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Dresden Lokales Ein Dresdner Gericht auf der Suche nach „Kommissar König“
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16:26 06.08.2019
Das Gericht hatte zu entscheiden, ob Velit D. der Anrufer war.
Das Gericht hatte zu entscheiden, ob Velit D. der Anrufer war. Quelle: dpa
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Dresden

„Es handelt sich um ganz perfide Straftaten, mit denen alte Leute um ihr Erspartes gebracht wurden. Das ist schwerste Kriminalität, die ein hartes Urteil nach sich zieht, aber wenn berechtigte Zweifel bestehen, muss ein Freispruch erfolgen“, erklärte der Vorsitzende Richter Christian Linhardt. Velit D. nahm es mit sichtbarer Erleichterung zur Kenntnis. Der 28-Jährige sitzt seit Dezember 2018 in U-Haft und seit Mai wegen Betruges vor dem Landgericht. Nach dem Freispruch wurde er am Montag entlassen.

Eine Verwechslung mit dem Bruder?

Die Staatsanwaltschaft hatte dem Türken vorgeworfen, Mitglied einer Bande zu sein, die mit üblen Tricks deutschlandweit Senioren abzockt. Die Betrüger rufen von Call­centern aus der Türkei an, geben sich als Kommissare des Bundeskriminalamtes oder von Interpol – sehr gern „Kommissar König“ – aus und tischen ihren Opfern Lügengeschichten auf: Deren Geld sei auf der Bank nicht mehr sicher oder bei ihnen sei ein Einbruch geplant und sie sollen ihr Geld und Wertsachen einem Beamten übergeben, der vorbeikommt.

Eine Dame in Köln büßte so 420.000 Euro ein, eine Dresdnerin übergab 19.000 Euro, eine Radebeulerin 200.000 Euro. Die 82-Jährige fuhr auf Anweisung von „Kommissar König“ sogar nachts mit Goldbarren im Wert von 175.000 Euro im Taxi nach Berlin und legte sie unter ein Auto.

Als einige Mitglieder der Gang hochgenommen wurden, geriet auch Velit D. ins Visier der Ermittler. Er soll jeweils der Anrufer – unter anderem auch jener „Kommissar König“ – gewesen sein, der die älteren Herrschaften bequatschte. Der akzentfrei deutsch sprechende Angeklagte wies die Vorwürfe zurück, er habe mit der ganzen Sache nichts zu tun. „Das ist eine Verwechslung, das war nicht ich, sondern mein Bruder. Ich lebe in Deutschland und habe mit meiner Familie in der Türkei seit Jahren keinen Kontakt.“ Die Computer und das Handy, auf denen Beweise gefunden wurden, habe er ebenfalls von ihm bekommen.

Erkenntnisse aus Kiel dringen nicht bis Sachsen

Zwei Stimmgutachter bestätigten am Montag, dass Velit D. nicht der Anrufer war. „Ich habe schon im Herbst darauf hingewiesen, dass dies kritisch gesehen werden muss und man mich deshalb kontaktieren soll“, sagte ein Kieler Kriminalbeamter, der sich deutschlandweit mit Stimmvergleichen in diesen Fällen beschäftigt. Aber irgendwie war das an den Ermittlern in Sachsen vorbeigelaufen. Zudem saß Velit D. schon im Gefängnis, als die falschen Kommissare immer noch telefonierten.

Es gebe Indizien, so der Beamte, dass der Angeklagte doch irgendwie in die bandenmäßig aufgezogenen Betrügereien involviert sei. Die Stimme der falschen Kommissare sei aber definitiv nicht seine. Sie könnte aber dessen Bruder gehören, gegen den ebenfalls ermittelt wird und der lebt in der Türkei.

Von Monika Löffler