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Lokales Wie sich Planer Dresden in den 1960er Jahren vorstellten
Dresden Lokales Wie sich Planer Dresden in den 1960er Jahren vorstellten
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20:23 09.10.2019
Das Stadtmodell aus den 1960ern – einige der Ideen sind auch jetzt wieder in der Debatte. Quelle: Archiv der Stiftung Sächsischer Architekten, Nachlass Franz Bretschneider
Dresden

Seht, Großes wird vollbracht! Beinah biblische Worte, derer sich die profane Propaganda der DDR in­flationär bedient hatte, um die ei­genen Errungenschaften ins helle Licht zu rücken. Tatsächlich hatte die Re­publik 1969 mit Kulturpalast und Fernsehturm durchaus et­was Großes in der damaligen Bezirkshauptstadt Dresden vollbracht, das den in­ternationalen Vergleich keineswegs scheuen musste.

In jedem Fall legten die Verantwortlichen in den 1960er-Jahren im Städtebau viel Selbstbewusstsein an den Tag – was sich ei­nerseits in modernen Gebäuden wie dem Kulturpalast und andererseits den in der gleichen Zeit geplanten und in großen Teilen verwirklichten Projekten wie der Prager Straße und dem Robotron-Areal manifestierte. Der Anspruch war selbstredend noch viel größer, was wiederum in einer umfassenden Vision gipfelte, die anlässlich des 20. Republikgeburtstages entstand.

Unter der Leitung des eigens nach Dresden beorderten Chefar­chitekten Joachim Näther (Alexanderplatz in Berlin, Lange Straße in Rostock) entwarf eine Ar­beitsgruppe ein neues Modell für die Dresdner Innenstadt. Große, freistehende Leitbauten, weitläufige Freiräume, ge­­­fasst von einem Ring von Hochhäusern – eine mo­derne Stadtlandschaft, die die so­zialistische Gesellschaftsform wi­derspiegeln sollte. Zwar befreiten sich die Planer von historischen Zwängen, machten in Dresden al­lerdings keineswegs die totale Tabula rasa, ließen zum Beispiel auch in Trümmern liegende Gebäude wie das Schloss wiederentstehen.

Dresden, wie es sich die Planer in den 1960er-Jahren vorstellten

Foto: Archiv der Stiftung Sächsischer Architekten, Nachlass Franz Bretschneider/Montage DNN

Vollständig umgesetzt wurde das Modell freilich nie – was an wirtschaftlichen Realitäten und je­nem Paradigmenwechsel scheiterte, den 1971 Erich Ho­neckers Machtübernahme mit sich brachte. Der neue Staatschef setzte auf den industriellen Wohnungsbau, we­niger auf Prestigeprojekte. Das Centrum-Warenhaus ist ei­nes der letzten Vorhaben, das 197­8 noch seinen Abschluss fand.

Was zur Umsetzung ge­langte, lässt sich derzeit – neben einer großformatigen Aufnahme des 1969 entworfenen Stadtmodells – in einer Ausstellung im Zentrum für Baukultur im Kulturpalast erkunden. Die Stiftung Sächsischer Architekten präsentiert anlässlich des 50-jährigen Jubiläums von Kulturpalast und Fernsehturm Fotografien von damals und heute von wichtigen Beispielen der Nachkriegsmoderne in Dresden.

Info zur Ausstellung

Ausstellung „1969 · 2019 – Meilensteine der Dresdner Nachkriegsmoderne“, Zentrum für Baukultur, Kulturpalast; bis 19. Oktober, Di. bis Sa. jeweils 13 bis 18 Uhr, außer feiertags.

Dauerbrenner Busbahnhof (in der Grafik rosa markiert)

Die Notwendigkeit eines Busbahnhofs – offensichtlich kein neues Thema für Dresden. Schon in den 1960er-Jahren hatten die Planer dem Projekt Aufmerksamkeit zugemessen und bereits das Areal westlich vom Wiener Platz ins Auge gefasst. Daran hat sich wenig geändert, auch in Sachen Kapazität (die Stadt plant aktuell mit elf Bussteigen) lagen die Verantwortlichen von einst und heute nicht weit auseinander.

Gänzlich anders ist indes die Herangehensweise bei der Realisierung. Die Stadt setzt auf einen Investor und Betreiber, der neben dem Busbahnhof im besten Fall auch noch ein Fahrradparkhaus mit er­richten soll. Immerhin: Gegenwärtig laufen laut Verwaltung Ge­spräche mit einem Bewerber, der neben dem Busbahnhof auch die ge­forderten etwa 500 Fahrradstellplätze sowie weitere Einrichtungen mit Toiletten, Gewerbe- und Serviceflächen er­richten will. Knackpunkte sind demnach finanzielle Aspekte. „Die Stadt strebt nach ei­ner städtebaulich-gestalterisch hoch­wertigen, technisch ausgereiften und wirtschaftlich tragfähigen Lösung“, heißt es aus dem Rathaus.

Der Streit um die Hochhäuser (türkis)

Aktuell schmiedet Dresden mit großem Aufwand an einem Leitbild für den Hochhausbau. Die Fragen nach Standorten und Höhe hat die Planer auch schon vor mehr als 50 Jahren beschäftigt. Und da­bei waren sie keineswegs nur politisch geleitet. Denn Hochhäuser, so er­klärt Anja Heckmann vom Stadtplanungsamt, waren in dieser Zeit durchaus internationaler Standard. Auffällig ist, dass die Ingenieure die Gebäude aber so gut wie gar nicht in die Innenstadt setzen wollten, sondern vielmehr einen darum ge­fassten Hochhauskranz favorisierten.

Auch heute lehnen die Experten, die ihre Ideen fürs Hochhausleitbild vorgestellt haben, hohe Neubauten im Zentrum ab. Infrage kommen allerdings Bereiche, die an der Peripherie des Zentrums liegen. Zur Debatte stehen Kraftwerk Mitte und Wiener Platz sowie Comeniusstraße oder Grunaer Straße – wobei dort bereits zu DDR-Zeiten „hohe“ Tatsachen geschaffen wurden. Ganz raus ist heute indes die Neustadt, wo die Planer am Albertplatz ebenfalls quasi als Endstück einer lang gedachten Fußgängermeile vom Hauptbahnhof ein Hochhaus angeordnet haben.

Eignungs- und Ausschlussgebiete der aktuellen Hochhaus-Planung

Interhotel mit 107 Meter Höhe (orange, mittig)

Fast grotesk mutet der aktuelle Streit über den Hochpunkt für das neue Verwaltungszentrum am Ferdinandplatz vor dem Hintergrund des Stadtmodells von 1969 an. Heute sind es 60 und sogar 43 Meter, die vom Denkmalschutz als inakzeptabel verworfen werden. Damals ging es viel höher hinaus: 107 Meter hoch sollte das geplante Interhotel auf einem dreieckigen Grundriss werden. Daneben war ein „Haus des Lehrers“ als „geistiges Zentrum der pädagogischen Intelligenz mit Zirkeln, Seminarräumen und gastronomischen Einrichtungen“ geplant, auch ein Tanzkabarett sollte es geben.

Alles nichts geworden – die Flächen blieben unbebaut. Erst 1993 begann der Bau des Karstadt-Warenhauses nach Plänen des Architekturbüros Rhode, Kellermann, Wawrosky & Partner. 1995 öffnete der Konsumtempel seine Pforten, das Gebäude ist aber gewissermaßen unvollendet geblieben. Mit der Entwicklung des Ferdinandplatzes – die Verwaltung will auf dem derzeitigen Parkplatz ein großes Verwaltungszentrum errichten – soll auch der Karstadt-Bau abgeschlossen werden und einen Innenhof erhalten.

Die Utopie von der U-Bahn (violett)

Sozialistische Ideale hin oder her – das Modell spiegelt auch den in den 1960er-Jahren nicht nur in der DDR ausgeprägten Glauben an den technologischen Fortschritt wider. In diesem Fall ist es die Idee für eine Unterpflasterstraßenbahn, quasi eine Metro light, die zwischen Postplatz und dem heutigen Straßburger Platz unterirdisch fahren sollte.

Zwar seien von Studenten der früheren Verkehrshochschule in Dresden immer wieder einmal Studien ge­macht wurden. Konkrete Pläne für den Bau einer solchen Linie hat es allerdings nie gegeben, sagt Falk Lösch, der Sprecher der Dresdner Verkehrsbetriebe (DVB).

Ohnehin hätte das Ansinnen die Ingenieure wohl vor größere Herausforderungen gestellt – allein wegen des lehmigen Bodens. Und auch heute sei der Bau einer U-Bahn in Dresden absolut kein Thema, erklärt der DVB-Sprecher: „Das ist weder be­zahlbar noch zeitgemäß.“ Früher hätten die Planer anders ge­tickt und den Nahverkehr bewusst in den Un­tergrund verdammt. „Für uns ist heute vor allem wichtig, dass wir ein gut ausgebautes Stadtbahnnetz ha­ben“, sagt Falk Lösch.

Gebaut wie geplant (grüner Punkt)

Wären die Pläne am Königsufer realisiert worden, hätte es heute kein groß angelegtes Werkstattverfahren für die Bebauung geben müssen. Und wahrscheinlich wäre das Areal ziemlich verschandelt worden. Während der Generalbebauungsplan von 1967 noch versucht, die Maßstäbe der Stadt zu wahren, ist im Modell von 1969 eine großflächige Bebauung ähnlich der Prager Straße zu sehen. Plattenbauten blieben der Uferkante erspart – jetzt kann die Stadt eine kleinteilige, aufgelockerte Bebauung planen.

Der Neustädter Markt und die Hauptstraße wiederum – damals noch Straße der Befreiung – wurden 1:1 so gebaut, wie es das Modell vorgesehen hat. In den 1970er-Jahren entstanden die Plattenbauten, die Straße der Befreiung wurde als Fußgängerboulevard angelegt.

Die Plattenbauten am Neustädter Markt wurden tatsächlich realisiert. Quelle: Archiv

Am heutigen Albertplatz sollte das DVB-Hochhaus abgerissen und durch einen modernen Hochpunkt ersetzt werden – als Gegenstück zum Interhotel am Ferdinandplatz. Dazu kam es nicht, der DDR fehlte schlicht das Geld für solche hochfliegenden Pläne.

Das große Nichts: Wiener Platz (gelb)

Die Idee ist deutlich zu erkennen: Eine halbkreisförmige Öffnung in Richtung Prager Straße. Aber: Der Wiener Platz war missraten. Wer aus dem Hauptbahnhof heraustrat, stand vor einer unwirtlichen Weite, einem Nichts. Das städtebauliche Nichts war so ausgeprägt, dass der Platz – eine größtenteils begrünte Freifläche – bis 1974 keinen offiziellen Namen trug. Dann wurde das Lenindenkmal eingeweiht und die Fläche erhielt die Bezeichnung Leninplatz. Was die Aufenthaltsqualität nicht wirklich verbesserte.

Lange war der Wiener Platz begrünt, dann wurde er unter dem Namen „Wiener Loch“ zu Schandfleck. Die Aufnahme stammt von 2012. Quelle: CAROLA FRITZSCHE 2

Die „zweitgrößte Baustelle Deutschlands“ – nach dem Potsdamer Platz in Berlin – wurde der Wiener Platz 1990 genannt. 1994 startete die Verwaltung einen Wettbewerb mit dem Ziel, eine angenehmere Platzfigur auszubilden. „Alle Planer hatten vor den Kreisbogen eine weitere Gebäudereihe gestellt“, so Anja Heckmann, Abteilungsleiterin im Stadtplanungsamt. Der Verkehr wurde in einen Straßentunnel verlagert, der kurz vor der Flut 2002 eröffnet wurde. „Prager Spitze“, Kugelhaus und Co. füllten das Nichts.

Neumarkt frei von Visionen (orange, oben)

Der Neumarkt spielte in den Visionen der DDR-Stadtplaner keine große Rolle. Nicht einmal der Neubau des Polizeipräsidiums an der Rampischen Straße ist in den Plänen enthalten. 1979 wurde der stufenförmige Plattenbau an das historische Polizeipräsidium angebaut. Auch vom heutigen Hilton, das von 1987 bis 1989 errichtet wurde, ist nichts zu sehen. Mittelpunkt des Platzes war der Trümmerberg der Frauenkirche, der als Mahnmal gegen den Krieg auf einer unbebauten Grünfläche stand.

Geplant waren mehrere große Bäume, das war es dann aber auch. Dafür sollte die Wohnbebauung von der heutigen Wilsdruffer Straße – im Volksmund „Stalinbarock“ genannt – eine Fortsetzung auf den Neumarkt-Flächen erhalten. Gut, dass es nicht so gekommen ist – das hätte die Chance für eine Rekonstruktion der städtebaulichen Figur nach 1990 auf ein Minimum reduziert. Die Blöcke hätten weit hineingeragt in Flächen, auf denen heute Quartier VI, KIB-Gebäude oder die Heinrich-Schütz-Residenz stehen.

Weiterlesen:
Letzte Tagung der Gestaltungskommission für den Neumarkt – Eine Epoche geht zu Ende

Promenadenring als Stadtpark (grünes Band)

Es gibt Ideen der DDR-Städteplaner, die visionär waren und bei denen es schade ist, dass sie nicht umgesetzt wurden. Der Promenadenring ist ein Beispiel dafür. Was für ein mächtiges grünes Band zieht sich da vom Postplatz über den Dippoldiswalder Platz bis zum Georgplatz und dann nicht nur bis zum Pirnaischen Platz, sondern gleich bis zum Rathenauplatz.

Das wäre ein kleiner Stadtpark geworden, dieser Promenadenring, und er hätte in Zeiten heißer Sommer für schöne Abkühlung sorgen können. Es kam anders, die von den Kriegstrümmern beräumten Flächen rund um den Antonsplatz wurden asphaltiert und dienten als Parkplatz sowie als Veranstaltungsfläche. Der Dr.-Külz-Ring und die St. Petersburger Straße – früher Christianstraße, seit 1970 Leningrader Straße – fielen der Idee einer autogerechten Stadt zum Opfer und wurden zu breiten Verkehrsschneisen ausgebaut. Mit wenig Grün. Leider. Der jetzige Promenadenring denkt dieses Thema neu, aber eben zwei Größen kleiner.

Von Sebastian Kositz und Thomas Baumann-Hartwig

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