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Lokales Eine Dresdner Lehrerin und ihre Erfahrungen in verschiedenen Systemen
Dresden Lokales Eine Dresdner Lehrerin und ihre Erfahrungen in verschiedenen Systemen
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09:07 19.02.2019
Kathrin Schmidt ist Lehrerin an der 12. Grundschule in Dresden-Cotta.
Kathrin Schmidt ist Lehrerin an der 12. Grundschule in Dresden-Cotta. Quelle: Anja Schneider
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Dresden

„Ich gebe auch den Eltern Hausaufgaben, damit sie das eine oder andere üben.“ Kathrin Schmidt ist eine resolute Frau, die weiß, was sie will. Die Lehrerin von der 12. Grundschule in Dresden will Mütter und Väter mit ins Boot holen. „Die Eltern müssen im Rahmen ihrer Möglichkeiten mitziehen“, meint die 51-Jährige, die auf einen reichen Schatz an Erfahrungen zurückblicken kann – auch an Schulen im Ausland. Bevor sie an die staatliche Grundschule wechselte, war sie zuletzt an der privaten Internationalen Schule in Dresden als Lehrerin tätig.

Dabei hat sie ursprünglich andere Vorstellungen vom Leben. Sie wächst in Weißwasser auf und besucht dort die Sport-Eishockey-Schule. Mädchen kamen da zwar nicht aufs Eis, aber „die Jungs haben alle Eishockey gespielt“. Kathrin Schmidt ist in der Leichtathletik gestartet. „Als ich den Traum von der Goldmedaille im 100-Meter-Lauf begraben hatte“, blickt sie lachend auf die Kindheit zurück, habe sie in Erwägung gezogen, vielleicht Sportlehrerin zu werden. Teilweise hatte sie auch schon jüngere Kinder trainiert.

Doch schließlich entscheidet sie sich für Kunsterziehung. Mathe und Deutsch sind für die Grundschullehrerin sowieso obligatorisch. Großer Vorteil: Für die Ausbildung zur Unterstufen-Lehrerin genügt der Abschluss der 10. Klasse. „Das vierjährige Studium war im Gegensatz zu heute stark mit der Praxis verzahnt, da hat man gleich gemerkt, schaffe ich das oder nicht.“

Wechsel nach Argentinien

Noch vor der Wende startet sie in den Schulbetrieb. Von 1987 bis Januar 1992 unterrichtet sie in Weißwasser. Dann macht sie einen gewaltigen Schritt: Sie geht als Lehrerin nach Argentinien. Geliebäugelt hat sie damit schon zu DDR-Zeiten. Doch wer nicht in der Staatspartei SED ist, hat keine Chance, im Ausland zum Einsatz zu kommen. Nach dem Fall der Mauer sieht das plötzlich anders aus. Kathrin Schmidt bewirbt sich auf eine Ausschreibung für einen Auslandseinsatz und bekommt Buenos Aires angeboten.

Schon im Februar 1992 fängt sie dort in einer der deutschen Schulen an. Es ist keine gewöhnliche Schule. Dort werden viele Kinder unterrichtet, deren Großeltern den Holocaust überlebt oder Deutschland schon vorher verlassen hatten. „Haben Sie etwas gegen Juden?“ wird sie beim Einstellungsgespräch gefragt.

Sie arbeitet in der Oberstufe, unterrichtet Deutsch, Mathe und Kunst. Parallel lernt sie Spanisch, belegt Kurse an der Universität, verpasst sich das Rüstzeug für Unterricht in der Landessprache. In Buenos Aires findet der Unterricht zu großen Teilen auf Deutsch statt.

Rückkehr nach Deutschland

Vier Jahre arbeitet Schmidt dort, kehrt dann nach Deutschland zurück und betreut hier die Abiturienten aus der argentinischen Schule, die in Deutschland, Österreich oder der Schweiz ein halbes Jahr zur Schule gehen. In Görlitz unterrichtet sie Sekretärinnen in Spanisch, gibt Deutsch-Unterricht im polnischen Zgorzelec und lehrt auch Häftlinge in der Justizvollzugsanstalt in Görlitz in einem Wiedereingliederungskurs. „Es war schon eine bewegte Zeit“, erinnert sie sich heute. Kathrin Schmidt will nochmal als Lehrerin im Ausland tätig sein. 2001 geht sie nach Guatemala. In der Hauptstadt Guatemala-Stadt arbeitet sie an einer deutschen Schule, entsandt vom Bundesverwaltungsamt. Es nennt sich offiziell „in Mission“ für den deutschen Staat.

Ein lebensgefährlicher Job

„Guatemala ist ein sehr, sehr gefährliches Land.“ Sie will gern länger bleiben. Nach drei Jahren und mehreren Überfällen zieht sie jedoch die Reißleine. Manchmal klappt es gerade noch so haarscharf mit dem Überleben.

Die Auslandsschulen sind jeweils Privatschulen und entsprechend teuer. Es gibt sie, weil das staatliche Schulsystem ganz oft praktisch ausfällt. Häufig wird monatelange gestreikt, weil die Lehrer beispielsweise kein Geld bekommen. Eltern, die es sich leisten können, entscheiden sich dann dafür, ihren Kindern an Privatschulen eine gute Erziehung angedeihen zu lassen. Kathrin Schmidt unterrichtet unter anderem Kinder aus Botschaften, von Geschäftsleuten oder ausgewanderten Deutschen. Auch die Kinder schweben in permanenter Gefahr, einige werden mit Hubschraubern eingeflogen. Vor den Türen stehen ihre bewaffnete Bodyguards. Entführungen gehören fast zum Alltag.

„Ich habe mich eigentlich nur noch in der Schule sicher gefühlt, in einer bewachten Wohnanlage gelebt. Trotzdem ist in mein Haus eingebrochen worden. Guatemala ist ein schönes Land, ich habe dort eine Maya-Sprache gelernt.“ Trotzdem geht es nicht mehr: „Der Stahl des Maschinengewehrs ist kalt an der Stirn.“ Sie hält es für wahrscheinlich, dass ihr die Erfahrungen mit Straffälligen in diesen Situationen geholfen haben. „Dadurch konnte ich mich adäquat verhalten, das hat mir möglicherweise das Leben gerettet.“ Vielleicht ist auch nur eine gehörige Portion Glück dabei.

Kathrin Schmidt, heute Lehrerin an der 12. Grundschule, bei ihrer Arbeit an der Internationalen Schule (DIS) in Dresden (2015). Quelle: Privat

Kathrin Schmidt zieht weiter. Ist einige Zeit in New York City tätig, dann in Kalifornien und Oregon. Doch sie will sich nicht auf Jahre in den USA binden, für die nächste Visa-Stufe wäre das aber Bedingung. Von einer Freundin erhält sie den Tipp für die Dresden International School (DIS), die einen Deutschlehrer sucht.

Dresden kennt sie aus Besuchen in der Studentenzeit und ihrer Liebe zur Kunst. Und die DIS ist eine Insel der Internationalität, die den Übergang aus dem Ausland erleichtert. 2006 war das. Reichlich zehn Jahre später hat sie sich akklimatisiert und wechselt 2018 zu Beginn des Schuljahres an die 12. Grundschule. Nach mehr als 25 Jahren ist es erstmals wieder eine feste Anstellung an einer staatlichen Schule.

„Mir hat es an der Internationalen Schule wirklich gut gefallen.“ Aber nach zwölf Jahren habe sie sich gefragt, ob sie nochmal etwas Neues machen will. Wie immer soll es dann auch etwas ganz anderes sein. Immer wieder liest sie vom Lehrermangel, den Problemen an Sachsens Schulen. So entschließt sie sich für den Wechsel „an die Basis“.

Wirtschaftliche Gründe gibt es dafür nicht. Eine Verbeamtung kommt nicht mehr in Frage, hätte Kathrin Schmidt auch nicht angestrebt. Immerhin ist sie jetzt unbefristet angestellt, das Gehalt bewege sich auf dem Niveau der Internationalen Schule, sagt sie. „Das Geld war für den Wechsel komplett irrelevant.“ Sie wollte vielmehr einen Lebenskreis schließen, dahin zurückkehren, wo sie einmal angefangen hat – an der Grundschule.

Präsenzpflicht an Privatschule

Sehr genau sucht sie sich die Schule aus. Lernt die Schulleitung kennen, macht einen Schnupper-Tag. Das Bauchgefühl sagt Ja. „Ich habe den Schritt nicht bereut“, stellt sie heute gleich als erstes klar.

An der Privatschule gibt es für die gesamte Arbeitszeit Präsenzpflicht, an der staatlichen Schule kann nach dem Unterricht auch zu Hause gearbeitet werden. Weniger arbeitet sie deshalb noch lange nicht. „Im Gegenteil.“ Und: „Die Arbeit ist auch viel näher am Schüler dran.“

Taucht an der Internationalen Schule mit einem Schüler ein Problem auf, treten sofort die Schulpsychologin auf den Plan und andere „administrative Kräfte“. Sie als Lehrerin hätte damit weniger zu tun. Den Klassenverband der staatlichen Schule mit 25 oder mehr Kindern kennt die DIS auch nicht. Dort war sie Tutorin für etwa zehn Schüler.

An der öffentlichen Grundschule hat sie als Klassenlehrerin das Geschehen viel stärker selbst in der Hand. „Das wirkt in meine Arbeit direkt zurück, kommt mir aber im Unterricht auch direkt zugute.“ Dabei hängen Probleme von Schülern nicht per se mit der Herkunft zusammen. Eine Lernbehinderung kann immer auftreten, egal aus welchem Elternhaus jemand kommt. „Eine sozial-emotionale Auffälligkeiten kann damit zu tun haben, muss es aber nicht.“

Die DIS wirbt derzeit mit Lerngruppen von im Schnitt 17 Kindern. „Das ist sicher angenehmer, aber es ist auch eine Frage, wie man sich als Lehrer organisiert.“ Die Arbeit an der Grundschule mit 25 Kindern bekomme sie schon in den Griff.

Zur Person

Kathrin Schmidt

1967 in Weißwasser geboren,

Grundschullehrerstudium in Bautzen

1987 Start als Grundschullehrrerin,

Stationen in Argentinien, Guatemala und den USA,

2006 – 2018 Dresden International School

seit 2018 an der 12. Grundschule in Dresden

Seit 2016 Mitglied im Leserbeirat der DNN

Kathrin Schmidt ist verheiratet.

Natürlich gebe es bei der sozialen Mischung erhebliche Unterschiede. Das liegt nahe bei einer Einrichtung mit Schulgeld, zudem ist die Internationale Schule ausdrücklich darauf ausgerichtet, ausländische Kinder aufzunehmen, die nur zeitweise in Dresden sind. Weltweit ist das Konzept der Internationalen Schulen auf die ständigen Umzüge abgestimmt.

Die eigentlichen Unterschiede liegen daher an anderer Stelle. Der Alltag an der Privatschule sei nicht für jedes Kind geeignet, sei weniger reglementiert und auch weniger strukturiert als an einer staatlichen Schule. Damit müssten die Kinder freilich umgehen können. Während an der Privatschule häufig nur ein Elternteil arbeitet, sind an der Grundschule alle ihre Kinder im Hort, weil von den Eltern tagsüber niemand zu Hause ist.

An der Hebbelstraße kommen die Kinder größtenteils alleine zum Unterricht, an der Privatschule werden sie vorgefahren – kommen aber teilweise auch aus entfernteren Wohngegenden. Die Internationale Schule sei schon eine „eigene Welt“. Dort gebe es auch viele Leute auf Funktionsstellen wie Schulleiter oder deren Vertreter, die nicht mehr unterrichten.

Kinder ungenügend vorbereitet

An der Grundschule unterrichtet auch die Schulleiterin. An der Internationalen Schule haben die einzelnen Fachbereiche ihre eigenen Büros, an der Grundschule gibt es ein Lehrerzimmer.

Die Kommunikation erfolge an der sehr technikaffinen DIS meist per E-Mail, auch innerhalb der Schule von Büro zu Büro. „Hier gibt es kein W-Lan, wir müssen viel mehr miteinander reden.“ Sie finde das gut, zu viel Technik habe einen großen Einfluss auf die Kommunikation. Die Hemmschwelle etwas zu schreiben, sei viel niedriger, als jemandem etwas ins Gesicht zu sagen. Häufig dauere die Verständigung per E-Mail aber länger als ein direktes Gespräch. „Wir haben hier gar nicht die Zeit, uns mit so viel Firlefanz zu beschäftigen. Ich fand es an der DIS schon manchmal extrem, wenn mir der Schüler im Unterricht eine E-Mail schickt.“ Schmidt ist sich dabei aber bewusst, dass ihre Erfahrungen aus der DIS nicht auf alle Privatschulen verallgemeinert werden können.

Gerade bei der Digitalisierung – die Schmidt für notwendig und wichtig hält – rät sie den Politikern, sich mal unangekündigt eine Schule von innen anzusehen und zu überlegen, ob an der staatlichen Schule vor der Frage, ob jedes Kind einen Laptop haben soll oder in jeder Klasse eine elektronische Tafel steht, eventuell andere Prioritäten existieren – wie die Schulgebäude selbst, die Toiletten oder noch immer der Lehrermangel. Die Digitalisierung dürfe kein Selbstzweck sein. Sie bedürfe eines entsprechenden Programms und der Fortbildung und Bereitschaft in der Lehrerschaft.

Was hat Kathrin Schmidt an der staatlichen Schule am meisten überrascht? „Ich war schon ziemlich geschockt, wie gering in der ersten Klasse die Bereitschaft zur Anstrengung war.“ Häufig hätten die Kinder Aufgaben längst abgehakt, wo sie dachte, da hätten sie ruhig noch eine Stunde dran arbeiten können. Das hat sie natürlich nicht in Ruhe gelassen. Bei ihren Nachforschungen, woher das kommt, habe sie festgestellt, dass viele Kinder aus Vorschuleinrichtungen mit offenem Konzept kommen, wo sie machen konnten, was sie wollten.

„Sie bringen nicht mit, an einer Aufgabe dran zu bleiben und diese zu einem Ende zu führen, das Qualität hat.“ Diese Kinder seien auf die hohen Anforderungen der Schule „nicht genügend vorbereitet“. Auch deshalb sucht die Lehrerin den Kontakt zu den Eltern. Schule und Kindergarten sollten stärker verzahnt werden. Eltern müssten lernen, ihre Kinder herauszufordern. Jeden Freitag bekommen sie von Kathrin Schmidt einen Brief. „Da sage ich ihnen ganz klar, was ich erwarte.“

An Privatschulen wie der DIS würden Eltern schnell zur Nachhilfe für ihre Kinder greifen. Dort gebe es eine andere Denkweise, wie der Schulerfolg zu erreichen ist. Schmidt hält das aber für eine Fehlentwicklung. „Es ist für mich ein Unding, wenn ich schon eine Privatschule bezahle, dann noch teure Nachhilfe zu kaufen.“ An der Grundschule würden es die Eltern zunächst auf anderen Wegen versuchen.

Der Respekt der Eltern gegenüber dem Lehrer hängt ihrer Erfahrung nach immer auch von der Lehrerpersönlichkeit ab. Einen Unterschied zwischen privater und staatlicher Schule gebe es da nicht.

Wird das staatliche Schulsystem durch die Privatschulen entwertet? „Meiner Meinung nach sollte es in Deutschland nicht nötig sein, für eine Privatschule Geld auszugeben. Und ich sitze auch dafür heute hier, damit das so bleibt.“ Die staatliche Schule müsse im Idealfall die gleichen Chancen für alle Schüler ermöglichen. Und Kathrin Schmidt fügt hinzu: „Naiv bin ich natürlich auch nicht.“

Von Ingolf Pleil