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Lokales Dresdner Geheimnisse Teil 6: Ein Lehrstück von konfessioneller Unruhe
Dresden Lokales Dresdner Geheimnisse Teil 6: Ein Lehrstück von konfessioneller Unruhe
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16:34 27.11.2019
Der Krellstein. Was verbirgt sich dahinter? Quelle: PR
Dresden

Es sind nur zwei Buchstaben – aber sie künden von Grausamkeit, religiösen Kämpfen, Verwicklungen, einem schwachen Kurfürsten, einer Witwe, die Blut sehen will, und einem Mann, der sein Leben lassen muss. Es ist die Geschichte von Nikolaus Krell (um 1550-1601) – und von einem kleinen Stein, der vor dem Verkehrsmuseum im Pflaster liegt, und in den ein K und ein r, die beiden ersten Buchstaben seines Nachnamens, eingraviert sind. Der Stein markiert einen Ort des Grauens: „Hier wurde Krell 1601 enthauptet“, sagt Anne-Simone Rous, die über ein enormes Wissen zu Dresdens Geschichte verfügt und gewissermaßen ein wandelndes Lexikon ist.

Anne-Simone Rous Quelle: PR

Doch warum musste Nikolaus Krell sterben? Ein gewöhnlicher Delinquent, der hingerichtet wurde, war er schließlich nicht – und die Biografie des kursächsischen Kanzlers unter Christian I. (1560-1591) erweckt den Eindruck einer Bilderbuchkarriere: Krell wird 1551 als Sohn eines Ratsherrn und Rechtsgelehrten in Leipzig geboren, studiert Jura ebenda und promoviert in Frankreich. Im Jahr 1580 ernennt ihn Kurfürst August (1526-1586) zum Hofrat, im Jahr darauf wird er Mitglied des neu eingerichteten Hofstaats von Kurprinz Christian.

Der Herrschrr ist „unselbständig, arbeitsscheu und dem Trunke ergeben“

Der junge Prinz scheint ihn zu schätzen, denn als Christian 1586 die Regierungsgeschäfte übernimmt, macht er ihn nicht nur zum Mitglied des Rats, sondern 1589 auch zum Kanzler des Kurfürstentums. Ein interessantes Machtverhältnis, denn Christian I. taugt mitnichten, Sachsen mit starker Hand zu führen, er ist schwach an Geist und Durchsetzungsvermögen. Was Krells Position natürlich festigt – im Grunde kann er machen, was er will. Moritz Ritter schreibt 1883 in der Allgemeinen Deutschen Biographie, dass „Christian I. unselbständig, arbeitsscheu und dem Trunke ergeben“ gewesen sei, weshalb der Kanzler, „fortan den Gang der Regierung eigenmächtig bestimmte, unterstützt von einigen Räthen, die er sich zu diesem Zwecke aussuchte.“

Zu regieren, das bedeutete zur damaligen Zeit auch, die Religion zu bestimmen: Dresden ist unter August von Sachsen noch lutherisch-orthodox. Krell will die Stadt dem Calvinismus unterwerfen, und dem hat Christian I. nicht viel entgegenzusetzen. Mit diesem Vorhaben macht Krell sich jede Menge Feinde. „Der Gang des Streites führte immer mehr auf die Alternative, ob Sachsen lutherisch bleiben oder calvinistisch werden solle. Wie nun aber die Gegensätze kirchlicher Lehre das öffentliche Leben mit all’ seinen Einrichtungen durchdrungen hatten, so konnte es nicht anders sein, als daß durch solche Bewegungen das gesammte Gemeinwesen, das kirchliche wie das staatliche, in seinen Tiefen erregt wurde“, schreibt Ritter.

Es bilden sich zwei Lager: Die Landstände und die Universitäten stellen sich an die Seite Krells, der Adel jedoch geschlossen gegen ihn. „Mit dem Adel, der also in Opposition gegen die Regierung trat, hing wieder ein guter Theil der hohen Beamten zusammen“, unterstreicht Ritter die aufgeladene Situation. Und weiter: „In mehreren Gemeinden ereigneten sich aufregende Scenen des activen und passiven Widerstandes; eine Anzahl Geistlicher ließ sich lieber absetzen, als daß sie die Beschwörung des Teufels bei der Taufhandlung verdammt hätten.“

Alle Teile der Serie

Das Buch: Eine Zwergensuche und die Geheimnisse der Semperoper Dresden

Dresdner Geheimnisse Teil 1: Das Sahnehäubchen Augusts des Starken

Dresdner Geheimnisse Teil 2: Der Zwinger ist sicher

Dresdner Geheimnisse Teil 3: Wie die Zwerge aus Breslau nach Dresden kamen

Dresdner Geheimnisse Teil 4: Die Wiege der deutschen Sprache

Dresdner Geheimnisse Teil 5: Görlitzer Straße 18 b – Das Haus des dezenten Versands

Dresdner Geheimnisse Teil 6: Ein Lehrstück von konfessioneller Unruhe

Krell versucht, seine Macht weiter zu festigen und drängt mehrere hohe Beamte, die nicht sein Lied singen, aus dem Amt. Diese sind verärgert und schließen sich umso entschiedener dem Adel an – die Gruppe derer, die Krells Ende herbeisehnt, wächst. Und das Ende kommt abrupt – mit dem Tod des Kurfürsten. Seine Witwe, die brandenburgische Prinzessin Sophia (1586-1622), eine orthodoxe Lutheranerin, könne „als das Haupt der Mißvergnügten angesehen werden“, urteilt Ritter.

Die Missvergnügten sind nun, da es keinen Kurfürsten mehr gibt, der seine schützende Hand über den Kanzler halten kann, in der Übermacht. Zu ihnen zählt der Herzog von Sachsen-Weimar, Friedrich Wilhelm (1562-1602), der mangels mündigem Nachkommen des Verstorbenen die vormundschaftliche Regierung übernimmt. Auch die Räte, die Krell aus dem Amt gedrängt hatte, bekommen nun großen Einfluss. Noch bevor der Kurfürst unter der Erde ist, wird der Kanzler verhaftet und für zehn Jahre auf der Festung Königstein festgesetzt.

Mit dieser Blitzverhaftung sei es Krells Gegnern um das Signal gegangen: „Mit dem Tod des Kurfürsten ist der Calvinismus in Dresden ausgerottet; wir fangen wieder mit dem lutherischen Glauben an, so, wie das ja auch vorher gewesen war“, erklärt Anne-Simone Rous. Der Prozess ist ein interessantes Stück Justizgeschichte. Krell bat um Vorlage der ihn belastenden Dokumente, aber er bekam sie nicht zu Gesicht und bezichtigte seine Ankläger, sie erdichteten alles, was ihm wiederum schadete.

„Diesen Menschen ging es wirklich um ihr Seelenheil

Interessant findet die Historikerin die Rolle der jungen Witwe: „Sie war erst 23 Jahre alt und hatte doch so viel Macht, um den mächtigen Krell zu stürzen.“ Der Hass wird ihr Flügel verliehen haben. „So, wie sich schon die Protestanten und die Katholiken bekriegt hatten, gehörte dieses Jahrhundert dem Streit zwischen der lutherischen Orthodoxie und dem Calvinismus. Die Feindschaft war enorm und beim Calvinistensturm in Leipzig im Mai 1593 sind ja auch Menschen zu Tode gekommen“, ordnet die Historikerin ein. Einer von Krells Getreuen, der Halberstädter Oberhofprediger Gundermann, versucht, sich heimlich aus dem Staub zu machen, wird gefasst und sitzt monatelang auf der Leipziger Pleißenburg ein, was seine Frau in den Selbstmord treibt.

Hoch emotional sei dieser Konflikt gewesen. „Das können wir uns heute gar nicht mehr vorstellen“, sagt Anne-Simone Rous. „Diesen Menschen ging es wirklich um ihr Seelenheil – und Nikolaus Krell hinzurichten, den eigenen Kanzler, das war schon ein starkes Signal. Man bedenke – das geschah im Jahr 1601, lange vor der englischen Revolution, in der ja auch der König hingerichtet wurde.“ Kein Königs-, aber doch ein Kanzlermord im noch jungfräulichen 17. Jahrhundert an dessen Ende sich der konfessionelle Kompass nochmals drehen wird: Der sächsische Herrscher August der Starke tritt 1697 zum Katholizismus über, um die polnische Krone erlangen zu können. Er ist klug genug, seinen Landeskindern die Religionsfreiheit zu gewähren.

Das Buch

Das Buch ist im Bast Medien Verlag in Kooperation mit den Dresdner Neuesten Nachrichten erschienen. Die Zeitung veröffentlicht in loser Folge Auszüge aus dem Buch. Es kostet 16,90 Euro. ISBN: 978-3-946581-71-0. Es hat 192 Seiten und ist durchgehend bebildert. Erhältlich im Buchhandel, über die gebührenfreie Hotline 0800/2181-070, im Online-Shop unter www.lvz-shop.de oder direkt beim Verlag: bestellungen@bast-medien.de (versandkostenfrei).

Abonnenten erhalten das Buch für 14,90 Euro über die gebührenfreie Hotline 0800/2181-070 und im Online-Shop unter www.lvz-shop.de.

Von Von Eva-Maria Bast

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