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Lokales Zweifel an Eignung? Kein Führerschein – Dresdner Polizei lässt Fahrer häufiger testen
Dresden Lokales Zweifel an Eignung? Kein Führerschein – Dresdner Polizei lässt Fahrer häufiger testen
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11:55 13.07.2019
Verkehrspolizeichef Gerald Baier im Gespräch mit Dresdner Fahrlehrern. Sie sollen wissen, wo die Verkehrspolizei die größten Probleme sieht. Quelle: Foto: Dietrich Flechtner
Dresden

Das Video ist erschütternd. Man sieht drei junge Frauen in einem Kleinwagen. Im Auto geht es lebhaft zu, es wird gequatscht, gekreischt, gelacht. Spätestens als die Fahrerin zum Mobiltelefon greift, ist das eine Ablenkung zuviel: Sie übersieht ein Hindernis, baut einen Unfall. Als ein nachfolgendes Auto in den Kleinwagen kracht, hört man Glas splittern, das Genick der Beifahrerin knacken. Nur die Fahrerin überlebt. Diese drastischen Bilder hat Gerald Baier an die Wand geworfen.

Baier ist seit 2017 Leiter der Dresdner Verkehrspolizeiinspektion, einer, der in seinem Amt etwas bewegen und die Straßen der Landeshauptstadt trotz dünner Personaldecke sicherer machen will. Deshalb hat er sich etwas Neues ausgedacht: Sein Vortrag darüber ist Teil einer Schulung für Fahrlehrer. „Die haben eine enorme Reichweite, können junge Fahrer erreichen“, begründet Baier den Aufwand. Was Baier ihnen bietet, ist ein Überblick über „alles, was die Verkehrspolizei bewegt“, wie er sagt. Und das ist allerhand.

Thema Ablenkung

Ganz oben auf Baiers Liste steht das Thema Ablenkung. Deshalb zeigt er das drastische Video, dafür hat er auch einige Zahlen mitgebracht: Wer bei 50 Stundenkilometern eine Sekunde lang aufs Handydisplay blickt, legt 13,80 Meter im Blindflug zurück.

„Es geht aber nicht nur um das Handy, sondern um jede andere Ablenkung, sei es ein Plakat am Straßenrand, ein zu lebhaftes Gespräch oder ein Videobildschirm“, sagt Baier. Dennoch steht das Smartphone im Zentrum des Interesses.

Das hat seinen Grund: Laut einer Umfrage besitzen 36 Prozent aller 35- bis 65-Jährigen ein Smartphone. Bei den zwölf- bis 18-Jährigen sind es 98 Prozent. „Die werden alle in den nächsten Jahren ihren Führerschein machen“, sagt Baier.

Kein Alkohol am Steuer – auch keine Ablenkung

Deswegen sei es wichtig, dass Fahrlehrer bei ihren Eleven darauf achten. Nach 30 Jahren Kampagne habe man es geschafft, dass junge Leute nicht mehr zu alkoholisierten Fahrern ins Auto steigen. „Alkohol am Steuer wird unter jungen Leuten geächtet – da müssen wir in Sachen Ablenkung auch hin“, sagt Baier. Die sei neben fehlendem Gurt, zu hoher Geschwindigkeit und Alkohol oder Drogen im Fahrerblut der neue „Topkiller“ – also die wichtigste Ursache für tödliche Unfälle.

Zahlen, die das belegen, gibt es jedoch kaum. Ablenkung werde als Unfallursache nicht erfasst, beklagt Polizeirat Baier.

Dort rangieren Vorfahrts- und Vorrangfehler sowie Abbiegen, Wenden, Rückwärtsfahren, Ein- und Anfahren ganz oben auf der Liste – alles Disziplinen, mit denen der Dresdner Autofahrer traditionell große Probleme hat.

In Österreich und der Schweiz wird Ablenkung erfasst – und macht dort 30 Prozent der Unfallursachen aus. So ähnlich werde der Wert auch hier ausfallen, meint Baier.

Die ihm unterstellten Verkehrspolizisten haben vergangenes Jahr 2522 Autofahrer mit dem Smartphone erwischt – 710 mehr als noch 2017.

Thema charakterliche Eignung

Für viele Autofahrer ist das eine Neuigkeit: Gibt es Zweifel an ihrer charakterlichen Einigung, kann die Führerscheinbehörde diese überprüfen lassen und im Negativfall den Führerschein entziehen.

Auf dieselbe Weise wird bisher schon mit Menschen verfahren, die mit Alkohol- oder Drogenmissbrauch auffallen, die schwere Medikamente nehmen oder körperlich-geistig nicht für das Führen eines Fahrzeuges geeignet sind. 2017 gingen deswegen 378 Hinweise an die Verkehrsbehörde, 2018 waren es dann schon 1034.

Die Masse des Zuwachses machen Überprüfungen wegen fehlender charakterlicher Eignung aus, gemeldet wurden vor allem Führerscheininhaber, die durch Körperverletzung, Vergewaltigung oder auch häusliche Gewalt aufgefallen sind.

Menschen mit hohem Aggressionspotenzial nicht geeignet?

„Was hat das mit Autofahren zu tun?“, kommt prompt die Frage eines Fahrlehrers. Dazu gibt es inzwischen viele einschlägige Gerichtsurteile, wie Baier antwortet.

Der Tenor ist dabei immer derselbe: Wer ein hohes Aggressionspotenzial bis zum Kontrollverlust an den Tag lege, die Rechte eines anderen missachte und dessen körperliche Versehrtheit in Kauf nehme, sei für die vielen Konfliktsituationen im Alltagsverkehr nicht geeignet.

„Es geht nicht um eine doppelte Bestrafung dieser Personen, sondern darum, die anderen Verkehrsteilnehmer zu schützen und den Verkehr sicherer zu machen“, sagt Baier.

Nach dieser Denkweise wurden in Oberhausen schon die Mitglieder einer Hooligan-Gruppe reihenweise zur Medizinisch-psychologischen Untersuchung (MPU) vorgeladen – auf eigene Kosten. Wer dem nicht nachkam, hat jetzt keinen Führerschein mehr.

„Hooligans haben wir hier noch nicht gemeldet“, sagt Baier zwar, legt die Betonung aber auf das Wörtchen „noch“. Es gehe zunächst darum, Führerscheinbehörde und Gerichte für das Thema zu sensibilisieren. „Das wird eine Zeit dauern“, meint Baier. Mit Mitarbeitern der Führerscheinbehörde finden jedoch schon gemeinsame Schulungen statt.

Thema Senioren am Steuer

Noch heikler ist die Frage, wie mit betagten Autofahrern umzugehen ist. Baier hat beobachtet, dass in diesem Jahr vor allem bei tödlichen Unfällen Fahrer über 65 Jahre beteiligt waren. „Da muss man aber vorsichtig mit voreiligen Schlüssen sein“, sagt er.

Die Altersgruppe der Senioren mache einen stetig steigenden Anteil an der Bevölkerung aus. Es gebe zwar Fälle, bei denen ein Senior innerhalb von zwei Wochen mit Parkplatzremplern auffalle und deshalb der Führerscheinbehörde zur Überprüfung gemeldet werde.

Es gebe aber auch die rüstige 91-Jährige, die bei Verkehrskontrollen einen fitteren Eindruck als so mancher Mittfünfziger mache. Baier ist deshalb gegen verpflichtende Fahrtauglichkeitstests für über 65-Jährige. Beobachten müssen man das Problem aber.

Thema Radfahrer

Radfahrer stellten 2018 mehr als die Hälfte aller Verletzten bei Verkehrsunfällen, obwohl sie nur bei einem Bruchteil aller Unfälle involviert waren. Bei einem Drittel dieser Unfälle waren sie selbst die Verursacher, bei zwei Dritteln der Unfallgegner – meist ein Autofahrer. Deshalb hat die Polizei in den vergangenen Wochen mit Intensivkontrollen vor allem für mehr gegenseitige Rücksichtnahme geworben.

Baier hätte gern eine eigene, feste Fahrradstaffel, wie es sie anderswo schon gibt. Noch fehlen dafür die Ressourcen. Wichtig sei es, dass auch die Radfahrer durch eine rücksichtsvolle, vorausschauende Fahrweise und gut sichtbare Kleidung mehr für ihre eigene Sicherheit tun, so Baier.

Von Uwe Hofmann

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