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Lokales „Fridays for Future“ erneut in Dresden – Das sagen Eltern, Schülern und Lehrer
Dresden Lokales „Fridays for Future“ erneut in Dresden – Das sagen Eltern, Schülern und Lehrer
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09:03 29.03.2019
Mehrere Tausend Teilnehmer hatte die Freitags-Demo in Dresden vor 14 Tagen. Quelle: xcitepress
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Dresden

Am heutigen Freitag demonstrieren Dresdner Schüler wieder für den Umweltschutz. Sie ziehen am Nachmittag ab 14 Uhr vom Landtag aus durch die Stadt. Um die „Fridays for future“-Aktionen rankt sich eine Debatte zur Schulpflicht. Eltern, Schüler und Lehrer suchen nach dem richtigen Umgang damit.

Die Meinung der Eltern

Prinzipiell sei es zu begrüßen, wenn sich Kinder und Jugendliche nicht nur Gedanken um ihre Zukunft machen, sondern auch dies aktiv in Form von Kundgebungen artikulieren, findet Martin Raschke, der Vorsitzende des Dresdner Kreiselternrats. Unter den Eltern würden die Freitags-Demos konträr diskutiert, sowohl im Elternrat als auch in den Klassen und Kursen.

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der Vorsitzender des Kreiselternrats Martin Raschke. Quelle: DNN

Ein Teil der Eltern unterstütze die Ansicht der Schulleitungen, „Schulpflicht zuerst und Demos in der Freizeit“. Befürworter unter den Müttern und Vätern meinten jedoch, die Eltern könnten stolz sein, dass die Schüler sich für gesellschaftspolitische Themen einsetzen. Nur innerhalb der Schulzeit würden die Schüler die nötige Aufmerksamkeit erfahren.

Laut dem Elternvertreter sollten Schulen die Form der Meinungsbildung schulisch in GRW (Gemeinschaftskunde/Rechtserziehung/Wirtschaft), Ethik und Religion aufgreifen. An den jeweiligen Tagen „zufälligerweise“ Klassenarbeiten anzusetzen, sei nicht der richtige Weg. Dann sollte die Schulleitung den Eltern und Schülern in der Schulkonferenz klar machen, dass die Schulpflicht durchgesetzt wird. „Vorübergehend“ sei auch eine Freistellung durch die Eltern denkbar, damit Schüler an Demos teilnehmen könnten.

Fotorückblick: Fridays for Future am 15. März in Dresden

Jung und Alt sind am Freitagmittag auf die Dresdner Straßen gegangen, um ein Zeichen für die Umwelt zu setzen. Im Rahmen von „Fridays for Future“ nehmen unzählige der Dresdner Schüler am weltweiten Klimastreik teil.

Raschke ist der Ansicht, „jeder Schüler muss für sich selbst entscheiden, ob er jede zweite Woche fehlen will oder nicht“. Der Unterrichtsstoff werde nachzuholen sein. Denn am Ende stünden Leistungstests an. „Augenmaß ist schlicht geboten“, erklärte er mit Blick auf den Umgang mit Fehlstunden.

Das Engagement der Schüler sei zu begrüßen, aber nicht nur im politischen Rahmen, sondern auch im privaten oder schulischen Bereich: Muss es nach ein bis zwei Jahren ein neues Smartphone sein? Fliege ich als Klasse zum dreitägigen Schulausflug nach Madrid mit einer Billigfluglinie? „Dies sind Fragen, wo sich gern Politik, Schule und Elternhaus mit unseren Kindern und Jugendlichen ,reiben’ sollen und dürfen“, erklärte Raschke. Den Elternvertretern erscheine es „als schwierig“, dass in Zukunft im Zwei-Wochen-Rhythmus die Schüler Unterricht versäumen, „wenn wir uns als Elternvertreter dafür einsetzen, dass es genügend Lehrkräfte an den Schulen für unsere Kinder gibt“. Mehr Gelassenheit und das Anliegen ernst nehmen, fasste Raschke zusammen.

Die Meinung von Schülern

Ludwig Teßmar ist Schüler am Sportgymnasium in Dresden und Vorsitzender des Stadtschülerrats. Der 19-Jährige wird am Freitag nicht an der Demo teilnehmen. Das liegt aber nur daran, dass er seinen letzten regulären Schultag hat, weil kommende Woche die Abi-Prüfungen beginnen. „Der Wille der Schüler, sich an der Bewegung ,Friday’s for Future’ zu beteiligen, wird von unserer Schulleitung positiv aufgenommen.“ Für Einige sei es die erste Teilnahme an einer Demonstration. Die Erfahrungen hätten für die Schüler „einen großen didaktischen Mehrwert“. Daher würden interessierte Schüler, sofern keine Klausuren und andere wichtige schulische Verpflichtungen am selben Tag vorliegen, vom Unterricht freigestellt.

Teilweise seien einige Ethik/GRW-Kurse die Chance für einen Exkursionstag. „Ich persönlich glaube nicht, dass das Engagement genauso groß wäre, wenn die Demonstrationen anderweitig stattfinden würden. Zwar wäre immer noch eine große Beteiligung zu erwarten, allerdings lediglich seitens engagierter und umweltpolitisch motivierter Jugendlicher“, schätzt Teßmar ein. Von der Verknüpfung der Demos mit dem Unterrichtsalltag hänge jedoch „maßgeblich die mediale Aufmerksamkeit ab“.

A Quelle: Daniel Bockwoldt/dpa

Deshalb ist Teßmar auch der Ansicht, dass der Konflikt zwischen Schulpflicht und fortgesetzten Demonstrationen den „Druck auf die Politik und die Öffentlichkeit“ erhöht. Die Auseinandersetzung mit den „Schülerstreiks“ führe, so die Hoffnung, ebenfalls zu einer Auseinandersetzung mit den Forderungen. Teßmar: „Die Erwartung ist, dass die Stimme der Jugendlichen gehört wird und sich die Zuständigen angemessen mit der Situation auseinandersetzen.“

Gute Erfahrungen hat Tiffany Rademacher an der 35. Oberschule gemacht. „Unsere Lehrer gehen sehr offen damit um.“ Im Sekretariat können sich die Schüler Vordrucke abholen, die dann von den Eltern zu unterschreiben sind, wenn die Jugendlichen an den Demonstrationen teilnehmen dürfen. „Leider ist das relativ wenig genutzt worden.“ Rademacher, die ebenfalls vor den Prüfungen steht, erwartet, dass das Verständnis der Lehrer schwinden wird, wenn sich die Aktionen noch lange fortsetzen.

In Gesprächen an der Schule, sei klar geworden, dass jemand, der streikt, auch auf etwas verzichten muss. Lehrern würde der Lohn gekürzt. Daher müssten die Demonstrationen womöglich auch am Wochenende oder nach der Schule stattfinden. Dann sei damit zu rechnen, dass die Teilnehmerzahl zurückgehe. Einige Schüler hätten die Demonstrationen dazu genutzt, um dem Unterricht zu entgehen. „Das ist aber nur ein relativ kleiner Teil“, ist sich die 15-jährige Rademacher sicher.

Die Lehrer

Er kann verstehen, dass mit einem Streik hohe Aufmerksamkeit erzeugt wird. Das hohe Engagement habe aber seinen Preis. Wer das tut, muss mit Konsequenzen leben, sagt Marcello Meschke, Schulleiter am Bertolt-Brecht-Gymnasium. Eine Freistellung sei ihm nicht möglich. Meschke hebt hervor, dass sich die Schüler ganz bewusst dafür oder dagegen entschieden haben. Mütter und Väter sollten mit ihren Kindern diskutieren.

Schulleiter Marcello Meschke Quelle: Dietrich Flechtner

Geteilte Meinungen gibt es auch am Gymnasium Cotta, das Jürgen Karras leitet. „Wenn die Aktionen nicht während der Schulzeit stattfinden, dann gehen weniger hin“, sei dem Schülerrat klar. Karras sprach sich dafür aus, die „Debatte nicht zu überspitzen“ und „den Ball flach zu halten“. Er begrüße die Aktionen, es müsse jedoch nicht während des Unterrichts sein. „Streik wird den Klimawandel nicht verhindern.“ An vielen Stellen könnten die Schüler über ihren eigenen Beitrag nachdenken, beispielsweise wenn es um die SUV gehe, mit denen sie von ihren Eltern herumgefahren werden oder beim Projekt Mülltrennung an der Schule.

Die Klimaschutzaktionen würden von Schüler und Lehrern mit Interesse verfolgt. Für den 15. März habe der Schülerrat die Teilnahme an der Demonstration in Dresden beschlossen und viele Schüler hätten sich angeschlossen. Die Schulpflicht bleibt davon unberührt, erklärte Schulleiterin Annette Hähner vom Marie-Curie-Gymnasium. An der Schule gab und gibt auch außerunterrichtliche Projekte zum Umwelt- und Klimaschutz.

Unverantwortlich hält Sandra Gockel, Schulleiterin am Ehrenfried-Walther-von-Tschirnhaus-Gymnasi-um, eine Diskussion, ob die Schulpflicht zugunsten von politischem Engagement zurücktreten soll. „Mit welchen Argumenten treten wir anderen politischen Initiativen gegenüber?“ Im Unterricht will die Schule den Schülern zeigen, wie vielschichtig solche politischen Debatten sind. Sie erlebe auch plötzliche Stille, wenn Jugendlichen bewusst wird, welche Lasten ihre Eltern durch Arbeitslosigkeit und Brüche in ihren Biographien bereits getragen haben und nun skeptisch gegen allzu schlichte Parolen ihrer Kinder sind. „Hier wollen wir helfen, dass aus unterschiedlichen Meinungen keine persönlichen Konflikte entstehen.“

Von Ingolf Pleil