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Lokales Gefällige Schuldenfallen: Der „Schuldenmädchenreport“ an der Bürgerbühne
Dresden Lokales Gefällige Schuldenfallen: Der „Schuldenmädchenreport“ an der Bürgerbühne
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11:29 17.09.2019
Der „Schuldenmädchen-Report“ mit Ruth Mader, Luise Kropp, Malinka Süßkind, Julia-Marie Beier und Wilma Moneta. Quelle: Sebastian Hoppe
Dresden

Schuldenmachen ist weiblich, zumindest an der Dresdner Bürgerbühne. Und man hat nicht den Eindruck, dass diese Schulden die fünf kessen Damen unter dem Dach des Kleinen Hauses besonders drücken würden. Wer keine Schulden macht, ist selber schuld, lernten wir beim Beitritt zum Allesbesserland 1990. 6,7 Millionen Deutsche über 18 Jahre sollen angeblich überschuldet sein. Mit „schlechten“ Schulden, also Konsumschulden, Ratenkrediten. Aber eine solche Unterscheidung zwischen Schuldenfallen und nützlichen Investitionskrediten trifft der „Schuldenmädchenreport“ nicht, wie er überhaupt mehr auf flotte Interviews, kuriose Berichte und drollige Bekenntnisse setzt als auf finanztheoretische Diskurse.

Flaschensammeln könnte auch eine Idee sein, um Schulden abzubauen. Quelle: Sebastian Hoppe

Dabei geht es auch um Schulden im weiteren Sinn. Gott als der größte Gläubiger zum Beispiel, als „Sinnbild der vertikalen Schuld“, auch wenn er hier nur als sprechendes Tattoo auf dem Rücken von Ruth Mader auftaucht. Es empfiehlt sich, zehn Minuten vor Beginn der Eineinhalbstundenvorstellung das Programmheft zu studieren. Der neue Bürgerbühnenleiter Tobias Rausch hat für „seine“ erste Produktion am Staatsschauspiel einen anregenden Essay zur „Komik des Kredits“ geschrieben. Darin kommt unter anderem die Beziehungs- und im besten Fall sogar Vertrauen stiftende Wirkung einer Kreditvergabe zur Sprache. Urgesellschaftsformen sollen so funktioniert haben. Köstlich auch das Glossar zu Begriffen rund um das geborgte Geld jeweils im Seitenkeller des Heftes.

Den Dresdnern die Augen öffnen

Schuldenmachen ist natürlich überhaupt nicht zuerst weiblich. Aber die Damen holen gegenüber den 12 Prozent überschuldeter Männer stetig auf, lernt man. Ungeachtet ihres dann riskierten Rufs, nicht mit Geld umgehen zu können. Die fünf Spielerinnen kündigen dazu „eine Dokumentation mit revolutionärer Wirkung“ an, die „vielen Dresdnern die Augen öffnen wird“. Vor allem aber öffnen sie sich selbst, berichten ungeniert über ihre Erfahrungen und ihren Umgang mit dem Stigma einer Schuldnerin.

Die promovierte Soziologin und Psychologin Wilma Moneta (ist das ein passendes Pseudonym?) zum Beispiel erzählt in mehreren Etappen eine verworrene Geschichte vom Kauf einer Apotheke gemeinsam mit ihrem Ex-Mann und wie sie nach der Trennung auf Schulden sitzen blieb. Studentin Luise Kropp fragt sich, ob ihre finanzielle Unterstützung durch die Eltern indirekt auf Pump finanziert wird. Uhrmacherin Malinke Süsskind stellt dem Kunden gegenüber, die für eine Luxusuhr mal eben 1,9 Millionen hinlegen. Buchbinderin und Papierrestauratorin Julia-Marie Beier überlegt, wovon sie sich noch trennen könnte und was sich verpfänden ließe.

Frau trägt nicht Blaumann, sondern Buntmann

Flaschensammeln könnte auch eine Idee sein neben solch originellen Schuldentilgungsjobs wie Texterfassung an der Bürgerbühne. Folglich werden Kulissen aus Bier- und Limokästen zusammengestapelt, in der Mitte sind sie zu einem Extra-Podium verbunden. Frau trägt nicht Blaumann, sondern Buntmann oder besser Buntfrau, wie die verschiedenfarbigen Arbeitsanzüge wohl korrekt genannt werden müssten. Einmal werden sie mit leeren Flaschen zu „fleischgepanzerten Typen“ aufgerüstet, Inkasso-Leute, Schuldeneintreiber also, die „mit der Rohrzange den Geldhahn zudrehen“.

Der permanente Kameraeinsatz wirkt penetrant, ist aber in manchen verdeckten Szenen hochwirksam. Beim Frauenplausch in der Kastenhöhle zum Beispiel, wenn auch über das Publikum hergezogen wird, „das sich einen abwichst auf unsere Elendsgeschichten“. So elend geht es aber keiner der fünf sympathischen Spielerinnen, dass sie nicht auf originelle Ideen kämen. Sie sinnieren über „negatives Eigenkapital“. Geradezu kabarettistischer Höhepunkt ist die Entdeckung einer weiblichen „Kreditoris“, die es zu „kreditorialen Höhepunkten“ zu stimulieren gilt. „Schuldosol“ heißt das dabei wirkende Hormon. Regisseurin Vanessa Stern und Dramaturg Dietmar Schmidt dürften hier am Text mitgebastelt haben.

Das große Thema Staatsverschuldung wird ausgespart, aber der Freistaat Sachsen bekommt für seine maßvolle Landesverschuldung immerhin ein kleines Lob. Eine vergleichbare Inszenierung gab es ja 2015 mit dem „Geld-Stück“ an der Bürgerbühne schon einmal, aber diese Schuldenmädchen erscheinen lockerer und selbstironischer als die teils verbitterten Kapitalismuskritiker von damals. Mit den frühlasziven Schülerinnen in der Wortspielvorlage „Schulmädchenreport“ haben sie allerdings wenig zu tun.

nächste Aufführungen: 20. & 24. September

www.staatsschauspiel-dresden.de

Von Michael Bartsch

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