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Lokales In Dresden stand die Wiege der Radar-Kontrollen in der DDR
Dresden Lokales In Dresden stand die Wiege der Radar-Kontrollen in der DDR
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15:11 26.03.2019
Fachmann für Hochfrequenztechnik: Rudolf Stange hat noch viele Unterlagen aus der Zeit, als er der mobilen Radarmessung in der DDR mit auf die Beine half. Quelle: Dietrich Flechtner
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Dresden

Es war im April 1959, als der Student Rudolf Stange an der Technischen Hochschule (TH, später TU) Dresden seine Diplomarbeit einreichte: „Voruntersuchungen für den Bau einer Doppler-Radar-Anlage, Hochfrequenzteil“. Den Niederfrequenz- und Anzeigeteil bearbeitete ein Kommilitone. Nach diesen Plänen baute die Werkstatt des Instituts für Hochfrequenztechnik und Elektronenröhren der TH Dresden einen Prototyp. Das war der Beginn der mobilen Geschwindigkeits-Radarkontrollen auf den Straßen der DDR.

„Es ging nicht primär ums Abkassieren“

Seit genau 60 Jahren gibt es jetzt mobile Radarkontrollen in Deutschland. Die Firma Telefunken hatte im Westen ein solches Gerät entwickelt. „Zu der Zeit hatten wir auch schon mit der Entwicklung angefangen“, erinnert sich Stange, der mit seiner Abschlussarbeit am Institut für Hochfrequenztechnik und Elektronenröhren zum Diplom-Ingenieur wurde. Für ihn und seinen Kommilitonen war das zunächst mal nur eine technische Aufgabe für eine praktische Anwendung. „Doch als wir das der Polizei vorgestellt haben, da war die Begeisterung groß“, erzählt er.

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Es dauerte nicht lange, und die neue Messmethode wurde im Dresdner Stadtgebiet eingesetzt. Da gab es schon eine Weiterentwicklung – der auffällige Parabolspiegel des ersten Modells war durch einen dezenteren Kasten ersetzt. Insgesamt bestand die Anlage aus zwei Komponenten – dem Messgerät und, etwa 200 Meter weiter hinten an der Straße, dem Anzeigeteil, auf dem die Geschwindigkeiten abzulesen waren und dem Fahrer präsentiert werden konnten.

Die Volkspolizei wurde in der Handhabung der neuen Technik geschult, hier zu sehen ist das Anzeigeteil. Quelle: Dietrich Flechtner

„Geblitzt“ wurde nicht, Fotos gab es keine. Allerdings wurden die Autofahrer, wenn sie nicht zu sehr übers Ziel hinausgeschossen waren, über ihr Fehlverhalten belehrt. „Die Vorgehensweise der Polizei hier war ganz anders“, sagt Stange, „es ging nicht primär ums Abkassieren.“

Doch es dauerte wiederum nicht lange, da wurde man „an höherer Stelle auf uns aufmerksam“, berichtet er. Mittlerweile hatte das „Neue Deutschland“ einen Bericht über die „Radartechnik als modernes Hilfsmittel im Straßenverkehr“ veröffentlicht. Angefragt hatte die Zeitung beim Institutsleiter Prof. Hans Frühauf und um einen „populärwissenschaftlichen Beitrag aus dem Gebiet der Hochfrequenztechnik“ gebeten.

Bezahlt wurde nach Bußgeldkatalog West und in D-Mark

An „höherer Stelle“ kam man auch bald auf die Idee, das könnte großflächiger in der DDR eingesetzt werden. Es brauchte mehr Geräte. „Damit war die Institutswerkstatt überfordert“, berichtet Rudolf Stange. Eine Lösung kam schnell und unbürokratisch. Nach dem Absturz des in Dresden entwickelten Düsenflugzeugs 152 und der darauf folgenden abrupten Einstellung des Flugzeugbaus der DDR waren deren Konstruktions- und Fertigungskapazitäten am Flughafen in Klotzsche vakant. So übernahm die ehemalige Elektronik-Abteilung, inzwischen in eine Außenstelle des Instituts für Nachrichtentechnik Berlin überführt, den Bau der Radarmessgeräte in Kleinserie.

Sie standen bald vor allem an den Transitstrecken, etwa der Fernstraße F 5 von Hamburg nach Berlin. Die Schulung der Polizei und den Service, die Wartung der Geräte lag bei den Spezialisten der TH. Und so erfuhr auch Rudolf Stange, wie es dort ablief. Bezahlen - kein Problem: nach Bußgeldkatalog West und in D-Mark. „Wenn einer sich weigert, dann sagen wir dem, wir melden das nach Flensburg“, erzählten die Polizisten bei den Schulungen. Die Verkehrssünderkartei in Flensburg hatte die BRD Anfang 1958 eingeführt. In der DDR hatte stattdessen jeder Fahrzeugführer für Vergehen den „Stempelschein“. Auch Stange selbst wurde übrigens schon mal „Opfer“ seiner Entwicklung, aber die Volkspolizisten seien nachsichtig gewesen, sagt er schmunzelnd: „Ich kannte die ja meistens.“ Und seine Frau Ursula erinnert sich, dass sie am Autobahnkreuz Cottbus mal mit zehn Mark dabei war…

So sah das allererste Messgerät aus – die auffällige Radarschüssel verschwand bald darauf in einer dezenteren, kastenförmigen Hülle. Quelle: Dietrich Flechtner

Auch Radarwarnungen sind keine neuen Erfindungen, aber anders funktionierten sie schon. Die Pendler zwischen der BRD und Westberlin meldeten bei ihrer Ankunft an der westlichen Kontrollstelle den Standort der Radargeräte, der dann per Aufsteller publiziert wurde. So konnten sich die „Genossen“ ausrechnen, wie lange es sich lohnte, an einem Standort zu bleiben. Für Verblüffung sorgten halbierte Zeiten. Stange: „Die Military Police meldete die Radarkontrollstellen gleich per Funk.“

Bis etwa Mitte der 70er Jahre waren die Radargeräte aus Dresden an den Fernstraßen und Autobahnen im Einsatz, dann wurden sie durch wirkliche „Blitzer“ aus Polen ersetzt. Die Wiege der mobilen Radarkontrollen in der DDR indes stand hier an der TH. Und für die Diplomarbeit von Rudolf Stange, mit der alles begann, gab es die Note „sehr gut“. Später promovierte er dann auch mit einem Thema aus der Hochfrequenztechnik.

Von Bernd Hempelmann