Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Lokales Ein brandheißer Job: Wie die Polizei nach Ursachen von Feuern sucht
Dresden Lokales Ein brandheißer Job: Wie die Polizei nach Ursachen von Feuern sucht
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:09 03.10.2019
Brandursachenermittlerin Elke Nossol wird zu den verschiedensten Brandorten gerufen: Wohnungen, Garagen, Dachböden, Industrieanlagen und vieles mehr sind darunter. Im Bild ist sie mit Messarbeiten auf dem Dach eines durch ein Feuer geschädigten Gebäudes beschäftigt. Quelle: PD Dresden
Dresden

Elke Nossol steht in ihrem blauen Overall im Nebengebäude eines Gasthofes irgendwo in der Sächsischen Schweiz. „Den Zigarettenstummel müssen wir mit aufnehmen, hier ist geraucht worden“, sagt sie. Es ist Sonntag und noch vor 7 Uhr hat bei ihr das Telefon geklingelt.

Die Kriminalhauptmeisterin ist Brandursachenermittlerin in der Polizeidirektion Dresden. Außer ihr arbeiten noch drei Beamte in der Diensteinheit. Wenn sie Bereitschaft hat, muss sie auch an Sonn- oder Feiertagen los.

Ob Industriebetrieb, Kleingartenanlage oder Wohnung: Überall müssen die Brandursachenermittler der Dresdner Polizei dem Ursprung von Bränden auf den Grund gehen.

„Kalte Brandstelle“ heißt das Motto meistens. Es brennt irgendwo, abends oder in der Nacht, die Feuerwehr hat gelöscht und die Polizei erste Ermittlungen aufgenommen. Dann werden Elke Nossol und ihre Kollegen angefordert.

Am Brandort angekommen, beginnt sie routiniert mit der Arbeit. Die Struktur ist immer gleich. „Als erstes verschaffen wir uns einen Überblick.“ Welche Gefahren gibt es noch, könnten giftige Gase in Räumen stecken und die Beamten schädigen. „Eigensicherung ist ganz wichtig.“ Die Polizisten sind mit Messgeräten ausgestattet, die beispielsweise auf schädliche Stoffe in der Luft reagieren. In verqualmte Keller gehen sie nur mit Atemmasken. Niemals arbeitet sie allein an einer Brandstelle. Passiert ist ihr noch nichts. „Man stößt sich mal an einem Balken, meistens, wenn man den Helm trägt“, witzelt Nossol.

Im Gasthof brannte es schnell lichterloh

Im Gasthof ist die Lage relativ übersichtlich. In einem Nebengebäude sollte für eine Feier das Buffet aufgebaut werden. Es wird stressig gewesen sein, die Kellner hetzten rein und raus. Da passierte es irgendwann.

Unter den Speisenbehältern stand Brennpaste, ein Becher rutschte irgendwie vom Tisch und fiel vermutlich auf einen der Strohballen, die zur Dekoration im Raum drapiert waren. Es brannte schnell lichterloh. Der Gastwirt rief die Feuerwehr, die den Brand zügig löschte und den Brandherd aus dem Gebäude schaffte.

Feuerwehr macht viel zunichte

Da beginnen die Probleme für die Arbeit von Elke Nossol und ihren Kollegen. Nicht nur Schutt und Asche verbergen viele Spuren, auch der Einsatz der Feuerwehr macht viel zunichte. Das geht natürlich nicht anders, schließlich muss das Feuer zunächst gelöscht werden, aber die Spurensuche erleichtert es nicht gerade. Vor allem auf dem Land, wo die Wege weit und die Feuerwehren zahlenmäßig schwach sind, gehen auch viele Spuren durch das Feuer verloren.

Elke Nossol muss sich an jedem Einsatzort fragen, wo das Feuer seinen Ausgangspunkt gehabt haben könnte. „Wir suchen die Stelle mit den deutlichsten Brandspuren, Metall verfärbt sich bei Erwärmung, ein rötlich-violetter Schimmer spricht für die Stelle mit der größten Hitze.“ An Kabeln entstehen kleine Metallklümpchen, „die Schmelzperlen“, an dem Punkt, wo ein Kurzschluss vielleicht die elektrische Leitung zerstört hat. Teilweise müssen sich die Kriminaltechniker mit der Schaufel durch Schuttberge graben. Es ist leicht vorstellbar, wie schwer das ist, wenn herabgestürzte Dachziegel die Brandstelle unter sich begraben haben.

Wie werde ich Polizist?

Polizist werden kann jeder, der die formalen Einstellungsvoraussetzungen erfüllt. Dazu zählen unter anderem die gesundheitliche Eignung und ein sauberes Vorstrafenregister. Außerdem müssen Interessenten ein Auswahlverfahren bestehen. Am Tag seiner Einstellung darf der angehende Beamte nicht älter als 35 Jahre sein.

Die Karriere startet mit einer Ausbildung oder einem Studium.

Die Ausbildung dauert 30 Monate und ist an einer der Polizeifachschulen in Leipzig, Chemnitz oder Schneeberg möglich. Mit bestandener Laufbahnprüfung erfolgt die Ernennung zum Polizeimeister.

Das Studium dauert drei Jahre und beinhaltet ein einjähriges Grundstudium in Bautzen und zwei weitere Jahre an der Hochschule der Sächsischen Polizei in Rothenburg. Im Anschluss winkt die Ernennung zum Polizeikommissar.

Geld verdient wird bereits in der Ausbildung. Der Polizeimeisteranwärter bringt es anfangs monatlich auf 1182,02 Euro, ein Po­lizeimeister dann zum Einstieg auf 2078,38 Euro. Wer studiert, erhält anfangs 1227,19 Euro, der Polizeikommissar steigt mit 2 319,66 Euro ein (alle Angaben für ledige Personen, Stand 1. Januar 2018).

Weitere Infos zur Karriere bei der sächsischen Polizei, zu Einstiegsmöglichkeiten und den späteren Verwendungsmöglichkeiten gibt es unter verdaechtig-gute-jobs.de.

Trotzdem muss akribisch gesucht werden. Schließlich dienen Brände häufig zur Vertuschung einer Straftat oder zum Versicherungsbetrug. Der vermeintliche technische Defekt kann vorgetäuscht sein.

Formal gilt jeder Brandort daher zunächst als beschlagnahmt. Da hat niemand etwas zu suchen und Elke Nossol will auch vor der ersten Begehung gar nicht viel hören. „Wenn man da mit Vermutungen konfrontiert wird, dann hat man das schon irgendwie im Kopf und ist nicht mehr richtig frei.“ In einer Firma war einmal viel von Brandstiftung die Rede. Niemand konnte sich vorstellen, wie es sonst zu dem Brand gekommen sein sollte. Dann stellte sich heraus, dass der Auslöser ein maroder Schornstein war.

Schuldfrage klären andere

Im Gasthof bestärken die Spuren die Vermutung mit der Brandpaste. Holzstützen in der Nähe des Strohballens haben die deutlichsten Brandspuren davongetragen. Die „Brandzehrung“, jene typischen Verkohlungen, wie sie jeder an den Resten eines Lagerfeuers beobachten kann, sind in Bodennähe am stärksten und nehmen nach oben ab.

Der Fall scheint nicht besonders kompliziert. „Wir leisten die objektive Beweisführung“, erklärt Nossol. Die subjektive Beweisführung, die Deutung der Spuren vom Brandort vor allem mit Blick auf die Schuldfrage, ist dann Sache des Kriminaldienstes im zuständigen Kommissariat. Die Kriminalhauptmeisterin mag das Wühlen im Schutt. „Bei einem großen Feuer in einem Industriebetrieb kann das schon mal ein, zwei Tage dauern.“

Zahlen

Die Staatsanwaltschaft Dresden bilanziert die Fälle von Brandstiftung, fahrlässiger Brandstiftung und schwerer Brandstiftung (von links nach rechts) für die vergangenen fünf Jahre. Aussagen über Verurteilungen sind nicht möglich, könnten aber durch gleichzeitige Strafen für andere Delikte ohnehin verfälscht werden:

2014:17622770

2015:224 17897

2016:228153125

2017:24919685

2018:21219174

Seit zwölf Jahren macht sie das nun. Angefangen hat sie bei der Polizei noch vor der Wende im Schreibdienst – „Total langweilig“, wie sie sagt. Nach der Wende wechselte sie zur Kriminalpolizei, war für Umweltkriminalität zuständig, später für Gewaltkriminalität im Fußball, zeitweise in einer Sonderkommission nach den schweren Krawallen zwischen den Fußballvereinen DSC und Dynamo.

Büroarbeit ist Horror

Dann landete sie schließlich bei der Brandursachenermittlung, einem Spezialbereich der Kriminaltechnik, für die sie auch eine spezielle Ausbildung absolviert hat. „Ich würde immer wieder Polizistin werden und immer wieder Brandursachenermittlerin“, versichert Elke Nossol. „Büroarbeit ist der Horror, ich arbeite gern draußen, das ist mein Traumjob.“ Sie mag dieses „Puzzel für Erwachsene“, wie sie es nennt, wenn ein Brandort rekonstruiert wird: Wo hat was gestanden in der ausgebrannten Küche? Oder wenn im Ausschlussverfahren alle möglichen Brandursachen nacheinander abgehakt werden können, bis nur noch eine übrig bleibt.

Sie gibt zu, dass es „frustrierend“ ist, wenn sie die Brandursache nicht klären konnte. „Es ist schon befriedigend, wenn ich sagen kann, so und so ist es passiert.“ Einmal hatte Nossol mit einem Wohnungsbrand zu tun. Die Bewohner hatten früh das Haus verlassen. Mittags brannte es schließlich. Eine brennende Zigarette oder eine unbeaufsichtigte offene Flamme hätten viel früher für Alarm gesorgt. Schließlich wurden auf dem Sofa Reste einer Powerbank entdeckt und Plastikteile außerhalb des Brandbereichs. So entlarvte Nossol den Hund als Brandstifter, der den Akku zerlegt hatte, der dann das Feuer auslöste.

Manchmal stoßen die Beamten an Grenzen

Manchmal sind den Beamten aber einfach Grenzen gesetzt, weil eine Laube, die nach dem Brand „bodengleich“ ist, kaum noch etwas preisgibt. In solchen Fällen helfen meist auch Flugdrohnen, Hunde oder Experten anderer Einheiten nicht mehr weiter. Der klare Fall von Brandstiftung mit den zwei Brandausbruchstellen gehört eher zu den Seltenheiten oder in den Fernsehkrimi. Wenn alle Hilfsmittel keine Erkenntnisse bringen, dann muss Nossol die Sache abhaken.

Schwere Schicksalsschläge

Viel schwerer fällt das aber, wenn in den Brand menschliche Opfer verwickelt sind. „Ich sehe da immer die Schicksale dahinter. Selbst wenn man eine Versicherung hat, steht man nach einem Wohnungsbrand ja meist vor dem Nichts, persönliche Dinge, Erinnerungstücke, alles ist weg.“ Und manchmal ist es noch tragischer. In Ebenheit in der Sächsischen Schweiz kam den Brandursachenermittlern ein Hund entgegen. Er hatte Brandspuren im Fell und alle wussten, dass sein Herrchen immer mit ihm gemeinsam unterwegs war. Später wurde der Mann aus den Brandresten geborgen. In Königstein starb vor einigen Jahren ein Kind bei einem Feuer. „Das geht schon an die Nieren, das lässt sich auch zu Hause nicht einfach abschütteln“, sagt Elke Nossol.

Ratschläge

Elke Nossol kennt sich aus mit Bränden. Hat sie Ratschläge zur Vorbeugung? „Rauchmelder sind lebensrettend“, sagt sie sofort. „Das kann ich jedem nur empfehlen. Der Rauchmelder schützt nicht mein Eigentum, aber er schützt mein Leben und das Leben meiner Familie.“ Elektrische Geräte müssen ausgeschaltet sein, wenn jemand das Haus verlässt. Kerzen dürfen nicht brennen gelassen werden, auch nicht das kleine Teelicht. „Wenn ich sowas sehe bei Verwandten, dann schwillt mir immer der Kamm, das geht nicht.“ Heiße Asche gehört nicht in die Mülltonne, der Grill muss so lange stehen bleiben, bis er wirklich abgekühlt ist. „Wir haben schon abgebrannte Häuser gehabt, weil in eine Mülltonne heiße Asche gekippt worden war.“ Und eins ist ihr noch wichtig: „Wenn ich das Haus verlasse, werden alle Türen geschlossen, auch wenn ich da immer im Zwiespalt mit meinem Mann stehe. Aber sollte es zu einem Brand kommen und alle Türen stehen offen, dann ist das ganze Haus oder die ganze Wohnung verrußt, dann stehen Sie vor dem Nichts. Wenn Sie die Zimmertüren geschlossen haben, dann können Sie zumindest ein paar Sachen noch retten.“ Das lehre einfach die Erfahrung.

Nach dem Einsatz im Gasthof wird sie nicht viel Sport zum Ausgleich brauchen. Es läuft auf fahrlässige Brandstiftung hinaus. Das Verfahren dürfte eingestellt werden. Nachdem sie auch die Überreste des Strohballens durchgewühlt hat, darf bald der Wirt mit dem Hochdruckreiniger anrücken. Die Brandstelle kann nach einigen Fotos, Messungen und Notizen kurzfristig freigegeben werden. Eine Menge Papierkram wird sich später noch anschließen: Bilddokumentation, Untersuchungsbericht, Spurensicherungsbericht. „Es ist ja nicht wie im Fernsehen, wo alles nur nach praktischer Arbeit aussieht.“

Kopfschütteln über Ermittler im Fernsehen

Bei manchen Filmen kann Nossol ohnehin nur den Kopf schütteln. „Ein Fingerabdruck besteht nicht aus drei Teilen auf drei verschiedenen Gegenständen“, selbst wenn das bei Sendungen wie „CSI“ so aussehen mag und Geschädigte oder Kollegen beim Einsatz dann auch ähnliche Zauberei erwarten. „Die Realität sieht anders aus.“

Aufmerksam haben drei Halbwüchsige die Szenerie im Gasthof beobachtet. Wie die Orgelpfeifen stehen sie im Eingang und lassen sich von der Polizeiarbeit nichts entgehen. Eine rot-weiße Mütze verrät, dass sie nicht aus dem Dynamo-Land kommen. Haben sie mitbekommen, dass es gebrannt hat am Abend davor, will die Polizeibeamtin wissen. Sie hat vom Gasthofchef schon erfahren, dass die Feier ziemlich ungestört in anderen Räumlichkeiten und im Freien fortgesetzt werden konnte. Da haben sich wohl auch die Dreikäsehochs getummelt. „Die Bratkartoffeln waren angebrannt“, sagt einer gedankenverloren. Elke Nossol muss lachen. Das ist dann nicht mehr ihre Sache.

Tatort Dresden – Die komplette Serie

Der Kriminaldauerdienst

Die Schießausbildung

Die Notrufzentrale

Die Brandursachenermittlerin

Das Lagezentrum

Die Verkehrspolizei

Das Polizeiorchester

Die Streifenpolizei

Der Mordermittler

Die Ausrüstung

Der Staatsschutz

Die Pressestelle

Das Interview mit dem Kripo-Chef

Von Ingolf Pleil

Mit ihren Wahlkampfplakaten hatte „Die Partei“ reichlich Wirbel ausgelöst und die Behörden auf den Plan gerufen. In der Oberlausitz hatte die Polizei die umstrittenen Plakate sogar abhängen lassen. Jetzt hat die Staatsanwaltschaft eine Entscheidung getroffen – und folgt dabei der Argumentation der Satirepartei.

14.08.2019

Nach langem Warten erhält die Oberschule Cossebaude neue Sanitäranlagen. Ein bisschen Geduld müssen Schüler und Lehrer nun aber noch aufbringen.

14.08.2019

Engagierte Stadtteilbewohner wollen mit einem eigenen Radiosender das Miteinander in Gorbitz verbessern. Der „Gorbitzfunk“ richtet sich vorwiegend an ältere Menschen und lebt von aktiver Mitgestaltung.

14.08.2019