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Dresden Lokales Viele haben Tourette, ohne es zu merken
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09:40 10.07.2019
Kinder- und Jugendpsychiater Veit Roessner ist Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie.
Kinder- und Jugendpsychiater Veit Roessner ist Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Quelle: Foto: TUD
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Dresden

Kürzlich sind die US-Leitlinien zu Tic-Störungen und dem Tourette-Syndrom veröffentlicht worden. Der Dresdner Kinder- und Jugendpsychiater Veit Roessner hat an der Erarbeitung mitgewirkt. In den Leitlinien geht es vor allem um die verständliche Erklärung des natürlichen Verlaufs der Störungen. Im Interview erklärt Veit Roessner den aktuellen Forschungsstand zu Tic-Störungen und zum Tourette-Syndrom.

Kann es tatsächlich sein, dass die Tics bei Pascal aufgrund der Medikamente gegen die Angst- und Zwangsstörungen so schlimm geworden sind?

In der Regel besteht hier kein Zusammenhang und wenn doch, dass die Tics besser werden. In Einzelfällen mag es einen zeitlichen Zusammenhang zwischen der Beginn der Medikation gegen Ängste und Zwänge und der Verschlechterung der Tics geben. Ob dieser ursächlich ist, kann man nicht sagen. Es spricht nicht alles, aber vieles dagegen.

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Wie verläuft eine Tic-Störung?

Im Durchschnitt beginnen die Tics um das achte Lebensjahr, es kann aber auch schon früher beginnen. Und dann nehmen sie in der Regel um die Pubertät herum zu und danach wieder deutlich ab, bis sie ganz verschwinden. Genauere Prognosen können wir im Einzelfall nicht machen. Es gibt vorübergehende Tic-Störungen, da dauern die Tics nicht länger als ein Jahr an. Diese Form kommt am häufigsten vor. Dann gibt es die chronisch motorische oder chronisch vokale Tic-Störung. Als motorische Tics werden all die bezeichnet, bei denen sich die Muskeln bewegen. Bei der Behandlung wird zwischen diesen Tics allerdings nicht unterschieden.

Was ist der Unterschied zwischen dem Tourette-Syndrom und einer Tic-Störung?

Tourette ist eine Unterform der Tic-Störungen, was aber nicht heißt, dass das Tourette schwerer sein muss. Dass Menschen dabei laut Kraftausdrücke verwenden, wie es oft dargestellt wird, kommt ganz selten vor. Das Tourette-Syndrom definiert sich über einen vokalen und mindestens zwei motorische Tics. Das bedeutet, ganz viele Menschen haben ein Tourette-Syndrom, ohne es zu merken, beispielsweise Patienten mit einem Räusper-Tic. Ungefähr ein Prozent der Erwachsenen haben ein Tourette-Syndrom und ungefähr drei Prozent haben eine chronische Tic-Störung, die also länger als ein Jahr andauert. Bei allen Verlaufsformen gibt es unterschiedlich schwer ausgeprägte Formen.

Wie entstehen diese Störungen?

Wir können bis heute nicht sagen, woher es kommt. In der neuen Klassifikation, die die WHO herausgibt, werden die Tic-Störungen nicht mehr unter den kinder- und jugendpsychiatrischen Störungsbildern geführt, sondern unter den neurologischen Bewegungsstörungen. Das ist keine gute Nachricht. Denn 90 Prozent der Patienten, die zu uns in die Klinik kommen, haben eine begleitende Störung, beispielsweise ADHS, Zwangserkrankungen oder Depressionen. Und diese sind oft viel behandlungsbedürftiger als die Tic-Störung selbst.

Dazu haben wir gerade eine Forschungsgruppe gebildet, die herausfinden soll, warum es diese begleitenden Störungen gibt und ob es wirklich eine Bewegungsstörung ist oder auch etwas anderes dahintersteckt.

Gibt es noch andere Forschungsansätze?

Es gibt immer wieder Beobachtungen, wenn Kinder einen Infekt haben und auch einen deutlich erhöhten Antistreptolysin-Wert, dass sie dann mehr oder zum ersten Mal Tics oder Zwänge zeigen. Die Idee dahinter ist ähnlich wie beim Rheumatischen Fieber. Dort haften sich die durch eine Streptokokkeninfektion gebildeten Antikörper zum Beispiel an die Herzklappe und es kommt zu Herzproblemen.

Und es gibt auch Ideen und einzelne Hinweise, dass bei Patienten mit Tic-Störung solch ein autoimmunologischer Prozess dazu führt, dass die Tics erstmals auftreten oder schlimmer werden. Wenn dies so wäre, könnte man dann auch eine gezielte Ursachentherapie entwickeln.

Lassen sich Tic-Störungen überhaupt behandeln?

Mit Medikamenten können schlimmere Tics reduziert werden. Wir wollen das Risiko für Nebenwirkungen so gering wie möglich halten und wirklich nur die besonders störenden Tics medikamentös reduzieren. Es gibt allerdings keine Hinweise darauf, dass die Patienten durch Medikamente eine bessere Prognose haben.

Bei der Verhaltenstherapie gibt es Studien, die zeigen, dass sich die Tics durch diese Therapie verbessern. Sie studieren dabei eine Reaktion ein, die verhindert, dass der Tick ausgeführt werden kann, beispielsweise indem man sich auf die Hände setzt, oder die Nackenmuskulatur anspannt, damit der Kopf nicht zucken kann. Es gibt aber auch Ärzte, die der Meinung sind, wenn die Aufmerksamkeit so sehr auf das Vorgefühl gelenkt wird, verschlimmern sich die Tics noch weiter. Mit einer Kombination aus Verhaltenstherapie und eventuell nötiger Medikation haben wir das auf unserer Station bisher immer gut in den Griff bekommen.

Gehören Zwangsstörungen wie Händewaschen auch zu den Tic-Störungen?

Da gibt es eine erbliche Gemeinsamkeit, die allerdings noch genauer erforscht werden muss. Die Ähnlichkeit ist, dass man irgendwas immer wieder wiederholt. Etwas, das im Körper ein unangenehmes Gefühl hervorruft und, einfach gesagt, vom Körper ausgeht, zählt zu den Tic-Störungen.

Bei den Zwangserkrankungen entwickelt sich die Störung eher aus einer Befürchtung heraus und nicht aus einem körperlichen Gefühl. Das kann die Angst vor Bakterien auf der Haut sein, die einen zwingt, sich immer wieder die Hände zu waschen, damit man nicht krank wird. Es gibt aber auch viele Patienten, die mit beiden Situationen konfrontiert sind. Im Gegensatz zu den Tic-Störungen ist die Prognose bei den Zwangsstörungen besser, je früher die Störung erkannt wird.

Von Lisa-Marie Leuteritz