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Lokales Was bedeutet Emanzipation für Sie? Das sagen drei Dresdnerinnen aus drei Generationen
Dresden Lokales Was bedeutet Emanzipation für Sie? Das sagen drei Dresdnerinnen aus drei Generationen
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11:05 08.03.2020
Drei Frauen zum Frauentag 2020: Gertraud Ortmann, Simone Hindenburg, Jette (v. l.). Quelle: privat/Montage: Tröger
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Dresden

„Jeder für die Gleichberechtigung“ lautet das Motto des diesjährigen Internationalen Frauentages am Sonntag. Seit 101 Jahren treten Frauen ein für ihre Rechte, für Gleichberechtigung und für Emanzipation. Drei Dresdnerinnen unterschiedlicher Generationen schildern ihre persönlichen Erfahrungen und verraten, was Emanzipation für sie bedeutet.

Jette, Schülerin. Quelle: privat

„Frauen müssen nicht den ihnen zugewiesenen Rollenbildern entsprechen“

  • Jette, Schülerin
  • ist 17 Jahre alt und wohnt in Dresden
  • besucht die 11. Klasse
  • kann sich vorstellen, später Sozialpädagogin oder Sozialhelferin zu werden

„Ich habe nicht das Gefühl, aufgrund meines Geschlechts schon mal benachteiligt worden zu sein und wurde zum Glück auch nie in irgendwelche Stereotype gezwängt. Das war auch in meinem Umfeld nie ein Problem. Im Gegenteil, damals in der Grundschule gab es einen Jungen, dessen Lieblingsfarbe rosa war. Das haben alle akzeptiert.

Unangebrachte Witze

Aber ich musste mir schon den einen oder anderen unangebrachten Witz anhören, zum Beispiel über Frauen und Technik oder Frauen und Einparken.

Jeder macht das, was ihm liegt

Eine klischeehafte Rollenverteilung von Mann und Frau kenne ich weder aus der Schule noch aus der Familie. Zuhause machen meine Eltern das, was ihnen liegt und jeder wäscht mal Wäsche oder putzt.

Geschlechtsstereotype aufbrechen

Unsere Schule gibt sich viel Mühe, berufliche Geschlechtsstereotype aufzubrechen und männerdominierte Berufe auch für Frauen interessant zu machen und umgekehrt.

Emanzipation bedeutet für mich, dass Frauen nicht den ihnen zugewiesenen Rollenbildern entsprechen müssen. Früher wurden Frauen unterdrückt und hatten nicht viele Rechte. Die Gleichstellung ist auch heute noch nicht vollständig erreicht, denn Frauen verdienen immer noch weniger als Männer im gleichen Beruf. Deshalb finde ich es wichtig, mit dem Frauentag auf dieses Problem aufmerksam zu machen.“

Simone Hindenburg Quelle: Dietrich Flechtner

„Ich hatte nie eine Wahl zwischen Karriere oder Familie“

  • Simone Hindenburg (50), Personal- und Inklusionsberaterin
  • war längste Zeit alleinerziehende Mutter
  • wohnt mit ihrem 19-jährigen schwerbehinderten Sohn in Freital
  • seit 2014/15 ist sie selbstständig und führt eine Personalkanzlei in Dresden

„Idealerweise stimmen sich Eltern ab, wenn es um die Kinder und den Haushalt geht. Aber ich hatte nie eine Wahl zwischen Karriere oder Familie, ich musste stets Geld verdienen und mein Kind versorgen.

Kämpfe allein ausfechten

Seit der Grundschule wissen wir, dass mein Sohn Autist ist. Damals musste ich viele Kämpfe alleine führen, ob mit Behörden, der Diagnose oder der Schule. So zogen wir nach Freital, weil kein Gymnasium in Dresden meinen Sohn aufnehmen wollte. Aber daran bin ich gewachsen und habe gelernt, mich durchzusetzen.

Zufällige Erkenntnis: Kollege verdient viel mehr

Neben meinen Beruf betreue ich meinen Sohn. Als Selbstständige ist das heute deutlich einfacher für mich als früher. Ich war in einer Firma als Personalberaterin angestellt. Dort verdiente ein Mann in der gleichen Position mehr als ich. Deutlich mehr. Das hatte ich nur rein zufällig herausgefunden.

Nicht nur die drei K’s

Nach der Wende bin ich nach Bayern gegangen, um Konditorin zu werden. Ein Großbäcker wollte mir die Ausbildung ausreden und mich stattdessen als Hilfskraft übernehmen. Er sagte zu mir, für Frauen zählen nur die drei K’s: Kirche, Kinder, Küche. Meine Ausbildung habe ich dann woanders gemacht. Doch diesen Beruf, meinen Traumberuf, musste ich aufgeben, weil die Arbeitszeiten nicht mit denen der Kita vereinbar waren.

Emanzipation bedeutet für mich nicht nur, dass ich selbst für mich und meine Familie sorgen kann, sondern auch Wertschätzung und Verständnis. In einer Gesellschaft sollten sich Menschen gegenseitig unterstützen, ohne Ansehung des Geschlechts, der Hautfarbe, Religion, Herkunft oder persönlichen Vergangenheit.“

Gertraud Ortmann, Rentnerin. Quelle: privat

„Notgedrungen waren wir Frauen früher selbstständig“

  • Gertraud Ortmann* (84), Renterin
  • 1936 geboren und hat in der DDR gelebt
  • war gezwungenermaßen selbstständig, weil sie ihre drei Kinder größtenteils alleine großzog

„Mein Mann ist 1954 von Westdeutschland in die DDR übergesiedelt ist. Da wurde mir klar, dass Mütter in Westdeutschland zuhause blieben und Familie wie Haushalt versorgten, wenn sie es sich finanziell leisten konnten. So musste mein Mann als Kind keine Hausarbeit erledigen, sondern wurde zu „männertypischen“ Aufgaben herangezogen. Das war ein gesellschaftliches Problem, aber ich hatte damit zu kämpfen.

Arbeit, Fernstudium, Haushalt, Kinder

Ich habe acht Jahre lang die Schule besucht und ab 1951 eine Ausbildung zur Postfacharbeiterin gemacht. Nebenbei habe ich eine Abendschule besucht, danach ein Fernstudium zur Erzieherin absolviert. Mein ganzes Leben lang habe ich gearbeitet und nebenbei unsere drei Kinder versorgt und den Haushalt erledigt. Mein Mann hat sich um nichts gekümmert, alles blieb an mir hängen. Für ihn war es selbstverständlich, dass ich das Abendbrot zubereitete, Wäsche wusch oder einkaufen ging.

Zusammenbruch und Selbstständigkeit

Irgendwann bin ich zusammengebrochen, war richtig krank, weil mir alles zu viel wurde. Mit 33 Jahren ließ ich mich von meinem Mann scheiden. Meinen Kindern habe ich gelernt, selbstständig zu sein.

Emanzipation bedeutet für mich selbstständig und unabhängig sein. Notgedrungen waren wir Frauen früher nun mal selbstständig. Aber an meinen Kindern und ihren Partnern erkenne ich, dass sich da in der heutigen Zeit viel verbessert hat.“

*Name geändert

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