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Lokales Im Erdschatten: Laura Linnenbaum inszeniert Maxim Gorkis „Kinder der Sonne“
Dresden Lokales Im Erdschatten: Laura Linnenbaum inszeniert Maxim Gorkis „Kinder der Sonne“
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12:22 10.02.2020
Das System der Wissenschaft als leuchtende Drehscheibe für Gorkis “Kinder der Sonne”. Quelle: Sebastian Hoppe
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Dresden

Maxim Gorki schrieb nicht nur ein Pamphlet gegen die zaristische Gewalt bei der Januarrevolution, sondern – darob in der Festung eingebuchtet, also in artifizieller Knastmuße – jene „Kinder der Sonne“. Das geschah vor genau 115 Jahren in unserer heutigen Partnerstadt St. Petersburg, wobei er dank seinem vorherigen „Lied vom Sturmvogel“ daran nicht ganz unbeteiligt war – und auch Kollege Tschechow für seine Freilassung warb.

Mit dem Drama, welches schon im Januar 1906 seine deutsche Erstaufführung auf der Kleinen Bühne unter den Berliner Linden mit über siebzig Vorstellungen erfuhr und er auf Durchreise stürmisch gefeiert ward, schuf er, eingebettet in eine typisch trostlos-russische Familiengeschichte, eine wirklich weitsichtige wie ironische Behandlung der Verantwortung von Wissenschaft (und Kunst) für die Gesellschaft: Die Macht der Schönheit gegen die Kraft der Wahrheit – mit veritablem Glauben an den Fortschritt, nach dem der Mensch sich einst „aus einem Klümpchen Eiweiß im Schein der Sonne“, also mit Solarkraft, entwickelte.

Kometen im Kosmos der Gefühle

Hier hat der Chemiker Protassow, selbstbezüglich gefangen im eigenen Wissenswahn und Forscherdrang, nur vier Probleme: seine Frau Jelena, seine Schwester Lisa, eine Witwe namens Melanija – und einen Vermieter, der von ihm Geld und nebenher seine beste Bedienstete ausspannen will. Während sein begehrenswertes Weib, als Einzige angstlos vor der draußen aufkommenden Cholera, mit dem Maler Wagin als Modell harmlos flirtet, hat die geisteskranke Schwester nichts besseres zu tun, als den ukrainischen Tierarzt Tschepurnoi abzuwimmeln, obwohl sie dessen Fürsorge eigentlich genießt und in lichten Momenten die Trostlosigkeit der Außenwelt richtig erfasst. Dessen Schwester wiederum, neureiche Witwe, hat sich Protassow als Ziel ihrer abgöttischen Begierde vorgenommen, die dieser höflich, aber leger bis empathie- wie lustfrei abwimmelt.

All das Geschehen sortiert Helga Werner als Kindermädchen Antonowna, auf die trotz großer Präsenz in Stimme wie Statur, niemand hört. Ebenso prägend spielt Oliver Simon den verhuschten Wissenschaftler als Hausherr mit gepflegter sozialer Inkompetenz, während Karina Plachetka als lebenslustige Jelena trotz dessen systemischer Harmonie den reichlich selbstbewussten Wagin von Raiko Küster (mit Berliner Gorki-Erfahrung) sonnenartig anzieht wie abstößt. Auch Anna-Katharina Muck hat wie schon in „Homohalal“ große Momente in Einforderung ihrer abgewiesenen Liebe. Am markantesten spielen aber Birte Leest und Viktor Tremmel ihre unglückliche Zuneigung aus – allesamt Kometen im Kosmos der Gefühle, die bei übergroßer Anziehungskraft verglühen würden.

Vierter Regiemeteor mit schwerer Kost

Für die Regie konnte Laura Linnenbaum begeistert werden, die in Sachsen schon drei Meteore erfolgreich startete: in Chemnitz schuf die gebürtige Nürnbergerin parallel zur Arbeit als Kuratorin des NSU-Gedenkfestivals „Unentdeckte Nachbarn“ 2016 die Regie des Höhepunktes und ward mit „Beate Uwe Uwe Selfie Klick oder Welthauptstrand Europa“ zum Heidelberger Stückemarkt eingeladen.

Und sie bescherte Dresden vor drei Jahren die preisgekrönte Uraufführung von „Homohalal“, nachdem Stück samt Autor Ibrahim Amir zuvor in Wien (dank Sujet: schwuler & aufmüpfiger Muslim) in Ungnade fiel. Das waren allerdings allesamt Uraufführungen in Kammerspielformat. Die Klassiker kamen danach, inzwischen erobert sie nach Bonn auch Berlin – nun erfolgte die Rückkehr nach Sachsen: diesmal ins große Dresdner Schauspielhaus mit Gorkis Kosmos – keine leichte Aufgabe.

Welt der Wissenschaft als Scheibe

Sie wählt mutig einen systemtheoretischen Ansatz für die Innen-/Außenunterscheidung der sozialen Welten, beruhend auf die kommunikative Missverständlichkeit zwischen gesellschaftlichen Teilsystemen wie Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, aber auch Familie und Freundschaftskreis. Gelungene Kommunikationen, das weiß die Soziologie, sind schon innerhalb dieser Systeme recht selten. Dieser Ansatz wird räumlich zweidimensional umgesetzt: die Welt der Wissenschaft als Scheibe.

Genau gesagt: als von unten erleuchtete stets rotierende Drehscheibe, die ihr treuer Bühnenbauer Valentin Baumeister bastelte – und die ringsherum nur noch zehn schwarzer Holzstühle, eine Leiter, eine Leuchte, einen Strick und ein paar Teetassen bedarf. Passend dazu die klaren Kostüme von David Gonter: teils zeitlos (die Damen jenseits der Haushälterin), teils originär wie die beiden vergeblich werbenden Herren, alles farblich sehr genau abgestimmt, unverkennbar und schlüssig.

Verfinsternde Kinderkometen

Auch in Dresden anno 2020 forscht der verpeilte Protassow ebenso unsozial wie missverstanden – doch hier kriecht mitsamt der Cholera-Epidemie mählich die Unterschicht unter der Scheibe hervor, ein bequemes Weiterleben scheint darob obsolet. Ob es dabei 19 Kinder, die erst ab und an im Hintergrund, erst einzeln, später als schwarze-kritische Masse aus dem Hinter- resp. Untergrund auftauchen und damit die Sonne verfinstern, für einen einzigen Fridays-for-Future-Schlusssatz als Chor (und vorher die Unterwäschedesignshow) wirklich nötig sind, belassen wir im Auge des Betrachters.

Gut aber Grundidee, die Kids immer außerhalb der drehenden Erdscheibe, also des beleuchteten wie beschleunigten Lebens zu belassen, wobei deren – knirschende bis rauschende – Rotation im steten Uhrzeigersinn in drei verschiedenen Geschwindigkeiten irgendwann doch ermüdet, auch weil die interessanten Randkonstellationen – also der extrastellare Raum als Kontrast – zu wenig genutzt werden.

Anhaltender Beifall nach 2:45 Stunden

Die Botschaft wird so – bei immer schmutziger werdenden Schneegeriesel zum Ende– sonnenklar, auch wenn Gorki noch selbsterfahrenen Klassendifferenzen bei bitterster Armut als Grund für blutige Revolutionen und deren Niederschlagung im Blick hatte. Darauf verweisen zwei Szenen: Fanny Staffa kündigt als fesches Dienstmädchen Fima und heiratet statt dem elegant-schmierigen Immo-Mischa von Philipp Grimm, der auch bei der Anwerbung von Protassow scheitert, einen alten reichen Knacker, um nicht als Dirne enden zu müssen.

Und der Schlosser Jegor, Gorkis Mann für jene Kernbotschaft, dass man auch immer auf die armen Leute achten sollte, die vielleicht keine Sonnenkinder sind: Yassin Trabelsi spielt diesen als einäugig-hinkenden Glatzkopf in behender Ambivalenz zwischen abnehmenden proletarischen Unterwurf und aufkommenden Aufmüpf und hat beim Lampeneinsatz eine herrliche Slapsticknummer mit Leiter. Beide spielen das großartig – und bekommen wie das gesamte Ensemble (insgesamt stehen 35 Künstler auf der Bühne) – bei der Premiere am Sonnabend nach 2:45 Stunden anhaltenden Applaus.

Schauspielhaus Dresden am 12., 15. & 24. Februar sowie 10. & 16. März (je 19.30 Uhr)

Von Andreas Herrmann

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