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Lokales Im Bahnhof Neustadt sind die weltbesten Pressefotos ausgestellt
Dresden Lokales Im Bahnhof Neustadt sind die weltbesten Pressefotos ausgestellt
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17:13 18.09.2018
Das Siegerfoto zeigt José Víctor Salazar Balza, der bei Protesten in Caracas, Venezuela, Feuer gefangen hat. Quelle: Ronaldo Schemidt
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Dresden

Auch eigenwillig Eingequetschtes bedarf des Kuratierens. Gerade wegen der Enge. Sie herrscht im Dresdner Bahnhof Neustadt besonders dann, wenn die Ausstellung der weltbesten Pressefotos einmal jährlich gastiert, eingezwängt im Geviert unter der Kuppel, deren Glasfenster an zerstoßenes Eis erinnern.

Die Umgebung, in der die Fotos gezeigt werden, drängt sich dabei nicht vors Auge. Ein Grund mehr, sie zu schildern. Umrahmt – besser: umstellt – wird die Ausstellung von einer Trias kleiner Imbisse auf einer Seite, gegenüber ein Drogeriemarkt, an einem Kopfende der Bahnhofshalle Buchladen und Florist, am anderen Burgerbude und Einkaufsmarkt. Typische Versorgungslinien für Ab- und Durchreisende. Ein Alltagsraum zwischen Abfahrt und Ankunft. Dazu gehören die klebrigen Stehtische ebenso wie die lauten Kinderstimmen, die den Hall unter der Kuppel nur zu gern austesten. Und mittendrin: die Ausstellung.

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Ruhiger aufklärerischer Gestus

Sie ist schon eine Konstante, meist zwischen September und Oktober hier zu sehen. So auch dieses Mal. Und während der Sommer, der ein großer war, die Sonne noch einmal auf Abschiedstournee vorbeischickt, wird es in der Bahnhofshalle dennoch weniger warm, dafür umso heller. Was nicht nur an den Lichtverhältnissen liegt, sondern vor allem am ruhigen aufklärerischen Gestus dieser Fotos.

Sonst wird an dieser Stelle eher auf die nachrichtliche Komponente der gezeigten Bilder eingegangen. Diesmal passiert das weniger. Lediglich ein genereller Hinweis: All das, die mehr als 73 000 eingegangenen Fotografien, spiegeln den Journalismus und seine Bedeutung. Das ist faktenbasierte Arbeit. Wogegen fake news eine immer schneller in die Debatte geworfene Behauptung bleibt, noch dazu, wo sie ohne Beweis auskommen kann, aber dem Adressaten immer Schaden zufügt.

Auswahl besticht durch reportagehafte Fotoserien

Die Auswahl der weltbesten Pressefotos besticht im Jahrgang 2018 (der anhand der gezeigten Fotos eher der Jahrgang 2017 ist, ein immer wiederkehrendes kleines Dilemma) vor allem durch ihre reportagehaften Fotoserien. Und durch die Tatsache, dass Frauen zwar immer noch nicht überrepräsentiert sind, von 46 vergebenen Auszeichnungen aber immerhin vier einen weiblichen Adressaten gefunden haben.

Umso stärkeren Eindruck hinterlassen ihre Arbeiten. So zeigt die Kalifornierin Anna Boyiazis, wie Frauen auf dem konservativ-islamisch geprägten Archipel Sansibar in körperbedeckenden Badeanzügen das Schwimmen lernen. Dabei halten sie oft leere Plastekanister mit den Händen, als Schwimmhilfe. Tatiana Vinogradova hat in ihrer Heimatstadt St. Petersburg dagegen hinter Kulissen geschaut, die nicht jedermanns Sache sind. Vinogradova porträtierte Sexarbeiterinnen, und zwar als Akte. Alleinerziehend, in schlecht bezahlten Jobs, mit falschen Versprechungen gelockt – so landeten die berührend gezeigten Frauen in der Branche der Prostitution, die in Russland offiziell verboten ist. Unterschiedlichen Einschätzungen zufolge sollen bis zu drei Millionen Menschen im Land trotzdem in diesem Bereich arbeiten – überwiegend Frauen.

Die Rückkehr der altehrwürdigen Fotoreportage?

Langfristige Fotoprojekte, die jahrelange Beobachtungen erfordern und Entwicklungen tatsächlich abbilden, sind 2018 besonders hervorzuheben. Ist das die Rückkehr der altehrwürdigen Fotoreportage? Mancher mag einräumen, sie sei nie weg gewesen. Unterm Radar größerer öffentlicher Aufmerksamkeit aber fliegt sie schon eine ganze Weile.

Den Beweis ihrer Eindrücklichkeit treten diese Bildstrecken in diesem Jahr dafür umso heftiger an. Fausto Podavini hat zwischen 2011 und 2017 den Wandel des Omo-Flusses in Äthiopien eingefangen: Der Römer lichtete die Wasserentnahme für Baumwollpflanzungen ab, den Bau eines Staudamms, malariakranke Frauen in einem Krankenhaus. Nicht zuletzt geht es auch um die Konsequenzen, die die Eingriffe in den Flusslauf auf den Turkana-See in Kenia haben, in den der Omo mündet.

Ein Abbild der Welt

Auch bei der Langstrecken-Fotografie sticht die Arbeit einer Frau heraus. Die Holländerin Carla Kogelman besucht seit Jahren die Schwestern Hannah und Alena, die in dem österreichischen Flecken Merkenbrechts in der Nähe der tschechischen Grenze daheim sind. Seit 2012 kommt Kogelman vorbei, meist im Sommer, um die Mädchen behutsam und doch in einer atemberaubend unverstellten Nähe zu fotografieren.

Ebenfalls in porträtierender (aber nicht ausschließlicher) Manier hat sich schließlich die Ägypterin Heba Khamis eines Themas angenommen, das unter die Kategorie „Nicht erzählte Geschichten“ fällt. Es geht um das sogenannte Brustbügeln bei jungen Mädchen und Frauen in Kamerun. Schon im wahrlich zarten Alter von zehn oder elf Jahren wird die traditionelle Prozedur an den Mädchen ausgeführt. Damit soll die Reife zur Frau gebremst und die Mädchen vor Vergewaltigung oder sexuellen Übergriffen geschützt werden. Das verschwommene Schwarz-Weiß-Porträt einer Elfjährigen, das Khamis unter anderem zeigt, ist an Zärtlichkeit und Trauer kaum zu überbieten.

Es geht also um Reportagen, um Nachrichten, ums Abbild der Welt. Alles wie immer. Aber was ist heute schon „wie immer“? Da kürzlich nach der Mutter aller politischen Probleme gefahndet wurde, hier eine These. Es ist die Unwissenheit. Aus ihr entspringen Konflikte und Kriege. Aber sie ist nicht gottgegeben. Man kann ihr beikommen. Die weltbesten Pressefotos sind dafür immer wiederkehrendes Zeugnis.

bis 27. September, Bahnhofshalle Dresden-Neustadt, Eintritt frei

Von Torsten Klaus