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Lokales „Es wird problematischer, es wird mehr“: Dresdner Professor schlägt Alarm
Dresden Lokales „Es wird problematischer, es wird mehr“: Dresdner Professor schlägt Alarm
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09:03 21.02.2019
Prof. Dr. med. Veit Rößner, Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie an der Uniklinik Dresden kritisiert den Umgang mit psychisch kranken Kindern und Jugendlichen. Quelle: Klinik
Dresden

In Dresden wird derzeit über steigende Kosten für Jugendhilfe gestritten. Die Stadt wirft dem Land vor, zu wenig Ressourcen für die Inklusion psychisch kranker Jugendlicher in den Schulbetrieb einzusetzen. Diese Mängel könne die Stadt nicht ausgleichen. Der Freistaat weist die Vorwürfe zurück. Es werde mit Schulassistenten, Schulsozialarbeit und anderen Instrumenten schon sehr viel für die Integration getan. Für Professor Veit Rößner, Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und –psychotherapie am Universitätsklinikum Dresden, wird das Geld jedoch nicht optimal eingesetzt.

Wo liegt das Problem?

In den letzten 20 Jahren habe ich festgestellt, dass die Schnittstellen zwischen Kinder- und Jugendpsychiatrie und Schule sowie Jugendamt/Jugendhilfe, Familiengerichten oder auch Polizei einfach nicht gut funktionieren. Obwohl tendenziell in Deutschland weniger Kinder geboren werden, haben wir immer mehr Bedarf an psychiatrischen Therapien.

„Kinder müssen immer mehr und kompliziertere Sachen beherrschen“

Nehmen die Probleme wirklich zu?

Ja, es gibt viele Gründe, warum es mehr wird. Da gibt es immer böse Stimmen, die sagen, ihr schafft mit dem Angebot auch mehr Nachfrage. Dies erleben wir in unser täglichen Praxis so gar nicht. So viele Anrufe von Eltern, die Hilfe für ihre Kinder suchen, können wir gar nicht bewältigen. Es wird mehr, es wird problematischer.

Woran liegt das?

Einer der Gründe ist, dass Eltern merken, ihr Kind kann nicht mehr beim Schwager um die Ecke die Lehre zum Schmied machen, bei Problemen dort aufgefangen werden und dort dann 50 Jahre arbeiten. Kinder müssen immer mehr und kompliziertere Sachen beherrschen, damit sie in der globalisierten Welt zurechtkommen.

Was ist das Problem?

Da entsteht ein gewisser Druck. Heute muss man Englisch können, Computer und komplizierte Maschinen beherrschen und ist viel mehr auf sich alleine gestellt. Für den jungen Menschen, der es nicht so mit Zahlen hat, der früher einen einfacheren Job übernommen hat, für den gibt es heute sehr begrenzte Möglichkeiten.

Es hat auch niemand mehr die Zeit in der Arbeitswelt, sich um Jugendliche mit mehr Unterstützungsbedarf zu kümmern. Das spart natürlich Kosten, das erhöht die Effizienz, aber für das Kind oder den Jugendlichen, der zumindest zeitweise Probleme hat und nicht richtig mitkommt, ist das ganz schwierig. Und es kommen noch starke Veränderungen in der Erziehung hinzu.

„Alleinerziehende haben nachweislich mehr Probleme“

Was meinen Sie damit?

Viele Kinder sind verwöhnt bei ihren Grundbedürfnissen. Wenn Kinder früher froh waren, im Urlaub nicht auf dem Campingplatz im Zelt übernachten zu müssen, fragen sie heute, ob die Ferienwohnung einen Pool hat. Die Verwöhnung durch Ablenkung kommt mit der Digitalisierung hinzu: da sind junge Menschen viel Zeit beschäftigt, ohne dass sie etwas tun. Eine kreative Langeweile, die dazu führt, dass sich Kinder ein Baumhaus oder Puppenhaus bauen, gibt es heute nicht mehr.

Vieles läuft zudem im abgeschotteten Familienraum. Dadurch fehlt den Kindern die sogenannte Selbstwirksamkeit, die Erfahrung, ich selbst habe etwas geschafft, auch wenn es noch nicht perfekt gelingt. Mangelnde körperliche Aktivität führt zudem zu Problemen mit dem Körpergefühl, dem Gefühl man selbst zu sein. Änderungen gibt es auch beim Erziehungsverhalten. Besonders Alleinerziehende haben nachweislich mehr Probleme als Partner, die ein Team bilden und sich abwechseln können. Auch gibt es kaum noch größere, enge Familienverbände.

Was spüren Sie in der Klinik davon?

Wir merken, dass immer mehr verunsicherte Eltern mit ihren Kindern zu uns kommen. Und ein Teil der Probleme hat ursächlich mit Schule zu tun und alle haben Auswirkungen, wie Schule dann weiter läuft. Schule und Kinder- und Jugendpsychiatrie sind aneinandergekettet. Wir merken, dass nicht nur ein Kind nicht mehr zum Frontalunterricht bei den jetzigen Klassengrößen in der Lage ist, sondern dass es drei bis vier pro Klasse sind. Wir merken, Inklusion ist gut gedacht, aber von der personellen und räumlichen Ausstattung sowie der Qualifikation der Lehrkräfte her funktioniert sie oft nicht.

Und, da sind wir wieder bei den veränderten gesellschaftlichen Verhältnissen, es gibt weniger Erziehung mit Vermittlung von Werten und Strukturen, mit Eltern als konsequenten und stabilen Bezugspersonen, die dann auch ein Kind mit mehr Problemen stabilisieren können. Schließlich haben wir auch noch die Klageritis. Es gibt einen kleinen Teil der Eltern, die ganz genau zu wissen glauben, was gut oder schlecht ist für ihr Kind, und dann auch einen Anwalt finden, der das durchklagen will. Das verunsichert und demotiviert alle, die beruflich mit Kindern zu tun haben.

Schulsozialarbeiter sind mit psychiatrischen Problemen überfordert

Ist die Inklusion wirklich gut gedacht?

Pauschale Bewertungen sind da immer schwierig. Ich wage dennoch ein Beispiel: Für intelligenzgeminderte Kinder ist es oft eine Qual in einer Inklusionsklasse zu sein, weil sie immer das Gefühl haben, sie schaffen es nicht, sie sind anders, sie sind immer der Looser. Die fühlen sich viel wohler in einer Klasse mit ähnlichen Kindern.

Was meinen Sie mit weniger Erziehung?

Da geht es um ritualisierte Standards, aufstehen, essen, Zähne putzen, das muss jedes Kind mal lernen. Das eine lernt es schneller, das andere weniger schnell. Solche Standards, ich nenne es mal gutbürgerlicher Wertekanon, Tagesablauf oder auch ein kirchlich geprägter Jahreskreis, sind stark auf dem Rückzug. Das führt dazu, dass Kinder kein haltendes System mehr um sich haben und dann Dinge, wo sie diesen Halt brauchen, wie eine Klasse mit 25 Kindern, nicht mehr funktionieren. Wir brauchen einen gesellschaftlichen Konsens, wie die erzieherischen Leitplanken für unsere Kinder aussehen sollen.

Kultusminister Christian Piwarz verweist aber darauf, dass beispielsweise mit Schulassistenten und Schulsozialarbeit viele Ressourcen angeboten werden, reicht das nicht?

Beispiel Schulsozialarbeiter: Die haben eine sozialpädagogische Ausbildung, kommen oft direkt nach dem Studium an eine Schule, zum Beispiel weil Dresden dort zuletzt viele neue Stellen geschaffen hat. Dort stoßen sie in der Mehrheit auf psychiatrische Probleme. Da verletzt sich jemand selbst, da kommt jemand nicht in die Schule, weil er depressiv ist, Drogen konsumiert oder zu Hause gern am Computer sitzt und so weiter. Sie sollen nun als Sozialarbeiter, der nie mit der Kinder- und Jugendpsychiatrie zu tun hatte, der keine Ahnung von diesem Fachgebiet hat, irgendwie eine Lösung finden.

Wie soll das funktionieren? Sie können ein ganzes kindliches Leben und Familiensystem nicht in ein standardisiertes Modell mit Handlungsanweisung pressen. Sozialarbeiter sind eine wichtige Sache, aber wir können sie nicht mit kinder- und jugendpsychiatrischen Problemen ohne entsprechende Weiterqualifikation allein lassen.

Wie soll die Lösung aussehen?

Es gibt beispielsweise ein Projekt, das Kultus- und Wissenschaftsministerium gemeinsam finanzieren. Dabei sollen kinder- und jugendpsychiatrische Themen in die Ausbildung von Lehrern eingebracht werden, aber auch da muss um die Priorisierung bei den Lehrinhalten gekämpft werden.

Fachkonsens: Start ins digitale Leben erst ab 12 Jahren

Damit ist den Kindern dann geholfen?

Wichtig ist, dass etwas passieren muss, bevor Kinder ein Handy bekommen oder ein Tablet. Ich muss erstmal sozialen, emotionalen und körperlichen Austausch lernen. Das kann ich nicht mit fünf Jahren mit einem Tablet. Das ist in unserer Entwicklung nicht vorgesehen. Es gehört auch dazu, einmal zu raufen, seine Grenzen kennenzulernen. Ein Kind muss feststellen, wenn ich dies oder jenes mache, nerve ich und bekomme Ärger. Auch muss es spüren, Erwachsene nehmen mich als Kind wahr, geben durch konsequentes Erziehungsverhalten Rückmeldung und Sicherheit. In Fachkreisen herrscht die Ansicht, dass es mit zwölf bis vierzehn Jahren genügt, mit digitalen Dingen anzufangen, ohne dass etwas verloren ist.

Das klingt, als bräuchten vor allem die Eltern Nachhilfe in Erziehung?

Es beginnt damit, dass Eltern Regeln und Mithilfe von den Kindern nicht mehr genug einfordern. Das können viele Eltern heutzutage auch nicht mehr, weil sie es selbst nicht gelernt haben oder weil sie keine Energie und Zeit mehr dazu haben. Sie haben viel weniger Hilfe zum Beispiel durch Opa und Oma, die oft gar nicht mehr am Ort wohnen. Leider haben sich aber Kindereinrichtungen und Schulen nicht darauf eingestellt, dass sie einen größeren Beitrag zur Erziehung leisten müssen. Der junge Mensch von heute braucht aber immer noch das Gleiche mit verlässlichen Partnern. Das geht in der mobilen individualisierten Welt verloren. Und die Eltern können das oft allein nicht ausgleichen.

Das muss im weitesten Sinne der Staat in Kitas und Schulen auffangen?

Schule wäre besser, weil die alle Kinder besuchen – auch wenn es dann schon zu spät sein kann.

Dort fehlen dann aber die Ressourcen?

Ja, und sie geraten in Konkurrenz zum Matheunterricht oder all den anderen Sachen, die Kinder lernen sollen. Da ist nicht nur mehr Personal nötig, sondern auch ein Umdenken. Es geht um die Frage, wie wir Schulleitern, dem Lasub (Landesamt für Schule und Bildung – d. R.) oder dem Ministerium vermitteln können, dass Mathe zwar wichtig ist, es aber nichts nützt, wenn die Schüler wegen anderer Probleme nicht mehr mitkommen und den Abschluss nicht schaffen. Eltern und Behörden sehen nicht, wie krank manche Kinder sind.

Mehr psychiatrischer Sachverstand in der Kinderbetreuung

Wo führt das hin?

Sachsen hat schon jetzt eine der höchsten Abbrecherquoten. Es bleibt ein ungenutzter Pool an Arbeitskräften, das ist schade. Lehrstellen bleiben schon heute unbesetzt, oder ein Lehrling kommt nach kurzer Zeit nicht mehr, weil er es nicht gewohnt ist, jeden Tag fünf Uhr aufzustehen. Und da geht es nicht um Bequemlichkeit, sondern das ist einfach nicht in seiner Erziehung vermittelt beziehungsweise durch psychische Probleme verschärft worden. Auch das ist schade für das Kind oder den Jugendlichen. Reiche Eltern schicken ihr Kind vielleicht ein Jahr auf ein Internat. Dann sind Drogensucht oder Partysucht wahrscheinlich weg, weil sich das Kind ein Jahr lang in engen Strukturen auf sich konzentrieren konnte. Aber es kann ja nicht sein, dass Kinder ohne reiche Eltern unter die Räder kommen.

Wir brauchen also mehr psychiatrischen Sachverstand in der Kinderbetreuung und dem Lehrerberuf, sind Sie nicht ausgelastet?

Wir haben genug zu tun, ich sagte es ja schon. Es geht um die Qualifikation. Es müsste auch in Jugendämtern mehr kinderpsychiatrische Expertise einziehen, auch für die Auswahl der Träger der Jugendhilfeangebote wäre das wichtig. Die Marktsituation von Jugendämtern über Jugendhilfeausschuss zu Jugendhilfeträgern führt zu einer Situation wie bei der Verödung der Innenstädte mit überall den gleichen Ketten. Der Mainstream wird in den Hilfsprojekten bedient, was davon abweicht, gibt es zu wenig. Das viele Geld müsste anders eingesetzt werden, damit es etwas bringt.

Warum ist dies dann bisher nicht umgesetzt worden?

Darüber habe ich auch viel nachgedacht. Gerne versuche ich es mal mit einem Vergleich: Wenn sie bei einem schwierigen Polizeieinsatz nicht weiterkommen, holen sie das SEK. Niemand würde da als Streifenpolizist auf die Idee kommen, ich gehe da mal vorher selber rein. Da ist ganz klar, das SEK wird wissen, was zu tun ist, wenn es besonders schwierig wird. Wir sind das SEK für Kinder und Jugendliche mit psychischen Problemen und würden daher gerne mit den anderen Beteiligten enger zusammenarbeiten und unser Wissen weitergeben.

Von Ingolf Pleil

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