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Lokales Georg Dertinger – vom Außenminister zum Staatsfeind
Dresden Lokales Georg Dertinger – vom Außenminister zum Staatsfeind
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09:39 24.02.2020
BRÜCHE Georg Dertinger Vom Außenminister zum Staatsfeind. Quelle: Anja Schneider
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Dresden

Gar nicht weit von hier war er acht Jahre lang inhaftiert – In Bautzen 2, dem Gefängnis für politische Gefangene in der DDR. In der Gedenkstätte dort erinnert heute eine Stele an ihn: Georg Dertinger, Mitbegründer der Ost-CDU, von 1949 bis 1953 erster „Minister für Auswärtige Angelegenheiten der DDR“, dann verhaftet und verurteilt als Staatsverräter zu 15 Jahren Haft.

Dertingers Söhne Rudolf und Christian waren am Sonntag in der Matinee-Reihe „Brüche“ auf dem Theaterkahn zu Gast und im Gespräch mit Moderator Frank Richter. Denn Brüche... sie prägten nicht nur das Leben ihres Vaters, sie trafen auch die Söhne und die ganze Familie. Für alle hatte die Nacht vom 15. auf den 16. Januar 1953 schlimme Folgen, als Mutter und Vater weggeholt wurden.

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„Du kommst morgen nach Pankow

Christian, damals achteinhalb Jahre alt, erinnert sich lebhaft: „Da war ein Aufruhr im ganzen Haus. Ich versteckte mich unter der Bettdecke und drückte unseren Hund Waldi an mich. Die Mutter kam noch mal rein und machte mir mit dem Finger ein Kreuz auf die Stirn. Sie sagte: Morgen bin ich zurück.“ Später sah er viele Leute, die durchsuchten alles. Ein großes Modellschiff lag zerschmettert am Boden. Ihm sagte man: „Du kommst morgen nach Pankow.“ Dort war die Dienstvilla seines Vaters. Christian war beruhigt.

Doch seine Familie sah er so schnell nicht wieder. Ebensowenig wie sein Bruder Rudolf, sieben Jahre älter. Der war zu jener Zeit in einem Internat in Heiligenstadt, als ihn die Stasi abholte. „Dein Vater in Berlin will dich sprechen“, war der Vorwand. Rudolf erinnert sich, dass er noch einmal zurück wollte in die Klasse. „Da saß meine erste Liebe“, schmunzelt er ein wenig auf dem Theaterkahn. „Ich glaube, sie sitzt heute auch hier.“ Das stimmt. Gisela Sonntag, wie sie damals hieß, ist gekommen. „Seit sechzig Jahren haben wir Kontakt gehalten“, erzählt sie später im Foyer.

Georg Dertinger

Geboren wurde Georg Dertinger am 25. Dezember 1902 in Friedenau (Vater evangelisch, Mutter katholisch).

Sein Vater fiel im Oktober 1914 in Ostpreußen.

Er war Mitglied der Deutschnationalen Volkspartei DNVP und nahm 1920 am Kapp-Putsch teil.

Sein Studium in Jura und Volkswirtschaft in Berlin brach er ab.

Ab 1923 arbeitete er bei der „Magdeburgischen Zeitung“ und später in der Magdeburger Redaktion des „Stahlhelm“ mit.

1933 nimmt er an den Verhandlungen um das Konkordat zwischen Deutschen Reich und Heiligen Stuhl teil.

1945 ist er Mitbegründer der CDU in der Sowjetischen Besatzungszone.

Von 1949 bis 1953 ist er Abgeordneter der Volkskammer und erster Minister für Auswärtige Angelegenheiten der DDR.

Georg Dertinger ist Verfechter eines geeinten Deutschlands unter strikter Wahrung der Neutralität.

Er hat großen Anteil am Entwurf der ersten Verfassung der DDR

Als Außenminister ist er einer der Unterzeichner des Görlitzer Abkommens mit Polen über die Oder-Neiße-Grenze im Juli 1950.

Im Januar 1953 verhaftet ihn die Stasi wegen angeblicher Pläne zur „Beseitigung der DDR“ und der Organisation des „Eindringens faschistischer bewaffneter Banden über die Demarkationslinie“.

Im Sommer 1954 folgt die Verurteilung in ei­nem Geheimprozess zu 15 Jahren Zuchthaus (nach zehn Jahren 1964 begnadigt)

Georg Dertinger stirbt in Leipzig im Januar 1968.

1991 wird das Urteil gegen Georg Dertinger vom Landgericht Berlin aufgehoben wegen „Aussageerpressung und Rechtsbeugung“.

Doch in der Matinee hat zunächst und zum Auftakt Vater Georg Dertinger das Wort. Denn es gibt eine Tonbandaufnahme aus dem Jahr 1967, zweieinhalb Stunden lang, sein politisches Testament. Es entstand in der katholischen Studentengemeinde in Leipzig, Christian war dort Mitglied. „Da saßen wir zu sechst oder siebt vor dem Smaragd-Tonbangerät, ein riesiger Kasten, und mein Vater fing an zu sprechen, druckreif. Ich war stolz.“ Angst hatten die Teilnehmer nicht. „ Wir wussten ja, wir würden überwacht werden, und mein Vater, nach allem, was erlebt hatte, fühlte sich innerlich frei.“ Drei Jahre zuvor war er aus der Einzelhaft in Bautzen entlassen worden, wenige Monate später starb er nach schwerer Krebserkrankung.

Zwischen den Systemen

Die Tonbandaufnahme indes fand den Weg in den Westen und zum Sohn Rudolf. Der war nach seiner Festnahme im Internat wegen Spionage zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Nach der Haft floh er über Berlin in den Westen, lebte und arbeite später als Journalist in Köln und Aachen. Das Tonband habe er jahrelang unter Verschluss gehalten.

Dort beschreibt Vater Georg eingangs, wie er als junger Mann zu den Rechten kam. Die Sozialisten und Kommunisten hätten es in den Jahren 1918 bis 1920 in keinster Weise geschafft, „die jungen Menschen, die aufgewühlt waren, anzusprechen“. Sie hätten nur Parolen gehabt wie „Ich kenne kein Vaterland“ und keine Antworten für Jugendliche auf der Suche nach einem neuen Leitbild. „Wir standen rechts, weil uns der Weg nach links verbaut war.“ Die Weimarer Republik habe die Jungen vor den Kopf gestoßen in ihrer Geburtsstunde.

Doch da war diese tiefe konservative und kirchlich geprägte Überzeugung, die Dertinger politisch antrieb, fasste Frank Richter in seiner Moderation auf dem Theaterkahn zusammen. Nach 1945 setzte Dertinger sich früh ein für die Idee eines geeinten Deutschlands unter strikter Wahrung der Neutralität. Auch in der Stalin-Note 1952, dem Vorschlag an die drei Westmächte, mit einer gesamtdeutschen Regierungs über einen Friedensvertrag zu verhandeln, finden sich Gedanken, wenn nicht gar Formulierungen von Dertinger. Die Bundesrepublik unter Adenauer jedoch stand für Eingliederung in die Westmächte.

Politik vom Christentum her denken

Dertinger war klar, dass es eine Aussöhnung mit Polen brauchte. Er verhandelte die Oder-Neiße-Grenzverträge zwischen der DDR und Polen mit und war einer der Unterzeichner. Sein Ziel war eine möglichst humane deutsche demokratische Republik. Er wollte Politik, auch sozialistische Politik vom Christentum her denken. „Er kam von ziemlich weit rechts und landete bei der Idee eines christlichen Realismus, Sozialismus.“

Doch solche Gedanken, solche Idee kamen zur Unzeit, wie Dertinger selbst in seinem Tonbanddokument resümierte. Stattdessen Verhaftung, erpresste Geständnisse, Geheimprozess, Bautzen 2. Auch seine Frau wurde zu acht Jahren Haft verurteilt. Und so kommen wir noch einmal zu Sohn Christian. Er kam zu einer Pflegefamilie in die Nähe von Magdeburg, die ihn sehr freundlich aufnahm. Doch die Stasi erzählte ihm folgende Geschichte: Seine Eltern Dertinger seien Verbrecher und gar nicht seine richtigen Eltern, sie hätten ihn nur adoptiert. Eigentlich heiße er Christian Müller, seine wahren Eltern seien bei einem Bombenangriff auf Berlin gestorben.

Erst als seine Mutter nach acht Jahren aus der Haft entlassen wurde, kehrte er zu ihr zurück. Sie wohnte in Annaberg. Der Stasi-Mann. den er schon kannte, teilte ihm und seinen überraschten Pflegeeltern lapidar mit: „Deine Mutter ist aus dem Gefängnis zurück, du musst nach Annaberg. Tja, so sind die Gesetze, da kann man nichts machen.“ Und so wurde Christian Müller wieder ein Dertinger.

Von Bernd Hempelmann