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Lokales Hitmaschine Herbert Grönemeyer bewegt in Dresden die Massen
Dresden Lokales Hitmaschine Herbert Grönemeyer bewegt in Dresden die Massen
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15:37 11.09.2019
Herbert Grönemeyer hatte sein neues Album „Tumult“ und ganz viel Bekanntes im Gepäck. Quelle: Dietrich Flechtner
Dresden

Die Stimmung ist gut am Dienstagabend im Rudolf-Harbig-Stadion. Wo sonst Dynamo kickt, warten jetzt 24.000 Fans auf den Mann, den vor seinem großen Durchbruch vor rund 35 Jahren eigentlich keiner so richtig sehen wollte. Den Mann, der es seitdem auf nicht weniger als elf Nummer-1-Alben gebracht hat, einen Hit nach dem anderen produziert und dessen Texte man ob seiner markanten Stimme mitunter nur schwierig versteht – sie aber so oft gern anhört, dass das irgendwann auch egal ist.

Um 20.12 Uhr kommt eben dieser Mann unter frenetischem Jubel auf die Bühne, stilsicher im schwarzen Anzug und mit feschen weißen Turnschuhen springt und tanzt er über seinen Spielplatz und macht mit dem Opener direkt eine Ansage: „Sekundenglück“ heißt das Stück, das auch auf der aktuellen Platte „Tumult“ ganz oben auf der Tracklist steht. Herbert Grönemeyer ist am Start – aber sowas von!

„Los jetzt!“ und „Lauter!“

Das Glück wird an diesem Abend noch deutlich länger andauern, dessen kann man sich sicher sein. Grönemeyer jedenfalls ist offensichtlich bestrebt, das Beste aus sich und seinem Publikum herauszuholen, „Los jetzt!“ und „Lauter!“ fordert er vehement immer wieder – ob, wie und vor allem wann dieser Mann auch mal Luft holt zwischendurch, ist ein Mysterium, gegen das ein Studium der Raketenwissenschaften wie Pipifax erscheint.

Herbert ist präsent, Herbert springt und tanzt und singt und hat so unfassbar Bock, in der „wahrscheinlich schönsten Stadt Deutschlands“ zu spielen, dass einem beim Zuschauen schon fast schwindelig wird. Blumen fliegen auf die Bühne, Arme in die Luft. Grönemeyer gibt den Ton an, nimmt sich immer aber auch den Raum zu improvisieren, zu verändern und lässt nie sein Publikum außer Acht.

Gänsehaut überzieht das Stadion

Das wird dann direkt auch mal eingespannt: „Und immer“ hat einen Chorteil am Ende, den der Meister mit der Meute fix mal einstudiert, sich über die „zarte Zurückhaltung“ amüsiert, mit der die Gäste seiner Bitte nachkommen. Und dann doch: Gänsehaut überzieht das Stadion, als so viele unterschiedliche Menschen gemeinsam von der Gemeinsamkeit singen: „Jeder braucht ein trautes Umfeld, keiner wohnt für sich / Jeder baut sein Heim als Schutzfeld, baut auf es dich und mich.“

Zum Dank gibt es „Glück auf, der Steiger kommt“, gefolgt von „Bochum“ („Immerhin fast so schön wie Dresden“). Herbert Grönemeyer versteht es, auch zwischen den Stücken bestens zu unterhalten. Warum eigentlich überhaupt Leute zu seinen Konzerten kommen, verblüffe ihn selbst immer wieder. Eine „repräsentative Umfrage“ habe nun endlich Klarheit gebracht: „Sieben Prozent kommen wegen der Texte, 14 Prozent, weil ich mich so tierisch bewege, 30 Prozent wegen der Musik und 95 Prozent, weil ich so wahnsinnig gut aussehe!“.

Auch ein Freund der ruhigen Töne

Was kann da anderes kommen, als „Männer“? Die Kamera schwenkt immer wieder auf die Mitglieder seiner Band, die ihn seit Anbeginn seiner Karriere treu begleitet, der Übergang zu „Was soll das“ und „Vollmond“ ist fließend. Auch wenn der inzwischen 63-Jährige über eine Kondition verfügt, die buchstäblich zum Niederknien ist und mitunter fast ein bisschen anmutet wie ein irrer Dirigent, der im Kinski-Style Fäuste reckend, jodelnd und jauchzend über die riesige Bühne stratzt, so ist Grönemeyer auch immer ein Freund der ruhigen Töne. „Mein Lebensstrahlen“, eine Ballade, die „eigentlich nur mir gefällt“, gibt er auf dem Steg am Klavier zum Besten.

„Ich denke, es gibt schlechtere Lieder. Kann man mal machen, wenn man sonst nichts zu tun hat“, resümiert er scherzhaft und legt das deutlich bekanntere „Halt mich“ nach, bevor er ein „Stück vom Himmel“ holt und deutlich zeigt, dass „Doppelherz“ an ihm vermutlich noch einige Jahrzehnte lang nichts verdienen wird. „Mensch“ und „Alkohol“ heizen die Stimmung noch mal richtig an, trotzdem „Bleibt alles anders“. Als Herbert sich mit einem „Tschüß!“, das mehr gebrüllt ist als alles andere, um kurz vor zehn verabschiedet, macht er nicht wirklich Anstalten zu gehen und fegt lieber noch mal euphorisch und wild gestikulierend über die Bühne, die er dann aber doch, zumindest zum Schein, kurz verlässt.

Darauf eine La-Ola-Welle

Wieder kommt er sichtlich bewegt und demütig vor dem „Geschenk, hier oben zu stehen. Da ist man selber ganz verdattert, dass man da so vor sich hinsingt und das Leuten gefällt“ – einen passenderen Moment für „Der Weg“ kann es nicht geben. Allein dafür, dieses unfassbar berührende Stück Musikgeschichte mal live zu hören, inmitten eines unendlich scheinenden Lichtermeers, lohnt sich ein Grönemeyer-Konzert allemal. Zum Bedauern des Künstlers gibt es aber „Lieder, die braucht die Welt nicht. Wirklich nicht. Aber man muss sie trotzdem spielen. Man hat sie schon ausradiert und morgen sind sie wieder da: Flugzeuge im Bauch!“.

Herrlich übertrieben singt er es dann doch, die Fans scheinen unentschlossen, ob sie das nun noch gut finden sollen, einige stehen aber dazu und singen stoisch mit, was angesichts der vielen Jodlermoves und Hickser, die Grönemeyer einbaut, gar nicht so leicht ist. „Musik nur wenn sie laut ist“ macht noch mal laut, „hinreißend“ findet Herbert die Dresdner und kriegt sich gar nicht mehr ein über den Verlauf des Abends. Darauf eine La-Ola-Welle.

Hitmaschine Grönemeyer bewegt die Massen

Die zweite Zugabe klingt erst wie der Soundtrack zu Ronja Räubertochter, entpuppt sich aber als Mickie Krauses „Oh wie ist das schön“, das „vor allem durch den krassen Text besticht“. „Land unter“ ist beim Meister noch lange nicht, wie er eindrucksvoll „Demo“nstriert. Es wird „Zeit, dass sich was dreht“, findet er, Rhytmus-Bombe Armin Rühl lässt dazu die Drumsticks kreisen. Fidget Spinner erscheinen danach nur noch wie Babyspielzeug.

Es folgt ein imposantes Feuerwerk als Grande Finale, die Band verlässt unter „Was geht“-Chören die Bühne. „Warum“ es danach immer noch weitergeht, kann man sich durchaus fragen. Aber während der insgesamt rund einstündigen Zugabe kommen mit „Tango“, „Kinder an die Macht“ und „Mambo“ noch weitere Lieder, bei denen man sich ertappt fühlt: Huch, stimmt. Das war ja auch von ihm.

Die Massen bewegen sich

Hitmaschine Grönemeyer bewegt die Massen. Und will, dass sich die Massen bewegen, am besten jedoch „Keinen Millimeter nach rechts“. Er hat Spaß an seinen Klassikern genauso wie an den neuen Stücken, nimmt mit auf eine Achterbahnfahrt zwischen purer Lebensfreude und Schmerz, Verlust, Verarbeitung.

„Zur Nacht“ gibt es den Versuch eines Schlafliedes, mit „Immerfort“ dann nach fast drei Stunden Sekundenglück den gebührenden Abschluss eines grandiosen und energiegeladenen Abends. Und eine Bitte auf den Weg: „Gebt auf Eure Liebe acht/seht immer wieder im Herzen nach/dass kein einziges Gefühl dort still verdorrt/seid ein seliger Akkord, immerfort“. Machen wir, Herbert. Danke.

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Von Kaddi Cutz

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