Gelähmte Tänzerin kämpft sich zurück ins Leben und auf die Bühne
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Lokales Gelähmte Tänzerin kämpft sich zurück ins Leben – und auf die Bühne
Dresden Lokales Gelähmte Tänzerin kämpft sich zurück ins Leben – und auf die Bühne
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11:55 27.12.2018
Sophie Hauenherm bei einer Dehnübung – noch zu Jahresbeginn war das undenkbar. Quelle: dpa/Monika Skolimowska
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Dresden

Von null bis eins ist es oft nur ein kleiner Schritt. Manchmal liegen jedoch Welten dazwischen. Wer das Schicksal der Tänzerin Sophie Hauenherm kennt, kann das ermessen. Als Anfang 2018 nach einer Querschnittlähmung ihre Therapie im Reha-Zentrum Bad Berka in Thüringen beginnt, zeigt der Muskelfunktionstest ein ernüchterndes Ergebnis. Das Agieren jeder Muskelgruppe wird dort mit einem Wert von null bis fünf eingestuft, fünf ist der Bestwert. „Ich hatte lauter Nullen und nur eine einzige Eins“, erinnert sich die Absolventin der Palucca Hochschule für Tanz in Dresden.

Tänzerinnen sind Schmerz gewohnt

Drei Wochen vorher hatte sie noch auf der Bühne gestanden – bei der Präsentation des Dresdner Palucca Tanzstudios, wie es jedes Jahr im Dezember Brauch ist. Drei Tage zuvor bekam die Studentin starke Rückenschmerzen. Den Auftritt wollte sie trotzdem nicht absagen. „Ich habe mit drei Ibuprofen 800 intus getanzt. Nebenbei war ich noch erkältet, bekam schwer Luft und musste immer wieder husten.“ Dennoch habe sie unbedingt mitmachen wollen. Der Applaus mag die Symptome nur kurz gelindert haben. Wenig später schien Sophie Hauenherm ein dauerhafter Pflegefall – ein halbes Jahr vor ihrer Prüfung als Bühnentänzerin.

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Im Spinalkanal der Wirbelsäule hatte sich ein Abszess gebildet, der die Nerven abdrückte und die Tänzerin lähmte. Mehrere Ärzte fanden den Grund ihrer starken Schmerzen nicht heraus und zögerten aus ihrer Sicht viel zu lange mit einem MRT. Damit hätte man den gefährlichen Abszess wohl eher entdecken und schneller operieren können. Als Tänzerin war Sophie Schmerzen gewohnt. Ein Jahr lang hatte sie sogar mit einem gebrochenen Zeh getanzt. Doch was sie jetzt erlebte, überstieg ihre Grenzen. „Ich habe vor Schmerzen geschrien, die Schwestern im Krankenhaus gaben mir Baldrian.“

Wenn die 19-Jährige die Geschichte ihrer Erkrankung erzählt, klingt das keineswegs verbittert. Vielmehr wirkt sie in solchen Momenten fast trotzig. Man spürt die Energie eines Kraftbündels und wird von ihrer Lebenslust geradezu angesteckt. Wenn sie an damals zurückdenke, gebe es traurige und schöne Momente gleichermaßen, sagt die Tänzerin. Die Traurigkeit resultiere aus einem Gefühl der Hilflosigkeit, weil Mediziner ihr nicht glauben wollten. Am Tag nach der OP habe der Arzt betreten im Krankenzimmer gestanden und zu Boden geblickt. Das Urteil hieß „inkomplett querschnittgelähmt“.

„Ich habe mich an kleinen Dingen festgeklammert.“

Bei der Erinnerung an das Weihnachtsfest 2017 fallen der Tänzerin aber zuerst einige schöne Erlebnisse ein. Damals brachte ihr Bruder ihr jeden Tag das Lieblingsessen in die Klinik. Als später in Bad Berka der Jahreswechsel heranrückte, reiste die Familie an und ein Bett wurde zusätzlich ins Zimmer gestellt. Bruder und Schwägerin schliefen auf einer Matratze auf dem Fußboden. Es gab Käsefondue und es wurde gelacht. „Man kann seinen Zustand in solchen Momenten verdrängen. Ich war dankbar“, erinnert sich Sophie. „Meine Familie war bei mir und es gab leckeres Essen. Ich habe mich an kleinen Dingen festgeklammert.“

Gut vier lange Monate Therapie, nicht jeder Tag brachte Fortschritte. Die jeweils aktuellen Ergebnisse des Muskelfunktionstests hat sich Sophie Hauenherm an die Wand ihres Krankenzimmers gepinnt. Irgendwann verwandelten sich die Nullen in eine Eins, dann in eine Zwei. Es ging aufwärts. „Jeden Morgen nach dem Aufwachen habe ich die Bettdecke weggezogen und mir gesagt: Gut, was kann ich heute? Da ging das Knie ein bisschen hoch, irgendwann haben die Zehen wieder ganz leicht gewackelt.“ Manchmal habe sie ihren Körper auch angeschrien, weil er nicht so funktionierte, wie sie es wollte.

„Es klingt merkwürdig: Es ist der eigene Körper, aber irgendwie ist er es auch nicht. Denn er funktioniert nicht so, wie du ihn kanntest. Als Tänzerin konnte ich jeden einzelnen Muskel anspannen und hatte ein Gefühl dafür“, schildert Sophie das damalige Empfinden. Wenn es Fortschritte gab, hielt sie das sofort auf Videos fest und schickte sie an Freunde und Weggefährten: „Ein Dozent sagte mir später, es wäre das schönste Video, was er in seinem Leben gesehen habe.“ Die Aufnahme ist nur ein paar Sekunden lang. Sophie lässt ihr Bein von der Bettkante gleiten und hebt es kurz darauf wieder hoch.

Sophie erfährt auch von ihren Kommilitonen viel Unterstützung – hier im Bild mit Leon Damm und Lina Meißner (r.). Quelle: dpa/Monika Skolimowska

Für Günther ist Sophie der Beweis, was ein Mensch erreichen kann. Anfangs habe man das Laufband auf eine Geschwindigkeit von weniger als einem Stundenkilometer eingestellt. Heute erreiche Sophie mit Stützen die normale Laufgeschwindigkeit von 4,5. „Sie hat jedes Mal eine Schippe draufgelegt. So etwas habe ich noch nie erlebt.“ Dass ein querschnittsgelähmter Patient wieder laufe, sei außergewöhnlich: „Das hat sie ihrem unbändigen Willen zu verdanken. Wir haben nur geholfen“. Günther ist inzwischen zu einer Freundin für Sophie geworden: „Ich sehe sie so gern tanzen. Das ist einfach der Hammer.“

„Ich werde eine Tänzerin bleiben.“

Die Verbindung zur Palucca Hochschule hat Sophie nie abreißen lassen, selbst als es ihr schlecht ging. Im Gegenteil: Auch Kommilitonen besuchten sie in Bad Berka. Am 9. Mai dieses Jahres wurde Sophie dort entlassen, wenige Tage später kreuzte sie schon wieder „bei Palucca“ auf. Fortan war sie eine Studentin mit Handicap. Rektor Jason Beechey ermunterte sie, ihren Bachelor-Abschluss zu machen. Bis zur Prüfung blieben nur ein paar Wochen. Wer sie miterlebte, wird noch lange daran denken. Sophie tanzte auf einem Stuhl und auf dem Boden. Zum Finale gab es Standing Ovations für eine Lebenskünstlerin.

Rektor Beechey nennt seine Studentin eine „Kämpferin“ - mit Begabung, Mut, Ausdauer und einer unverwechselbaren Intensität, allesamt Voraussetzungen für eine erfolgreiche Tänzer-Karriere. „Wie ich Sophie kenne, wird sie hier ihre Karriere weiterhin erfolgreich vorantreiben und damit viele in ihrem Umfeld positiv beeinflussen.“ Sie werde ihren Weg erfolgreich gehen, auch wenn er anders als geplant aussehen wird.

Ihre Abschlussarbeit tanzte sie wie hier auf einem Stuhl und dem Boden. Quelle: Monika Skolimowska/dpa

Sophie Hauenherm ist voller Pläne. Im März 2019 zeigt sie ihre Bachelor-Choreographie auf einer Aids-Gala in Pforzheim. Schon zuvor hatte sie ihre Abschlussarbeit auf Mediziner-Kongressen in Leipzig und Mannheim präsentiert. Gern würde sie an der Palucca Hochschule in der Künstlerischen Meisterklasse noch ihren Master machen - mit einem Forschungsprojekt zum Thema Verletzungsprävention, Inklusion und Rehabilitation. Sie träumt von einem Praktikum bei der Candoco Dance Company in London, in der Tänzer mit und ohne Handicap zusammenarbeiten, als wäre es die normalste Sache der Welt.

Sophie lässt keine Zweifel: „Ich werde eine Tänzerin bleiben.“ Sie wolle zeigen, was sie mit ihrem Körper noch immer ausdrücken kann. „In keinem Buch steht geschrieben, dass man beim Tanzen springen oder auf Spitze stehen muss. Tanz ist ein Ausdruck von Gefühlen, etwas sehr Persönliches. Selbst mit dem kleinen Finger lässt sich etwas ausdrücken. Wenn man ein wirklicher Tänzer ist, kann man alles sagen, was man will, egal wie viel man zeigen kann.“

Ein Jahr nach ihrer Lähmung ist Sophie stolz darauf, auf ihrem „Reha- Zeugnis“ zwei Fünfen zu haben. Die Muskelfunktionstests dokumentieren den starken Willen einer jungen Frau, die den Glauben an sich und ihre Gesundung nie aufgab. Die meisten Muskelgruppen funktionieren wieder mit Werten zwischen drei und vier: „Ich gebe mir alle Zeit, die mein Körper braucht. Solange ich weiterarbeite und trainiere, sehe ich gar nicht ein, dass der Fortschritt aufhören soll.“

Weihnachten 2018 wird wieder im Kreis der Familie gefeiert. Die ist inzwischen um zwei lebhafte Mitglieder größer - die Katzen Maia und Luna. Nachdem Sophie in Bad Berka entlassen wurde, hat sie sich damit einen Traum erfüllt. Auch das Schnurren der Katzen ist nun Balsam für Sophies Seele.

Von Jörg Schurig, dpa