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Lokales Dresdner Geheimnisse Teil 5: Görlitzer Straße 18 b – Das Haus des diskreten Versands
Dresden Lokales Dresdner Geheimnisse Teil 5: Görlitzer Straße 18 b – Das Haus des diskreten Versands
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20:47 19.11.2019
Die Görlitzer Straße 18 b liegt in der Äußeren Neustadt. Hier wurden einst geheimnisvolle Päckchen gepackt. Quelle: PR
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Dresden

„Tina, wat kosten die Kondome?“ Diese Kultwerbung aus den 1980er-Jahren kennen noch viele: Ein junger Mann kauft im Supermarkt Präservative und versteckt sie an der Kasse unter dem Lauch. Hinter ihm steht eine attraktive Blondine, die ihm betörende Blicke zuwirft, vor ihm eine strenge ältere Dame, die ihn strafend mustert. Doch die Kondome sind ja sicher unter dem Lauch versteckt – bis die Kassiererin sie un­ter dem schützenden Gemüse hervorzieht und laut durch das Geschäft ruft: „Tina, wat kosten die Kondome?“ Woraufhin der junge Mann im Boden versinken will, die Blonde jedoch strahlend erklärt: „3,99“ und die Oma korrigiert: „Nein, 2,99, die sind im Sonderangebot.“

Und so, wie in den 1980er-Jahren jeder diese Werbung zum Gebrauch von Kondomen gegen Aids kannte, kannte wohl jeder in der DDR den „diskreten Versand von Kästner“, der in der Görlitzer Straße 18b beheimatet war und Verhütungsmittel versendete. Als Kästner seinen Kondomversand startete, war es für die Menschen noch weitaus schwieriger, an Verhütungsmittel zu gelangen als für den jungen Mann in der TV-Werbung Ende der 1980er-Jahre, dem die Aufmerksamkeit im Supermarkt einfach nur peinlich war. „Und genau darauf setzte Kästner“, erklärt Stadtarchivar Thomas Kübler. „Er verschickte die Kondome diskret und ohne Absender.“

Kästner war der Inbegriff der alten Fachdrogerie“

„Am Anfang der Erfolgsgeschichte der Kästner Kondome stand ein Mann namens Hugo Kästner, der 1904 das Bürgerrecht der Stadt Dresden erhielt und eine kleine Drogerie auf der Görlitzer Straße eröffnete“, erzählt Kübler weiter. „Kästner war der Inbegriff der alten Fachdrogerie“, sagt der Archivar. „Seine Produkte standen in den Glasschränken und Regalen des kleinen Ladens wohl verstaut und bei Gewahrwerden offensichtlicher Lücken wurden diese sofort handeigen von Kästner nachgefüllt.“

Alle Teile der Serie

Das Buch: Eine Zwergensuche und die Geheimnisse der Semperoper Dresden

Dresdner Geheimnisse Teil 1: Das Sahnehäubchen Augusts des Starken

Dresdner Geheimnisse Teil 2: Der Zwinger ist sicher

Dresdner Geheimnisse Teil 3: Wie die Zwerge aus Breslau nach Dresden kamen

Dresdner Geheimnisse Teil 4: Die Wiege der deutschen Sprache

Dresdner Geheimnisse Teil 5: Görlitzer Straße 18 b – Das Haus des dezenten Versands

Doch es kamen schwere Zeiten auf den kleinen Drogisten zu: Immer mehr Hersteller belieferten ihre Kunden direkt. Kästner ließ sich nicht entmutigen, sondern verkaufte einfach Handcremes, Haarfärbe- und Enthaarungsmittel sowie haarwuchsfördernde Toniken. „Vor allem in der Zeit der Weimarer Republik liefen alle möglichen Kosmetika sehr gut“, erzählt Kübler weiter.

Ein sich veränderndes Verhältnis zur Sexualität

Und nun kommen auch endlich die Kondome ins Spiel, denn, so Kübler, „im gleichen Zeitraum ist auch ein sich veränderndes Verhältnis zur Sexualität zu beobachten.“ Diese sei in jener Zeit viel offener und unverbindlicher geworden. „Die Anonymität der Großstadt förderte dies ebenso wie die Freizügigkeit in den Goldenen Zwanzigern.“

Das war die Stunde Kästners: Neben Kondomen verkaufte Kästner das empfängnisverhütende „Nona-Gel“ für die Frauen, Monatshöschen „für die kritischen Tage“ und „Artikel zur diskreten Körperpflege.“ Frauen, die mit ihrer Oberweite unzufrieden waren, habe Kästner in seinem kleinen Katalog in schüchternem Plauderton „besonders unauffällige“ Schaumgummibrüste „zum Einlegen in den BH“ empfohlen, hat Kübler recherchiert.

Kondome wurden in der Wohnung verpackt

„Doch 80 bis 90 Prozent der Artikel, die es zu verpacken galt, waren Kondome. Ein Dutzend kostete zwischen fünf und acht Mark. Produziert wurde in den Erfurter Gummiwaren, verpackt aber in der 150 Quadratmeter großen Wohnung über dem Laden, in dem auch die Produkte aufbewahrt wurden.“ 150 bis 200 Sendungen täglich hätten das Haus in Spitzenzeiten verlassen und die Kartei habe 30.000 Kunden verzeichnet. Gut und anonym verpackt schleppten die Mitarbeiter in ihren weißen Kitteln die Ware dann zur Hauspost an der Königsbrücker Straße. „Da hatten die Postler immer etwas zu tuscheln“, merkt Kübler an.

In den 1930er-Jahren brach der Verkauf dann aber ein: Die Rolle der Frau änderte sich, ihre Mission war es nun, Kinder zu gebären und der Mann war angehalten, seinen ehelichen Pflichten nachzukommen. „Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm Kästners Sohn Hans (1907-1985) die Firma und brachte sie an einem neuen Standort in der Louisenstraße 13 erneut zum Blühen.“ Nach wie vor konnten sich die Dresdner diskret versorgen. Keiner musste riskieren, dass eine Kassiererin die unter dem Lauch versteckten Präservative hervorzieht und durch den Laden brüllt: „Tina, wat kosten die Kondome?“

Das Buch

Das Buch ist im Bast Medien Verlag in Kooperation mit den Dresdner Neuesten Nachrichten erschienen. Die Zeitung veröffentlicht in loser Folge Auszüge aus dem Buch. Es kostet 16,90 Euro. ISBN: 978-3-946581-71-0. Es hat 192 Seiten und ist durchgehend bebildert. Erhältlich im Buchhandel, über die gebührenfreie Hotline 0800/2181-070, im Online-Shop unter www.lvz-shop.de oder direkt beim Verlag: bestellungen@bast-medien.de (versandkostenfrei).

Abonnenten erhalten das Buch für 14,90 Euro über die gebührenfreie Hotline 0800/2181-070 und im Online-Shop unter www.lvz-shop.de.

Von Eva-Maria Bast

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