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Lokales „Eine Welt ohne Allergien ist realistisch“
Dresden Lokales „Eine Welt ohne Allergien ist realistisch“
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10:31 18.09.2018
Für viele Allergiker noch Utopie: Eine Welt ohne Allergien. Quelle: picture alliance / Friso Gentsch
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Dresden

„Für eine Welt ohne Allergien“ ist das Motto des 13. Deutschen Allergie Kongresses vom 27. bis 29. September im Internationalen Congress Center. Mehr als 1000 Allergologen aus Deutschland und Europa werden sich über neue Forschungsergebnisse Möglichkeiten der Diagnostik und Therapie allergischer Erkrankungen und aktuelle Entwicklungen in der Gesundheitspolitik austauschen. Kongresspräsidenten sind der Bonner Arzt Dr. Lars Lange und der Dresdner Mediziner Professor Dr. Christian Vogelberg, Leiter des Universitäts AllergieCentrums. Gegenüber DNN erklärt der Kinderarzt, wie realistisch das Kongress-Motto ist.

Frage: Wie weit ist es bis zu einer Welt ohne Allergien?

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Christian Vogelberg: Wir haben dieses Thema ganz bewusst formuliert, denn in den vergangenen Jahren ist sehr viel passiert. Wir verstehen, was bei einer Allergie passiert, verfügen über verlässliche Methoden der Diagnostik und Prävention. Aus ärztlicher Sicht erscheint es möglich, die Zahl der Betroffenen deutlich zu senken.

Wie soll das gelingen?

Die Forschung arbeitet an der Idee, allergische Erkrankungen ganz früh zu unterbinden und schon das Immunsystem von Neugeborenen so zu modellieren, dass gar keine Allergien ausgebildet werden. Die Neuerkrankungsrate wird in den nächsten Jahrzehnten deutlich abfallen.

Allergologie ist zeitaufwendig

Die Realität scheint eine andere Sprache zu sprechen: Ist die Zahl der Betroffenen nicht sehr hoch?

Das ist richtig. Aber wir sind grundsätzlich recht gut gerüstet, die Patienten adäquat zu versorgen. Wir müssen das Rüstzeug aber auch einsetzen können. Da gibt es Diskrepanzen.

Wo sehen Sie Mängel im System?

Die Versorgung der Patienten wird nicht ausreichend finanziert. Das beginnt bei den Antihistaminika, die bei Jugendlichen und Erwachsenen von den Krankenkassen nicht bezahlt werden. Auch Neurodermitis-Patienten haben Probleme bei der Bezahlung von Salben. Allergietests werde nur mit Auflagen bezahlt. Die Probleme setzen sich bei der Vergütung der Ärzte fort. Allergologie ist zeitaufwendig, weil der Arzt den Patienten über viele Dinge befragen muss, wenn er eine sinnvolle Diagnostik machen will. Diese – ich nenne es sprechende Medizin – wird nicht angemessen vergütet. Auch bei der Bezahlung von Immuntherapien werden die Patienten verunsichert.

Hat die Gesundheitspolitik die Allergien nicht auf dem Schirm?

Es ist paradox: Allergien sind eine Volkskrankheit, die einen hohen ökonomischen Schaden verursachen. Aber die Unterstützung ist alles andere als gut. Gejammert wird viel, aber an dieser Stelle ist es gerechtfertigt. Die Fakten liegen auf dem Tisch. Wir reden über konkrete und realisierbare Dinge. Ein gut behandelter Allergiker muss nicht krank geschrieben werden, kann seine Leistung bringen, ist nicht übermüdet. Trotzdem müssen wir immer wieder hohe Hürden überwinden.

Veranstaltung für Lehrkräfte

Werden Sie auf dem Kongress ein Signal an die Gesundheitspolitik senden?

Das ist unser Ziel. Wir wollen auch darauf hinweisen, dass die Standards der Facharztausbildung nicht abgesenkt werden dürfen. In vielen Ländern dauert die Ausbildung zum Allergologen drei Jahre. Wir stehen in Deutschland blamabel da, wenn wir wie geplant ohne zusätzliche Ausbildungszeiten in der Facharztausbildung den Titel „Allergologe“ vergeben.

Was erwarten Sie von den Fachvorträgen?

Wir haben jeden Referenten explizit dazu aufgefordert, auf das Thema des Kongresses Bezug zu nehmen und zu sagen, wo sein Beitrag liegt.

Warum haben die Allergologen Dresden als Tagungsort gewählt?

Dresden ist eines der Zentren in Deutschland, die Versorgung von Allergikern hat eine lange Tradition. Im AllergieCentrum können wir uns den Themen interdisziplinär widmen.

Werden Dresdner Mediziner Vorträge halten?

Wir sind mit ungefähr 20 Experten aus den eigenen Reihen vertreten.

Werden Sie auch Veranstaltungen für die Bevölkerung anbieten?

Wir haben eine Veranstaltung im Programm, auf der wir Lehrkräfte im Umgang mit allergischen Leiden schulen wollen. Kindergärtnerinen und Pädagogen dürfen keine Scheu vor Medikamentengaben haben, wenn sich ein Kind in einem akuten Zustand befindet. Es geht aber auch um Umgang mit Kindern, die an Heuschnupfen leiden und in der Schule unkonzentriert sind, weil sie wochenlang unter Schlafmangel leiden.

Von Thomas Baumann-Hartwig