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Dresden Lokales Hier erleben Dresdner Demenzkranke einen fast normalen Alltag
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14:46 21.09.2019
Erika Heinze ist zwar dement, aber wie die Streusel auf dem Pflaumenkuchen zu liegen haben, weiß sie ganz genau. Quelle: Anja Schneider
Dresden

Gestern war Donnerstag. Ich bin 29 Jahre alt und zum Mittagessen gibt es heute Schnitte. Das sind selbstverständliche Informationen, die ich jederzeit und sofort abrufen kann, wenn mich jemand danach fragt.

Für Menschen mit einer Demenzerkrankung ist das alles andere als selbstverständlich. Das erlebt Sybille Roch im Gorbitzer ASB-Pflegeheim täglich. Sie leitet dort die gerontopsychiatrische Tagesgruppe. 14 Bewohner mit einer Demenz-Erkrankung kommen hier montags bis freitags zusammen, für jeden Tag ist eine andere Aktivität geplant. Am Mittwoch stand Pflaumenkuchen backen auf dem Plan. Und damit die Bewohner sich das immer wieder in Erinnerung rufen können, gibt es eine große Tafel im Flur, auf dem der Tagesablauf ganz genau abgebildet ist. Wer noch schreiben kann, füllt morgens das Feld für das Mittagessen aus.

Erika Heinze begutachtet gemeinsam mit Sybille Roch (v. l.) den Tagesplan. Der wird jeden Tag mit neuen Aktionen gespickt. Quelle: Anja Schneider

„Mimik und Tonfall sind ganz wichtig“

Doch bevor das Eierfrikassee auf den Tisch kommt, wird erstmal fleißig gebacken. Frau Rasche hat die Teigproduktion fest im Griff und wartet ungeduldig auf die Pflaumen, die ihre Sitznachbarin schneidet. Doch dieser vergeht plötzlich die Lust. Ein kurzer Aufmunterungsversuch von Sybille Roch kann den drohenden Unmut jedoch abwenden und es wird weiter geschnippelt. Die Pflegende weiß genau, wie sie ihre dementen Senioren auf Trab halten kann: „Mimik und Tonfall sind ganz wichtig. Wenn ihnen jemand mit verschränkten Armen und grimmigen Blick gegenübersteht, bekommen sie schnell Angst und wenden sich ab“, erzählt sie.

Seit 1992 arbeitet sie im Gorbitzer Pflegeheim, zunächst als Krankenschwester. Doch schnell wurde ihr klar: „Ich habe ein Händchen für demenzkranke Menschen.“ Also machte Sibylle Roch eine einjährige Weiterbildung in der Gerontopsychiatrie und fing in der Tagesbetreuung an. „Es ist wichtig, die Menschen hier zu beschäftigen und die Woche abwechslungsreich zu gestalten. Denn sie können ja noch so viel. Nur das Kurzzeitgedächtnis spielt nicht mehr mit“, sagt Sybille Roch. Sie habe von einer Bewohnerin hier sogar Stricken gelernt.

Ausmalbilder klappen prima

An den Wänden der Station hängen viele kreative Arbeiten, die von den Demenzkranken gestaltet wurden. Dazu gehört auch eine ganze Reihe Ausmalbilder. „Wenn man ei­nem Demenzkranken ein weißes Blatt hinlegt, sind sie überfordert. In 27 Jahren habe ich es nur einmal erlebt, dass ein Bewohner die Vase vom Tisch abzeichnete“, erinnert sich Sybille Roch. Ausmalbilder dagegen klappen prima und nirgends wird über die Linie gemalt.

Am Mittwoch leben die Bewohner ihre Kreativität aber beim Backen aus. Während Frau Rasche die Pflaumen in einer Art Blume anordnet, knetet Erika Heinze die Streusel. Die 80-Jährige ist bester Laune und auch geistig noch recht fit. Die Streusel sortiert sie so auf den Kuchen, wie sie es immer macht, sagt sie und macht sich an die Arbeit.

Hier finden Betroffene Hilfe

In Sachsen sind rund 99 000 Menschen von Demenz betroffen. Die Zahl basiert auf Schätzungen und betrachtet nur die Altersgruppe ab 65 Jahre. Allein in Dresden leben rund 12 000 Menschen mit Demenzerkrankungen. Für die Betreuung der Betroffenen fördert Sachsen als einziges Bundesland die sogenannten Alltagsbegleiter. Sie unterstützen Menschen ab dem 60. Lebensjahr in ihren eigenen Haushalten, begleiten sie beim Einkaufen, zu Arztbesuchen oder leisten einfach nur Gesellschaft beim Spazierengehen oder Kartenspielen. Die Alltagsbegleiter können auch ohne bestehenden Pflege-Grad engagiert werden und sollen die Angehörigen bei der Pflege entlasten. Sie sind ehrenamtlich tätig, erhalten aber eine monatliche Aufwandsentschädigung vom Freistaat.

Wer sich als Betroffener oder angehöriger über Alzheimer und Demenz informieren möchte, kann dies beispielsweise beim Dresdner Seniorentelefon tun. Dies ist dienstags und donnerstags zwischen 8 und 10 Uhr sowie zwischen 14 und 16 Uhr unter der Rufnummer 488 48 00 erreichbar. Hier können sich Interessierte rund ums Älterwerden in Dresden informieren. Außerdem gibt es noch die sogenannten GerDA-Stellen, eine Kontakt- und Beratungsstelle für Gerontopsychiatrie, Demenz und Alzheimer. Das ambulante Angebot soll den Betroffenen ein weitestgehend selbstständiges Leben in ihren Wohnungen ermöglichen.

Alle Angebote sowie den Demenzwegweiser zum Download gibt es im Netz unter www.dresden.de/demenz.

Für Angehörige und Außenstehende ist der Umgang mit Demenzkranken nervenaufreibend und schwer zu ertragen. Wer eine ungefähre Vorstellung davon bekommen möchte, wie sich Demenz anfühlen kann, für den hat die Stadt Dresden die Demenzkiste entwickelt. Darin befindet sich zum Beispiel ein Schloss samt Schlüsselbund. „Jetzt schließen Sie das mal auf“, sagt Matthias Aegerter, Sachgebietsleiter der Offenen Altenhilfe zu mir.

Demenzkiste kann bei öffentlichen Auftritten ausprobiert werden

Kann ja nicht so schwer sein, denke ich. Aber es passt einfach kein Schlüssel. „Doch, doch“, sagt Aegerter und ich probiere und probiere – vergebens. „Es passt tatsächlich kein Schlüssel. Aber so geht es Demenzkranken, die vor einer fremden Tür stehen, weil sie dort vielleicht mal gewohnt haben und überzeugt sind, sie wohnen da immer noch. Sie können dann oft nicht begreifen, dass es keinen passenden Schlüssel gibt“, erklärt Aegerter. Ausprobiert werden kann die Box bei vielen öffentlichen Auftritten des Sozialamtes.

Matthias Aegerter kennt die Tücken der Demenzkiste gut. Gemeinsam mit seinen Kollegen entwickeln sie ständig neue Beispiele dafür. Quelle: Dietrich Flechtner

Sybille Roche hat in all den Jahren ein feines Gespür dafür entwickelt, wie sich die Demenzkranken fühlen. Dazu gehört auch, den Betroffenen Sicherheit in Form eines festen Tagesablaufs zu geben. Deshalb muss es nun auch schnell gehen mit dem Mittagessen, so sagt’s der Plan. Den Pflaumenkuchen lassen sich die Bewohner dann nach der Flimmerstunde am Nachmittag schmecken.

Welt-Alzheimertag in Dresden

Seit 1994 findet der Welt-Alzheimertag am 21. September statt. Alzheimergesellschaften, Initiativen und Vereine auf der ganzen Welt organisieren an diesem Tag Veranstaltungen, die auf die Situation von Menschen mit Demenz und deren Angehörigen aufmerksam machen sollen. Das diesjährige Motto lautet „Einander offen begegnen“. In Dresden haben sich verschiedene Institutionen, darunter die Alzheimer Gesellschaft Dresden, der Dresdner Pflege- und Betreuungsverein, die Staatlichen Kunstsammlungen und die Stadtverwaltung, zusammengetan und ein Programm im Residenzschloss organisiert:

• Einlass ist um 13 Uhr, der Eintritt ist frei.

• 13.30 Uhr: Vortrag von Professor Markus Donix zu Demenz

• 14.45 Uhr: „Markt der Möglichkeiten“ mit Ständen, die über Unterstützungsmöglichkeiten informieren und Gelegenheiten für Gespräche und Fragen bieten, Speisen und Getränke gibt es auch.

• 15.45 Uhr: Vortrag zum Thema „Barrierefreie kulturelle Teilhabe von Menschen mit Demenz“ mit Ramona Nietzold von den Staatlichen Kunstsammlungen

Von Lisa-Marie Leuteritz

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