Einkaufen in Zeiten der Coronakrise: Möge der Zellstoff mit euch sein
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Lokales Einkaufen in Zeiten der Coronakrise: Möge der Zellstoff mit euch sein
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19:37 21.03.2020
Wertvolle Ware: Toilettenpapier.
Wertvolle Ware: Toilettenpapier. Quelle: Uli Deck/dpa
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Dresden

Am Mittwochabend hat nach einer mehrwöchigen Umbaupause der Rewe-Markt an der Königsbrücker Straße wieder seine Pforten geöffnet. Um 18 Uhr begann der Einlass in etwas, das man durchaus als eine Art Wunderland bezeichnen könnte, denn neben zahlreichen Neuerungen wie Selbstbedienungskassen und Salatbar gab es, zumindest zu diesem Zeitpunkt, vor allem eines: volle Regale. Mit allem. Das dürfte neben einem flotten Eröffnungsrabatt von zehn Prozent auch der Grund dafür sein, dass sich bereits bei meiner wohlgewählten Ankunft um 17.53 Uhr ein Pulk von etwa 40 Menschen (Anteil anwesender Hamster nach vorsichtigen Schätzungen vermutlich deutlich über zehn Prozent) dicht vor dem Eingang drängt.

Sicherheitsabstand? Nicht so wichtig für die meisten, die ihren Platz in der stetig wachsenden Menge vehement zu verteidigen suchen. Aus sicherer Entfernung registriere ich mit heruntergeklapptem Kiefer, dass sich auch die Balkone in der unmittelbaren Umgebung mit Menschen füllen. Von dort hagelt es hämische Kommentare, als sich die Türen des Marktes öffnen, erfüllen Applaus und Gejohle aus Balkonien die ohnehin schon absurde Szenerie. Nachdem der Kauftrupp den Laden gestürmt hat, schleiche auch ich mich in das Geschäft. Geduckt. Und mit einem mir fremden Gefühl von Anspannung und Unbehagen.

Warum sind die Leute so von der Rolle?

Neben Corona greift zunehmend auch der Irrsinn um sich, und der treibt immer abstrusere Blüten. Wer in diesen Tagen Klopapier braucht – und der terminus technicus „brauchen“ meint hier explizit nicht einen diffusen Drang, den Hygieneartikel aus falsch verstandener Vorsorge bis unters Dach der eigenen vier Wände zu stapeln – guckt buchstäblich in die Röhre. Und das macht mich zunehmend sauer. Insgesamt elf Geschäfte habe ich in den letzten zwei Tagen aufgesucht, um meinem naturgemäß allmählich schwindenden Klopapiervorrat etwas entgegen zu setzen. In jedem einzelnen Geschäft herrscht gähnende Leere.

Warum sind die Leute so von der Rolle? Und was zur Hölle tun sie damit? Bisher zumindest sind keine Informationen dahingehend geleakt worden, dass es bei einer Infektion mit Covid-19 zu einer überdurchschnittlichen Anhäufung von Ausscheidungen kommt. Und da das große Geschäft derzeit mit Nudeln, Mehl und aus unerfindlichen Gründen auch mit eher schnell verderblichem Toastbrot gemacht wird, sollte selbiges auf dem Abort bei übermäßigem Verzehr dieser Produkte ohnehin eher ausbleiben.

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Schuld an meinem Dilemma ist freilich nur der Valentinstag. Mein Toilettenpapier kaufe ich seit mehreren Jahren fast ausschließlich bei einem bekannten Discounter, der 20 Rollen für günstige 4,99 Euro anbietet. Der Grund: die wechselnden lustigen Motive dieses Anbieters sorgen für deutlich mehr Spaß auf dem Klo. Und wenn Kakteen, Einhörner oder Faultiere den Zellstoff zieren, dann lege auch ich, sonst eher der Anti-Hamster, durchaus mal einen Vorrat von mehreren Packungen an, die in der Regel locker bis zum nächsten coolen Aufdruck reichen.

Weil ab Ende Januar allerdings traditionell auch die Klopapierbranche die Verbraucher mit albernen rosaroten Herzchen traktiert, blieb es bei mir wie immer bei dieser einen Großpackung Valentinstagverbrechen. Ein Fehler, wie sich nun herausstellte, denn auch das beherzteste Klopapier geht irgendwann zur Neige. Und dass dieser Punkt in Kürze erreicht sein würde, löste in mir nicht das erwartete Wohlgefühl aus.

Statt Schokolade gibt es Weißwein

Von Panikanflügen bin ich trotz Risikogruppenzugehörigkeit nach wie vor weit entfernt. Wenn ich aber mein sonst sehr ausgeprägtes Sozialleben auf ein Minimum herunterfahre, möchte ich mich verdammt noch mal auch nicht in elf verschiedenen Geschäften voller Menschen einem absolut unnötigen Risiko aussetzen – und dann am Ende trotzdem ohne Kackpappe dastehen. Deshalb also: Wiedereröffnung meines Lieblings-Rewes. Was muss, das muss. Und wörtlicher war das vermutlich noch nie zu nehmen.

Als ich mit einigen Minuten Verzögerung den Markt betrete, strömen bereits Menschen in Richtung Kassen. Unter beiden Armen klemmt jeweils die Pro-Kopf-Ration von zwei Packungen Toilettenpapier wie ein besonders bizarres Accessoire, die Finger krampfen sich unnatürlich um eine Alibi-Tafel Schokolade. Durch menschenleere Regalreihen bahne ich mir den Weg zum begehrtesten Gut der Stunde, schnappe mir eine Packung Klopapier – übrigens mit Seepferdchen und anderem maritimen Getier – und, weil auch das allenorts stetig ausverkauft scheint, einmal Küchenrolle. Weil mir der geplante Kauf dieser sonst keiner Erwähnung werten Basisprodukte bereits jetzt die Wangen rot färbt, ignoriere ich das eigentlich spannend wirkende neue Angebot, und eile im Slalom um Menschentrauben herum zur Kasse. Statt Schokolade gibt es Weißwein. Nicht als Alibi, sondern weil ich den jetzt brauche, ganz real.

Klopapier löst in Zeiten der Krise keine Probleme. Es schafft neue.

Nach Hause nehme ich einen Umweg, um den Balkoniern auszuweichen, der weiße Zellstoff leuchtet wie ein Kainsmal aus meiner Tasche heraus. Der kurze Heimweg durch meine sonst so geliebte Neustadt gleicht einem Spießrutenlauf: Ich ernte amüsierte Blicke, genervtes Schnauben und ungläubiges Kopfschütteln. Noch nie in meinem Leben habe ich mich für einen Einkauf so geschämt. Als ich nach einer gefühlten Ewigkeit endlich die Wohnungstür hinter mir zuziehe, überkommt mich ein Gefühl grenzenloser Erleichterung. Klopapier, so habe ich heute gelernt, löst in Zeiten der Krise keine Probleme. Es schafft neue. Und die sind eindeutig der Gattung „Kannst-du-dir-nicht-ausdenken“.

Apropos: Auf dem stillen Örtchen lässt es sich Gerüchten zufolge ja besonders gut nachdenken. Für manch eine/n wäre das wahrscheinlich gar keine so schlechte Idee.

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Von Kaddi Cutz