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Lokales Globetrotter Dresden will Kunden mit eigener Werkstatt binden
Dresden Lokales Globetrotter Dresden will Kunden mit eigener Werkstatt binden
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07:58 10.01.2019
Globetrotter-Mitarbeiter Markus Gruner stickt in der neuen Werkstatt im 3. Obergeschoss des Outdoorhändler nach Wunsch Namenszüge auf Rucksäcke und Jacken.
Globetrotter-Mitarbeiter Markus Gruner stickt in der neuen Werkstatt im 3. Obergeschoss des Outdoorhändler nach Wunsch Namenszüge auf Rucksäcke und Jacken. Quelle: Michael Bärisch
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Dresden

Der Rucksack ist hin. Der Einstellgurt des einst teuren Stücks ist gerissen, außerdem scheinen einige Streben im Rückenbereich gebrochen oder verschoben – wo einst Tragekomfort herrschte, schmerzt es nun jedenfalls. Was tun?

„Wegwerfen wäre eine Option, aber viele Menschen wollen sich von ihrem Lieblingsstück nicht so einfach trennen“, sagt Rainer Jäpel. Er ist Chef der Dresdner Globetrotter-Filiale. Dort gibt es im 3. Obergeschoss seit Kurzem ein Angebot für alle, die kaputte Schuhe, Jacken oder Schlafsäcke nicht so einfach wegwerfen wollen, weil sie sie auf großen oder kleinen Abenteuern begleitet haben. Ende November öffnete ein neuer Werkstattbereich mit umfassendem Reparaturangebot – auch die Reinigung von Daunenjacken und -schlafsäcken ist möglich. Obwohl vielen Dresdnern das Angebot noch unbekannt sei, werde die Werkstatt bereits recht rege genutzt, meint Jäpel. „230 Aufträge sind bisher eingegangen – ein guter Start“, sagt er.

Rund 20 000 Euro haben Einrichtung und neue Geräte gekostet. Quelle: Michael Bärisch

Dabei konnte man auch zuvor schon Sachen zur Reparatur bei Globetrotter bringen. Die mussten dann jedoch eingesandt werden zum „Outdoor Service Team“ nach Oranienburg, das sich auskennt mit Pflege und Reparatur von Kleidung und Gerät für den Outdoor-Einsatz. Da viele Outdoorhändler auf OST zurückgreifen, sind mehrere Wochen Wartezeit jedoch keine Seltenheit. Die Dresdner wollten das im eigenen Haus schneller hinbekommen und hatten zudem im 3. OG seit dem Wegzug der Yeti-Schlafsackmanufaktur den nötigen Platz. Mit dem Werkstattaufbau sind auch Pläne vom Tisch, das sonst von einer Reisepraxis und einer Zeltausstellung belegte Geschoss anderweitig zu vermieten.

Eine Woche soll nun die Reparatur des Rucksacks dauern. „Für unsere Kunden eine Serviceverbesserung“, sagt Jäpel. Kleinere Flickarbeiten etwa an defekten Reißverschlüssen sind teils bereits nach einigen Minuten erledigt. Komplexe Eingriffe sind jedoch nach wie vor ein Fall für OST aus Oranienburg. Vor allem wenn wasserdichte Materialien geflickt werden sollen, ist das der Fall.

Warum wird nun unterm Globetrotter-Dach geflickt, genäht, geklebt und gewerkelt? „Wir beobachten einen Bewusstseinswandel hin zu mehr Nachhaltigkeit“, sagt Marketingfachmann Michael Bärisch. Tatsächlich haben in letzter Zeit zum Beispiel einige Nähstuben aufgemacht, die sich alle nicht über mangelnde Aufträge beschweren brauchen. Auch sind Repaircafés, wo Instandsetzung und Geselligkeit zusammenkommen, ein Trend weg von der Wegwerfgesellschaft. Kunden, die entsprechend denken, wolle man etwas anbieten, auch wenn dann der Kauf einer neuen 300-Euro-Goretex-Jacke fürs erste verschoben ist.

Reparaturen können bei kleinen Sachen bereits eine Sache von wenigen Minuten sein. Quelle: Michael Bärisch

Doch Nachhaltigkeit allein ist nicht der Grund für die Werkstatteröffnung. Denn nicht nur weitere Fachgeschäfte mit sportiver Freizeitausrüstung und -kleidung im Stadtgebiet, sondern vor allem der Internethandel setzen dem Platzhirsch in Sachen Outdoor zu. Dort gibt es mitunter preisgünstige Angebote, allerdings ohne Beratung und die „großzügige Kulanzpolitik“ wie sie Globetrotter laut Jäpel pflegt. Hohe Wachstumsraten wie in vergangenen Jahren erwartet der Dresdner Globetrotter-Chef jedenfalls nicht mehr.

Nur auf Beratung zu setzen hilft nichts gegen die Abwanderung ins Netz. Denn einige Käufer informieren sich zwar bei Globetrotter, gehen anschließend jedoch im Internet auf die Jagd nach Prozenten, um ein paar Euro beim Kauf des empfohlenen Artikels zu sparen. „Beratungsklau“ nennt Jäpel das. Er kennt auch das Gegenmittel: „Kundenbindung“.

Die Globetrotter-Kunden sollen sich in Sachen Urlaub und Freizeitgestaltung keine Gedanken über das Material machen müssen. „Wir beraten sie beim Kauf und gehen auf ihre Wünsche ein. Und anschließend kümmern wir uns um Pflege und Reparatur der Artikel“, beschreibt Jäpel dieses Rundum-Paket. „Onliner können das nicht bieten“, ist er sicher.

Die Werkstatt hat zu den üblichen Öffnungszeiten des Dresdner Globetrotters geöffnet. Quelle: Michael Bärisch

Eine Überlegung, die man auch in der Hamburger Zentrale für sinnvoll hält. Die Filiale in Dresden ist die erste mit Werkstatt, neue Niederlassungen sollen diese jedoch gleich als integralen Bestandteil erhalten. Die Idee der Dresdner zieht also Kreise.

Dabei ist die Sache gar nicht so einfach, wie sie sich anhört. „Maschinen zu kaufen und einen Raum einzurichten – das ist einfach“, sagt Jäpel zwar über die rund 20 000 Euro teure Investition. Geeignete Leute seien dagegen nur schwer zu finden. Nur gut, dass unter den 82 Globetrotter-Mitarbeitern ein Sattlermeister und eine frühere Schneiderin sind. Sie arbeiten jetzt genauso in der Werkstatt wie zwei weitere Mitarbeiter, die den Umgang mit einer eigens angeschafften Maschine zum Aufweiten von Schuhen – auch von Skistiefeln – sowie die richtige Art, Spezialgewebe zu imprägnieren und den Umgang mit einem Laser zum Eingravieren von Schriftzügen in die derzeit so gefragten Thermobecher und -kannen gelernt haben. Denn auch darum geht es: „Produkte zu individualisieren“, wie Jäpel sagt. Entsprechend kann per Stickmaschine auch der Rucksack einen Namenszug erhalten. „Das hat nicht jeder und das kann auch nicht jeder“, sagt Jäpel.

Von Uwe Hofmann