Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Lokales 30 Jahre Mauerfall: „Ich dachte, jetzt drehen sie alle durch“
Dresden Lokales 30 Jahre Mauerfall: „Ich dachte, jetzt drehen sie alle durch“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
Jetzt kostenlos Testen Zur Anmeldung
13:34 07.11.2019
Zur Wende war Verena Fleckner neun Jahre alt. Warum die Menschen um die Wiedervereinigung 1989 so einen Wirbel machten, war ihr damals nicht klar. Quelle: Dietrich Flechtner
Anzeige
Dresden

Eigentlich ein ganz normaler Donnerstagabend bei Verena Fleckner zu Hause: Während ihr Vater in der Stube in seinem Sessel sitzt und Fernsehen schaut, macht Verena ihre Hausaufgaben. Auf einmal fängt ihr Vater an zu weinen. Aus dem Fernseher hört die kleine Verena, dass die Mauer gefallen sei, und dass man jetzt in den Westen könne. Aber so richtig verstehen kann die Neunjährige es nicht. „Was ist denn da los?“, fragt Verena ihren Vater. „Das kann ich dir jetzt gar nicht so genau erklären“, antwortet er, „aber nächste Woche fahren wir rüber“.

Krippe, Kita, Jungpioniere – die typische DDR-Kindheit

So erlebte die damals neunjährige Verena Fleckner den 9. November 1989. „Ich dachte, jetzt drehen sie alle durch. Und ich hab nicht verstanden, wieso. Ich wusste bis dahin nicht einmal, dass es eine Mauer gab“, erzählt die Dresdnerin heute, 30 Jahre später. Ost und West und die Mauer, die beide Seiten trennte – darüber wurde in ihrer Familie nie groß geredet. Erst zur Wende verstand sie, was all diese Begriffe bedeuteten.

Ihre Kindheit war eine glückliche, sagt Verena Fleckner heute. Quelle: privat

Bis es soweit war, hatte Verena eine typische DDR-Kindheit. Mit drei Monaten kam sie in die Tageskrippe, mit drei in die Kita, dann kamen die Jungpioniere und die Schulzeit. „Ich war damals der klassische Mitläufer“, sagt Verena Fleckner und muss etwas lachen. Wie verlangt trat sie jeden Morgen mit den anderen Pionieren zum Schulappell an. „Dann hat irgendwer was gesagt, kein Mensch hat zugehört und geendet hat es mit „Seid bereit!“ Nicht eine Sekunde dachte sie darüber nach, was sie da rief.

„Wenn man nicht mehr beim Sport war, waren die Freundschaften vorbei“

Nach der letzten Stunde ging es in den Hort und dann weiter zur rhythmischen Sportgymnastik. Vor 18 Uhr war Verena nie zu Hause, alles war durchgetaktet. Während sie die Zeit als Jungpionier als eine schöne in Erinnerung hat, bedeutete die Zeit im Sportverein vor allem Frust und Tränen. Montag bis Freitag Training, am Wochenende Wettkämpfe – Verena war immer dabei. Doch ohne Erfolg.

Erst bei der Ausmusterung kurz vor der Wende bescheinigte ihr ein Arzt, dass sie für den Sport nicht gemacht ist. Eigentlich ein Grund zur Erleichterung. Doch für die Achtjährige brach eine Welt zusammen. „Man hatte ja sonst nichts, nur den Sport und die Sportfreunde. Und wenn man nicht mehr beim Sport war, waren die Freundschaften auch vorbei.“

Bunt, blinkend und leuchtend

Die Gemeinschaft der Jungpioniere, tägliche Trainings im Sportverein – in der DDR sei man als Kind immer eingebettet, gut aufgehoben gewesen, sagt Verena Fleckner rückblickend. Veränderungen gab es wenige. „Es ging jedes Jahr zur selben Zeit in den Urlaub. Immer an den selben Ort, immer auf den selben Zeltplatz, das Zelt immer an der selben Stelle.“ Für die Kinder sei das schön gewesen. Von der Kontrolle des Staates bekam sie damals nichts mit, sagt sie. „Man kannte es ja nicht anders.“

Verena Fleckner Quelle: privat

Erst nach der Wende verstand Verena, dass es auch eine andere Welt als die der DDR gab. Zwar ging es nicht wie vom Vater angekündigt schon in der nächsten Woche „rüber“. Doch zur Weihnachtszeit war es soweit. Mit dem Lada fuhr die Familie ins niedersächsische Osterode. „Da standen wir erstmal stundenlang im Stau. Und dann warteten wir wieder Stunden, um uns die 100 DM Begrüßungsgeld abzuholen. Alles dort war geschmückt und bunt, blinkte und leuchtete. Bei uns war ja immer alles aus Holz“, sagt Verena Fleckner.

Aber nicht nur die Weihnachtsbeleuchtung, auch die Ausbeute vom Begrüßungsgeld-Einkauf war bunt. Eine Hunderter-Packung Filzstifte bekam Verena von ihren Eltern. Und eine Uhr aus Plüsch. Diese hat sie heute noch.

Lesen Sie auch: Mauerfall musikalisch – Das lief vor 30 Jahren im Radio

Doch die Wende bedeutete für die neunjährige Verena nicht nur Filzstifte und bunte Weihnachtslichter. Das neue System führte zu einem Bruch in ihrer Kindheit. „Plötzlich war alles weg. Die Schule, die Mitschüler, die Pioniere. Und dann stand da auch noch ein Mazda statt unseres alten Ladas vor der Tür. Man ist gar nicht so schnell hinterher gekommen.“

„Ich bin ein bunter, kreativer Mensch.“

Nachdem ihre bisherige Schule im Zuge der Wende das Modell änderte, musste Verena wechseln. Auf dem Gymnasium angekommen, stand schnell fest, dass sie später Sport studieren sollte. Die neue Freiheit sollte ja genutzt werden, hieß es damals. Doch Verena schleppte sich durch den Unterricht ähnlich wie durch die rhythmische Sportgymnastik. Und dann verbaute ihr letztere auch noch den Weg ins Studium – denn Verena hatte zu viele Sportverletzungen.

Drei Jahrzehnte – Drei Schicksale

Drei Jahrzehnte nach dem Fall der Mauer stellen drei Menschen in Gesprächen mit den DNN ihre Sicht auf die Entwicklung dar – mit aufschlussreichen Erkenntnissen.

DVB-Sprecher Falk Lösch: „Dieses Ost-West-Gequatsche sollte jetzt mal aufhören“

Mit den Augen eines Kindes – Verena Fleckner war 9, als die Mauer fiel

Zehn Jahre danach: Julia Buchwitz kennt die DDR nur aus Erzählungen

In der elften Klasse, ein Jahr vor dem Abitur stand für sie fest: „Ich schmeiß die Schule.“ Kurze Zeit später, im Alter von 17 Jahren zog Verena Fleckner nach Dresden und begann eine Ausbildung zur Physiotherapeutin. „Ich wollte einfach weg aus der Heimat in Sangerhausen. Dort war alles gleich und ich brauchte was anderes, was neues.“

„Auf einmal war es egal, dass man Männerbesuch in der Dusche versteckte“

Das Losreißen von zu Hause, den eigenen Weg gehen – erst in diesem Moment spürte Verena Fleckner die Freiheit, die die Wende mit sich brachte. „Endlich konnte ich kreativ werden, frei denken.“, sagt sie. „Und da war es einem auf einmal egal, dass man sich nicht an die Hausregeln des Schwesternwohnheims hielt und den Männerbesuch in der Dusche versteckte. Oder dass man erst zur dritten Stunde in die Fachschule ging. Weil einem niemand mehr im Nacken saß, weder die Eltern noch der Staat.“

Lesen Sie auch: Diese Stars wären ohne den Mauerfall nicht berühmt geworden

Trotz geschwänzter Stunden schloss Verena Fleckner ihre Ausbildung erfolgreich ab und schlug im Jahr 2003 den Weg der Selbstständigkeit ein. Seitdem führt sie in Striesen ihre eigene Physiotherapie-Praxis. „Rückblickend würde ich sagen, hatte ich eine glückliche Kindheit. Doch hätte es die Wende nicht gegeben, dann wäre ich früher oder später zu Grunde gegangen“, sagt die 39-Jährige. „Ich bin ein bunter, kreativer Mensch. Ich wollte immer was erleben. Und das wäre im System der DDR nicht gegangen.“

Von Laura Catoni

Die Sächsische Staatskapelle lud zu ihrem ersten Aufführungsabend in der aktuellen Spielzeit den jungen Dirigenten Thomas Guggeis zum Konzert – mit beeindruckendem Ergebnis.

07.11.2019

Die Revolution für das Bauen kommt voran: Die Baustoffforscher der TU Dresden haben den Auftrag für das erste Haus aus Carbonbeton ausgeschrieben. Wie der Bau aussehen soll, ist in Grundzügen schon klar.

07.11.2019

Zum Mauerfall-Jubiläum haben die Städtischen Bibliotheken Dresden verschiedene Veranstaltungen im November geplant. Dabei geht es in die Provinz Sachsens, in die Welt des Comics und in die Antarktis.

08.11.2019