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Lokales Dresdner Künstler verwandelt Astloch in Wimmelbild
Dresden Lokales Dresdner Künstler verwandelt Astloch in Wimmelbild
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14:59 20.01.2019
Gleich am ersten Baum nach der Waldschlößchenbrücke kann man Schuberts Wimmelbild entdecken, wenn man auf der Altstädter Elbseite in Richtung Fährgarten spaziert. Quelle: Tanja Tröger
Dresden

Kunst am Elbufer ist nun wahrlich nichts Ungewöhnliches: Man denke nur an die Künstlerfeste in Loschwitz und Umgebung, Wieland Försters Skulptur „Die Elbe“, die „Undines“ in Pieschen und Johannstadt oder die Laubegaster Kunstmeile, die im August dieses Jahres erstmals stattfand.

Etwas völlig Neuartiges hingegen dürfte die „Astloch-Kunst“ nahe der Waldschlößchenbrücke sein. Auf einem Aquarell in einem großen Astloch der ausladenden alten Eiche offenbart sich Passanten ein Blick ins Innere des Baumes, genauer gesagt in die Küche der kleinen Bewohner. Elf Tierchen sind auf einer Art Wimmelbild zu entdecken: Ein Leuchtkäfer schaut bestürzt in den gerade überquellenden Kochtopf, ein Insekt versucht, das Abtropfsieb vom Haken zu angeln, Raupe und Marienkäfer prüfen mit erwartungsvollem Blick, ob das Essen schon fertig ist, und die Schnecke spielt Dame gegen einen Käfer. Das liebevoll gestaltete Bild erinnert an historische Bücher für Kinder.

Extra für junge Spaziergänger

Genau für diese jungen Betrachter habe er das Bild gemalt, bestätigt der Dresdner Künstler Karsten Schubert: „Ich wollte einen Blickfang für die Kinder hinmachen und auch für die Spaziergänger. Das Astloch ist ja genau auf Augenhöhe.“ Jeden Tag radelt der drahtige 52-Jährige auf dem Weg zur Arbeit an dem Baum vorbei. So kam ihm die Idee, die er zuerst als Bleistiftzeichnung und dann als farbenfrohes, fröhliches Aquarell umsetzte. Sein Gemälde ließ der Hobbymaler scannen und digital drucken, klebte es auf dünnes Plexiglas und zog noch ein Schutzlaminat darüber. Mit feinen Nägeln brachte Karsten Schubert schließlich das Kunstwerk im Astloch an. Es ist ihm wichtig zu betonen, dass er dabei auf die Gesundheit des Baumes geachtet hat: „Ich habe kein Loch zugemacht, sondern das Bild schonend und bündig auf einem abgesägten Ast befestigt. Es ist jederzeit rückstandsfrei demontierbar.“

Sommers wie winters radelt Karsten Schubert auf dem Weg zur Arbeit täglich an "seiner" Eiche vorbei. Quelle: Tanja Tröger

Farbenfroh statt düster

Anfang Juli, mitten in der 2018er Sommerhitze, brachte Schubert sein Kunstwerk an. „Als ich das hingehangen hab, war niemand hier“, erzählt er, „nur ein paar dampfende Radler“. In den folgenden Monaten habe er ab und zu mal Passanten oder Radfahrer stehenbleiben und das Bild betrachten sehen, sagt der Freizeit-Künstler, aber bei ihm gemeldet habe sich noch keiner. Dieser Ruhm wäre ihm ohnehin unangenehm, denn Selbstvermarktung „geht mir völlig ab“. Er hätte sein Werk sogar anonym angebracht. „Aber meine Frau hat gesagt: Schreib das ran, dass das von Dir ist!“, lacht er.

Verglichen mit den übrigen Werken Schuberts sticht das „Astloch-Bild“ heraus. Normalerweise malt er ausschließlich mit Ölfarben auf Leinwand, und auch hauptsächlich ruhige Motive wie Ruinen, Stadtlandschaften, Porträts. Böcklins „Toteninsel“ und Werke von Max Klinger zählen zu seinen Favoriten; in Symbolismus und Fin de Siècle fühlt sich Schubert zu Hause – es darf auch gern ein wenig „jugendstilisch angehaucht“ sein, wie er sagt. Da passt es, dass Schubert am liebsten nachts malt, am besten noch, wenn Regen auf die Scheiben pladdert. Sein Atelier hat er sich nämlich unterm Dach der Niedersedlitzer Wohnung eingerichtet.

Autodidakt unterm Dach

Die Malerei ist seit Kindertagen das Hobby des gebürtigen Dresdners. Zunächst lernte er autodidaktisch, später besuchte er die Abendschule der Hochschule für Bildende Künste und Kurse an der Volkshochschule, beschäftigte sich mit Akt- und Aquarellmalerei. Seine Brötchen verdient er jedoch nicht mit Kunst: 25 Jahre lang war er in der Werbung tätig, inzwischen arbeitet er begeistert bei einer Johannstädter Firma, die Silikonprothesen herstellt. „Da kommt mir das Malen zugute, das Gefühl für Farbe und Plastizität.“

Von der Bleistift-Zeichung zum bunten Wimmelbild am Baum: Karsten Schubert mit dem Digitaldruck seines Astloch-Aquarells. Quelle: Tanja Tröger

Zeitweise Kamera statt Pinsel

Pinsel und Palette mussten allerdings einige Jahre lang in der zweiten Reihe ausharren. Schubert zog lieber mit Fotokamera und Stativ durchs Land. Aber auch mit dieser Technik blieb er „seinen“ düsteren Themen treu: Er hielt sogenannte lost places, verfallene Gebäude, für die Ewigkeit fest. „Inzwischen ist es aber ziemlich vorbei mit dem Hobby“, erzählt er abgeklärt. „Erstens ist das eine rechtliche Grauzone, zweitens ist das Meiste abgegrast, und drittens sind viele Häuser saniert worden. Gottseidank! Wir freuen uns, wenn wieder ein Gebäude erhalten wird.“

Geliebter Ölfarben-Geruch

Also kehrte er zu seinen Pinseln zurück: „Ich liebe den Geruch von Ölfarben“, schwärmt Schubert. „Es muss nach Terpentin riechen!“ Ideen hat er noch einige: Pleinair, also Malerei unter freiem Himmel, wolle er mal ausprobieren, „aber ich traue mich noch nicht so richtig ran“. Schließlich sei es eine große Kunst, Farben wahrzunehmen und relativ schnell aufs Papier oder die Leinwand zu bringen, erklärt er ganz bescheiden. Oder noch mehr Kunst am Elbufer? „Der Baum auf der anderen Seite der Brücke hat auch Astlöcher, aber die sind sehr klein“, erzählt Schubert und grinst verschmitzt dabei. „Da hab ich überlegt, mal eine Eule reinzumalen.“ Vielleicht ein Projekt fürs noch junge Jahr …

https://www.facebook.com/AtelierKarstenSchubert

Von Tanja Tröger

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