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Lokales Dresdner Linguist erforscht Fußball-Floskeln
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17:34 07.01.2020
Einiges hat sich geändert im modernen Profi-Fußball, nicht nur die Beschaffenheit der Bälle. Was dagegen relativ stabil geblieben ist: der Umfang des Phrasenschatzes seiner Kommentatoren. Quelle: Dpa
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Dresden

Simon Meier-Vieracker ist promovierter Sprachwissenschaftler an der Technischen Universität Dresden. Als Linguist befasst er sich mit Fußball, persönlich mag er aber den Radsport lieber. Er betreibt den Blog fussballlinguistik.de und ist bei Twitter unter @fussballinguist zu finden.

Frage: Sie befassen sich mit Fußballphrasen. Schätzen Sie eine ganz besonders?

Simon Meier-Vieracker: Das wechselt. Sehr schön finde ich „sich in die Torschützenliste eintragen“. Das ist so pseudobürokratisch.

Gibt es im Fußball die höchste Floskeldichte im Sport?

Jedenfalls insofern, als über Fußball mit Abstand am meisten berichtet wird. Ob aber gerade Fußballkommentatoren und -kommentatorinnen besonders fleißige Phrasendrescher sind, habe ich noch nicht ausgezählt. Aber die Folklore, die um das Phrasendreschen gemacht wird, ist dort besonders groß.

Fußball-Metaphern wanden in die Alltagssprache

Kommt das nur von Reportern oder auch von Fans und Spielern?

Von allen gleichermaßen. Aber es gibt besondere Lieblingsfloskeln, die wir vor allem bei Journalisten finden. „Sich den Schneid abkaufen lassen“ zum Beispiel. Das wird zwar auch von Fans aufgegriffen, aber eher als ironische Kommentierung.

Simon Meier-Vieracker Quelle: DNN

Herrscht da ein Wettbewerb unter Reportern?

Mal so, mal so. Es gibt anspruchsvollere Liveticker, etwa vom Magazin „11 Freunde“, wo damit gespielt wird. Wir finden auch im „kicker“ eine hohe Phrasendichte. Aber da weiß man nicht so recht: Ist es eine ironische Distanz, quasi ein Selbstzitat? Oder wird es verwendet, weil es nun mal dazugehört?

Je mehr Sender, desto mehr Floskeln?

In absoluten Zahlen natürlich. Aber die Frage ist ja auch, ob heute mehr Phrasen gedroschen werden als früher. Und das ist nicht der Fall. Schon vor 50 Jahren wurde in der Zeitung über die immer gleichen Floskeln in Fußballkommentaren geklagt.

Und die Phrasen werden auch in den normalen Sprachgebrauch übernommen.

Dass man jemandem „die rote Karte zeigt“, dafür haben wir in der Politikberichterstattung den ersten Nachweis schon 1976 gefunden. Das sind einprägsame Metaphern, die breit verstanden werden, was natürlich im populären Sprachgebrauch in der Politik und im Journalismus immer eine Grundvoraussetzung ist. Der Fußball ist ein fleißiger Metaphernspender, auch für die normale Alltagssprache.

Die Floskelei wird regelrecht zelebriert

Und da ist Deutschland kein Sonderfall?

Nein. In England etwa kann man das genauso beobachten. Und auch dort gibt es das Reden über die Floskelhaftigkeit, also den Metadiskurs. Zu jedem Großereignis werden zum Beispiel Football-Bingos veröffentlicht, Listen mit den häufigsten Phrasen zum Abhaken. Das ist ein ähnlich spielerischer Umgang wie bei uns in der Fußball-Talkshow „Doppelpass“, wo man für jede Floskel ins „Phrasenschwein“ einzahlen muss, meist unter dem johlenden Applaus des Publikums. Niemand hat wirklich ein Interesse daran, dass floskelfrei über den Fußball gesprochen wird. Im Gegenteil, es wird regelrecht zelebriert.

Und andere Länder haben auch andere Floskeln?

In Deutschland spielt man zum Beispiel „mit offenem Visier“, in Spanien „legt man alles Fleisch auf den Grill“. In Frankreich trinkt man „den Kelch bis zur Neige aus“, wenn man sang- und klanglos untergeht. In England wirft man „mit der Küchenspüle“, wenn man alles reinhaut. Dabei kommt es immer wieder auch zu Übersetzungsfehlern. Franck Ribéry zum Beispiel wurde mit der übersetzten Wendung zitiert: „Ihr seid nur Kieselsteine in meinen Socken.“ Das ist natürlich total bizarr. Im Französischen aber erklärt man jemanden zu „Steinen in den Schuhen“, der einem furchtbar auf die Nerven geht.

Sie haben auch etwa 180 Wörter für das Schießen gesammelt – von „buttercremen“ bis „schlenzschäkern“.

Das sind zum Teil Wörter, die nur ein einziges Mal verwendet werden. Aber das ist aus sprachwissenschaftlicher Sicht ja auch so interessant: Solange der Kontext klar ist, können wir laufend neue Wörter erfinden, und sie werden verstanden.

„Buttercremen“ – das lässt schon einen Wettbewerb unter den Reportern vermuten.

Es gibt einen Kreativitätsdruck, auf jeden Fall. Und der tobt sich vor allem bei einzelnen Wörtern aus. Phrasen dagegen werden meist reproduziert.

Haben Sie beim Schießen einen Favoriten?

Ich finde „wemmsen“ sehr schön, auch wenn ich keine Ahnung habe, woher es kommt.

Jürgen Klopp hat Maßstäbe gesetzt

Werden die Phrasen immer martialischer, technischer, vulgärer?

Der Fußball entdeckt ja mit der „falschen Neun“ oder der „hängenden Spitze“ mehr und mehr die Taktik, das erobert auch die Mainstream-Berichterstattung. Das war früher schon mal so, ist in den 90er stark zurückgegangen und kehrt jetzt wieder. Es wird insgesamt fachsprachlicher. Aber das sind einfach Moden.

Wer ist schuld?

Leute wie Jürgen Klopp, der als ZDF-Experte in einer völlig neuen Art und Weise im journalistischen Kontext über Fußball gesprochen hat. Das hat Maßstäbe gesetzt.

Ist er der begabteste Fußball-Rhetor?

Es kommt auf die Kriterien an. Am druckreifsten redet HSV-Trainer Dieter Hecking. Ausgesprochen nervös und zerstückelt spricht Christian Streich vom SC Freiburg, aber interessanterweise auch Jürgen Klopp.

Jürgen Klopp hat auch rhetorischen Einfluss auf den Fussball. Quelle: Jon Super/AP/dpa

Woran man sehen kann: Um rhetorisch brillant zu sein, und das ist Klopp definitiv, braucht es nicht unbedingt druckreife Grammatik.

Manche Floskeln halten sich über Jahre und Jahrzehnte.

Das ist ja das Interessante, dass der Phrasenschatz relativ stabil bleibt. Schon 1954 beim „Wunder von Bern“ war in der Radioreportage zu hören, dass jemand „den Turbo einschaltet“.

Geht es schnell, eine Floskel zu etablieren?

Es kommt drauf an. Einen schönen Fall finde ich das „Kreieren“ von Chancen. Das wurde immer schon vor allem von niederländischen Trainern gepflegt, weil man es im Niederländischen eben so sagt. Als Louis van Gaal dann Trainer von Bayern München wurde und fast genüsslich davon sprach, haben es viele andere Trainer und auch Journalisten für sich entdeckt.

Warum werden überhaupt Phrasen verwendet?

Fußball ist auf eine Art ja doch immer gleich. Es wird ständig und mit enormer Ausdauer Fußball gespielt, und Journalisten müssen unter allergrößtem Zeitdruck irre Mengen an Text produzieren, der trotzdem ansprechend ist. Das ginge nicht, wenn man nicht auf vorgefertigte Routinen zurückgreifen würde. Aber gerade die besonders hohe Phrasendichte ist auch ein Erkennungsmerkmal des Fußballs. Man könnte aus einem Spielbericht nur die Phrasen stehen lassen, die für sich genommen gar nicht fußballspezifisch sind, und man würde trotzdem ein Fußballspiel dahinter erkennen

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