Team von sieben Mitarbeitern. Quelle: Anja Schneider
Dresden

Ein kalter Februartag im Jahr 2009. Bei der Feuerwehr in Walda bei Großenhain geht ein Notruf ein. Das Haus von Gunther Augsten steht lichterloh in Flammen, vom Wohnungsinhaber keine Spur. Nach zweitägigen Aufräumarbeiten ist klar: Der Künstler und Musiker ist nicht vermisst, er ist tot, liegt unter Brandschutt und Gebäuderesten begraben. Und der 49-Jährige, der sich während der Sommermonate seinen Lebensunterhalt unter der Sonne Ibizas verdient hatte, starb keines natürlichen Todes. Er wurde ermordet.

Der Tatort im Fall Gunther Augsten: In diesem Haus in Walda wurde der Künstler ermordet. Quelle: Anja Schneider

Damit begann die Arbeit von Hauptkommissar Frank Haschke. Der 53-Jährige leitet die Morduntersuchungskommission der Polizeidirektion Dresden, ein Team aus sieben Mitarbeitern. Hier greift jedes Rädchen ins nächste, weiß jeder, was zu tun ist – eine eingespielte Truppe mit Erfahrung. Im Fall Augsten – wie auch bei jedem anderen Tötungsdelikt – heißt das: Was ist passiert? Wer kann Auskunft geben? Wie organisieren wir uns? Standardisierte Vorgehensweise nennt das Frank Haschke.

Wie werde ich Polizist?

Polizist werden kann jeder, der die formalen Einstellungsvoraussetzungen erfüllt. Dazu zählen unter anderem die gesundheitliche Eignung und ein sauberes Vorstrafenregister. Außerdem müssen Interessenten ein Auswahlverfahren bestehen. Am Tag seiner Einstellung darf der angehende Beamte nicht älter als 35 Jahre sein.

Die Karriere startet mit einer Ausbildung oder einem Studium.

Die Ausbildung dauert 30 Monate und ist an einer der Polizeifachschulen in Leipzig, Chemnitz oder Schneeberg möglich. Mit bestandener Laufbahnprüfung erfolgt die Ernennung zum Polizeimeister.

Das Studium dauert drei Jahre und beinhaltet ein einjähriges Grundstudium in Bautzen und zwei weitere Jahre an der Hochschule der Sächsischen Polizei in Rothenburg. Im Anschluss winkt die Ernennung zum Polizeikommissar.

Geld verdient wird bereits in der Ausbildung. Der Polizeimeisteranwärter bringt es anfangs monatlich auf 1182,02 Euro, ein Po­lizeimeister dann zum Einstieg auf 2078,38 Euro. Wer studiert erhält anfangs 1227,19 Euro, der Polizeikommissar steigt mit 2319,66 Euro ein (alle Angaben für ledige Personen, Stand 1. Januar 2018).

Weitere Infos zur Karriere bei der sächsischen Polizei, zu Einstiegsmöglichkeiten und den späteren Verwendungsmöglichkeiten gibt es unter verdaechtig-gute-jobs.de.

Gunther Augsten hatte massive Verletzungen am Kopf, zudem keinen Rauch in der Lunge. Er hatte also nicht mehr gelebt, als der Brand ausgebrochen war. Wer hatte dem Überlebenskünstler das angetan? Und warum? Um das herauszufinden – und weil 90 Prozent aller Morde im Beziehungsumfeld begangen werden –, befragten die Ermittler zunächst Familie und Freunde, dann das nähere Umfeld, suchten Zeugen und werteten Handydaten aus. Auch die Polizei in Spanien, wo sich Augsten die Hälfte des Jahres aufhielt, wurde kontaktiert. Schließlich wollte der Künstler nur wenige Tage, nachdem sein Haus in Flammen aufgegangen war, wieder in seine zweite Heimat aufbrechen. All das blieb ohne Erfolg.

In diesem Koffer steckt alles, was ein Mordermittler am Tatort benötigt – darunter eine Taschenlampe und Instrumente zur Spurensuche. Quelle: Anja Schneider

Im Spätherbst 2009 – mehrere Monate nach der Tat – bat die Mordkommission schließlich das Landeskriminalamt (LKA) um eine Operative Fallanalyse. Wurden bereits ähnliche Verbrechen verübt? Wer war mit dem Ort vertraut? Gibt es Übereinstimmungen? Die Experten wurden fündig. Sie stießen auf einen jungen Mann, der sich sowohl in Walda sehr gut auskannte, weil er im dortigen Kinderheim gewohnt hatte, als auch bereits straffällig geworden war. „Das LKA gab uns den Namen David K. und sagte: Den solltet ihr euch mal anschauen“, berichtet Frank Haschke.

Der damals 26-jährige K. war leicht zu finden. Er war wegen anderer Straftaten verurteilt und in eine psychiatrische Klinik eingewiesen worden. An die erste Vernehmung im März 2010 im Haftkrankenhaus Arnsdorf erinnert sich Frank Haschke noch sehr genau: „Er hat die Tat sofort eingeräumt, ist aufgestanden und wieder gegangen.“

Fallzahlen der Mordkommission

Jahr

vollendete Tötungsdelikte

versuchte Tötungsdelikte

geprüfte Fälle

2013

2

-

7

2014

7

3

7

2015

12

1

4

2016

1

-

11

2017

5

-

5

2018

7

2

4

Bei der Durchsuchung der Wohnung des Tatverdächtigen fanden die Ermittler eindeutige Beweise, zudem hatten Zeugen David K. in der Nähe des Tatortes gesehen, mit Brandwunden im Gesicht. „Wir waren uns 100-prozentig sicher, dass er es war“, schildert der Hauptkommissar. Warum der junge Mann zum Mörder geworden ist, bleibt aber weiterhin unklar. Gott habe ihm die Tat befohlen, gab er an. Er befindet sich noch immer in einer psychiatrischen Klinik.

Mehr als ein Jahr hat es gedauert, um den Mord an Gunther Augsten aufzuklären – dank akribischer Ermittlungsarbeit der Polizei. Eine durchschnittliche Aufklärungsdauer. Nicht immer gelingt es den Beamten, einen Täter zu fassen. Davon zeugen Aktenordner, die Frank Haschke buchstäblich im Nacken sitzen, wenn er an seinem Schreibtisch arbeitet. Ungeklärte Fälle, Meter um Meter Namen und Schicksale, einige liegen mehr als 20 Jahre zurück (siehe Kasten). „Das bewegt einen natürlich“, sagt der Chef der Mordkommission. Vergessen werden diese Namen nicht. Auch wenn ein aktueller Fall immer Priorität hat, holen die Beamten die alten Akten regelmäßig aus dem Regal, prüfen neue Hinweise, werten die Spuren noch einmal aus.

Ungeklärte Fälle – drei Beispiele

Der Fall Thomas Hummel:Am 18. März 1991 macht sich Thomas Hummel von seiner Wohnung im Stadtteil Laubegast auf den Weg zur Arbeit. An der Laibacher Straße wurde der 26 Jahre alte Ingenieur von einem Unbekannten mit mindestens fünf Messerstichen niedergestochen und erlag seinen Verletzungen. Zeugen beschreiben den Mörder als Punker, er trägt einen Irokesenschnitt, einen martialischen Kampfanzug und Stiefel. Die Polizei ermittelt in der Dresdner Punker-Szene – ohne Erfolg. Auch das Motiv der Tat ist noch immer unklar.

Die Gebrüder Silbermann:Am 11. November 1995 wurde der 24 Jahre alte Sven Silbermann tot auf einem Sportplatz in Dresden aufgefunden. Vier Tage später fand man zudem die Leiche seines zwei Jahre jüngeren Bruders Michael am Mittelteich in Moritzburg. Sven Silbermann hatte Stichverletzungen, Tätowierungen deuteten auf seine Zugehörigkeit zur rechtsextremen Szene hin. Die Polizei vermutete damals, er und sein Bruder seien aus ihrer Wohnung an der Leipziger Straße von einer Tätergruppe entführt und getötet worden. Trotz einer Belohnung von 10 000 Mark für Hinweise auf die Täter blieb die Arbeit der Sonderkommission „Silbermann“ bis heute ergebnislos.

Der Fall Vera Marotz: Am 20. Oktober 2004 wurde Vera Marotz am Feldrand der Grödeler Straße in Nünchritz tot aufgefunden. Die 66-Jährige wies massive Verletzungen am Kopf und Rumpf auf. An den Händen der Toten sicherte die Polizei eine weibliche DNA-Spur, die bis heute nicht zugeordnet werden konnte. Vera Marotz lebte als Messie, was ihr den Spitznamen „Katzen-Jule“ einbrachte. In der Tatnacht beräumte sie ein Grundstück und hatte bereits mehrfach Gegenstände mit ihrem Handwagen in eine alte Scheune gebracht, die sich 250 Meter vom Tatort entfernt befand.

Frustration hat bei dieser Arbeit keinen Platz. „Wenn ich frustriert wäre, würde ich aufhören“, sagt Frank Haschke. Wenn man mit einer Ermittlung anfängt, wisse man nie, was am Ende rauskommt. Drei verwertbare Aussagen – das kann das Ergebnis einer Befragung von 200 bis 300 Personen sein. Zu den klaren Tötungsdelikten kommen zudem Fälle, die nicht eindeutig sind. Die Arbeit am Sachverhalt bleibt die gleiche – alle Umstände prüfen, alle Spuren sammeln und auswerten, alle Kontaktpersonen befragen. „Manchmal ist es schwieriger einen Unfall nachzuweisen als ein Tötungsdelikt“, sagt Frank Haschke.

Die wichtigste Eigenschaft eines Mordermittlers neben Erfahrung im Polizeidienst? „Teamfähigkeit“, sagt der Hauptkommissar. Außerdem erfordert der Job Fantasie, um in alle Richtungen denken zu können. Und Biss. Frank Haschke nennt das einen Hang zur Besessenheit. Den hatte der 53-Jährige übrigens schon recht früh: „Ich wusste schon in der 8. Klasse, dass ich irgendwann in der Mordkommission arbeiten wollte.“

Tatort Dresden – Die komplette Serie

Auf Nachtschicht mit dem Kriminaldauerdienst

Polizeihauptkommissar Andreas Scholz trainiert die Dresdner Polizei am Schießstand

110: Der Polizist am anderen Ende der Leitung des Notrufs

Die Brandursachenermittlerin

Das Lagezentrum

Die Verkehrspolizei

Das Polizeiorchester

Die Streifenpolizei

Der Mordermittler

Die Ausrüstung

Der Staatsschutz

Die Pressestelle

Das Interview mit dem Kripo-Chef

Von Christin Grödel

Im Schnitt mussten Käufer 245 Euro je Quadratmeter für Baugrundstücke für Eigenheime im ersten Halbjahr 2019 berappen. Das ist ein Fünftel mehr, also noch vor sechs Monaten. Zugelegt haben die Immobilienpreise aber auch noch in einem anderen Bereich.

03.09.2019

Der Verein Denk Mal Fort! e.V. zeigt in diesem Jahr in der Kapelle des Nordfriedhofes in Dresden Vorlagen fürs Kopfkino von Michael Klipphahn. Wie lässt sich das Miteinander von Menschen und Dingen in unserer Gesellschaft denken? Kann man Dinge tatsächlich als soziale Akteure betrachten?

03.09.2019

Seit Beginn des Monats zahlt die Stadt Dresden bei den Kita-Kosten drauf. Die turnusmäßig geplante Gebührenerhöhung war vor der Sommerpause in die Wahlkampfmühlen geraten – es geht um richtig viel Geld. Jetzt kommt wieder Bewegung in die Sache.

03.09.2019