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Lokales Im Dresdner Tageshospiz finden Schwerkranke und Trauernde miteinander Halt
Dresden Lokales Im Dresdner Tageshospiz finden Schwerkranke und Trauernde miteinander Halt
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13:43 17.12.2018
Im Tageshospiz des Christlichen Hospizdienstes Dresden tauschen sich Schwerkranke und Trauernde bei Bastelarbeiten aus. Begleitet werden sie von Leiterin Anke Schramm-Schmidt (hinten stehend rechts) und Hospizdienst-Koordinatorin Annegret Humml (links). ­ Quelle: Foto: Dietrich Flechtner
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Dresden

Diesmal zu Weihnachten wird für Dieter H. alles anders sein. Im März ist seine Frau gestorben. „Ich muss eine unheimliche innere Kraft aufwenden, um überhaupt zu existieren“, sagt der 66-Jährige. „Jetzt in der dunklen Jahreszeit sitze ich viel in der Wohnung und grüble.“ Seine Ge­fühle schwankten in ständigem Auf und Ab. Wenn die Kinder da seien, versuche er, sich zusammenzunehmen und nicht ständig zu weinen. „Nur hier kann ich die Tränen einfach fließen lassen.“

Mit neun Frauen sitzt er an einem langen Tisch voller Bastelmaterial und Werkzeugen. Die einen fügen kleine Kurrendesänger aus Papier zusammen, andere formen Engel aus Ton. Dieter H. hält ei­nen kleinen Christbaum in den Händen, den er eben gefaltet hat.

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Einfach klingeln, ohne Anmeldung

Ihm gegenüber legt Helga H. das Strickzeug zur Seite. Vor ihr muss er sich nicht zusammenreißen. Sie weiß, dass Trauer Zeit braucht, weit mehr als jene denken, die nicht betroffen sind. Im Januar 2016 hat sie bei einem Terroranschlag in Istanbul Mann und Sohn verloren. „Bis heute komme ich damit nicht klar“, sagt die 76-Jährige. Im ersten Jahr hätten Nachbarn ihr oft geholfen. Im zweiten ha­be das nachgelassen. Hier jedoch, im Tageshospiz im Clara-Wolff-Haus neben dem katholischen Kran­kenhaus St.-Joseph-Stift könne sie im­mer reden, ohne viel erklären zu müssen. „Und wenn ich Probleme habe, ist im­mer jemand da, den ich fragen kann. Das ist für mich wie ein Rettungsanker. Es gibt mir wieder Kraft.“

„Hier kann ich diese Schübe der Trauer mit anderen teilen“, sagt Dieter H. Im Grunde biete das Tageshospiz einen Rahmen für die Betroffenen, erläutert Ansgar Ullrich, Leiter des Christlichen Hos­pizdienstes Dresden. Dafür, dass sie ausleben können, was sie empfinden. Menschen in der gleichen Lebenslage werden füreinander zu Experten. Sie tauschen sich über alles aus, bis hin zu ganz praktischen Dingen: Ob der Andere auch immer mit dem Bild seiner Frau rede. Oder was die Andere mit den Sachen des gestorbenen Mannes mache.

Zweimal in der Woche, am Dienstag und Donnerstag, haben sie fünf Stunden lang Gelegenheit dazu. „Bei uns kann man einfach klingeln, ohne Anmeldung“, sagt Anke Schramm-Schmidt, die Leiterin des Tageshospizes. Deswegen sei die Gruppe jedes Mal anders. Mal sind es nur sieben, dann wieder 15. Der eine schaut nur kurz herein, die andere bleibt länger, einige erscheinen regelmäßig.

Fördermittel und Spenden ermöglichen die Arbeit

Insgesamt kommen im Jahr um die 80 – etwa ein Viertel von ihnen Patienten mit schwerer Krankheit, denen nur we­nig Lebenszeit bleibt, drei Viertel sind Menschen, die um Angehörige trauern. „Für sie ist alles aus dem Gleichgewicht geraten“, sagt Anke Schramm-Schmidt. „Was uns Sicherheit gibt, dieses ganze Familiensystem, ist auf einmal nicht mehr da.“

Vielen fehle ein größeres Beziehungsnetz, erzählt Annegret Humml, Koordinatorin des ambulanten Hospizdienstes. „Kinder, Angehörige leben weit verstreut.“ Nach dem Verlust eines nahen Angehörigen gehe das Leben nicht so weiter wie zuvor, sagt Anke Schramm-Schmidt. Menschen müssten neu auf an­dere zugehen, Beziehungen knüpfen – ausgerechnet in einer Phase, wo sie für Ak­tivitäten zu schwach seien. „Ihnen bieten wir im Tageshospiz einen Schutzraum.“

Neben Fördermitteln ist die Arbeit hier nur durch Spenden möglich, wie Ansgar Ullrich sagt. Die Autoren des „Wortes zum Sonntag“ auf dieser Seite der DNN verzichten wiederum auf ihr Honorar. Die tausend Euro kommen dem Tageshospiz zugute. Acht Hauptamtliche koordinieren die Betreuung. Angewiesen ist der ambulante Hospizdienst, der zum Caritasverband des Bistums Dresden-Meißen ge­hört, jedoch vor allem auf die rund 130 Ehrenamtlichen.

Roselore Jurjanz ist eine von ihnen. An diesem Mittag sitzt sie in der Küche am großen Tisch und bedient zwei Waffelei­sen. Allen in der Runde hat sie die Abbildung einer Engelskulptur neben den Teller gelegt. Sie erhebt sich. „Ein Engel in­mitten einer Welt mit Krankheit, Verletzungen und Tod“, sagt sie. „Aber er kennt all die traurigen, beschädigten, kopflosen Menschen um sich – und schenkt ihnen in­nere Ruhe und Freude.“

80 Jahre alt ist Roselore Jurjanz inzwischen. Früher hat sie im Katharinenhof in Großhennersdorf Schwerbehinderte be­treut. Mit dem Ruhestand hat die alleinstehende Frau nach einem neuen Inhalt für ihr Leben gesucht. Hier, wo sie Schwerkranke, Trauernde betreuen könne, habe sie ihn gefunden. „Aber ich habe selbst auch Gewinn davon“, meint sie. „Ich habe viel menschliche Kontakte. Und über meinen Bekanntenkreis konnte ich schon einiges an Hilfe vermitteln.“

Christlicher Hospizdienst Dresden

Tageshospiz: „Lebensbaum“, geöffnet Di. und Do. 10-15 Uhr; kostenfrei; Begegnung mit Patienten und Angehörigen, Einzelgespräche, psychosoziale Begleitung, Vermittlung ambulanter Hospizbegleitung, Angebote zum Beisammensein

Ambulant: Begleitung zu Hause durch Gespräche mit Patienten und Angehörigen, Entlastung der Angehörigen, Sitzwachen, Begleitung bei Behördengängen, Vermittlung weiterer Angebote

Trauercafé: geöffnet jeden 1. und 3. Mittwoch im Monat 15-17 Uhr; Gelegenheit zum Kennenlernen und Gespräch.

Kindertrauergruppe: jeden 2. und 4. Mittwoch im Monat 16-18 Uhr lernen Kinder in offener Gruppe andere trauernde Kinder kennen, gehen ihren eigenen Weg der Trauer; Angehörige werden parallel dazu begleitet

Jugendliche: trauernde Jugendliche und junge Erwachsene treffen sich am 3. Dienstag im Monat zu gemeinsamen Unternehmungen und Austausch

weitere Angebote: Gesprächskreise für Trauernde; Trauerabend; Treffen von Angehörigen nach Tod eines Kindes; Gruppe von Angehörigen nach Suizid; Spazier- und Wandergruppe

Kontakt: Canalettostr. 13, 01307 Dresden; Tel. 0351/ 44­ 40 29 10; Mobil: 0177/ 255 26 44; E-Mail: info@hospizdienst-dresden.de; Internet: www.hospizdienst-dresden.de

Von Tomas Gärtner