Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Lokales Dresdner Geheimnisse Teil 12: Schwarze Steine – Dresdens verwundetes Herz
Dresden Lokales Dresdner Geheimnisse Teil 12: Schwarze Steine – Dresdens verwundetes Herz
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:36 14.01.2020
Sie befinden sich unübersehbar an der Frauenkirche am Neumarkt. Mahnmale der Geschichte – die dunklen Steine an der Frauenkirche. Quelle: Buch
Dresden

Der Stein befand sich schon immer, genauer, seit dem 18. Jahrhundert, an diesem Ort. Doch sein Umfeld, das war einst ein anderes. Andere Steine haben ihn umgeben, mit ihm eine Mauer gebildet oder Seite an Seite mit ihm im Trümmerhaufen gelegen. Dunkel hebt er sich nun im hellen Gemäuer ab und wenn er reden könnte, dann würde er eine lange Geschichte erzählen. Von einer Vision, die erst wahr und dann zerstört wurde und schließlich wieder auferstand. Von einem Symbol der Überwindung und der Hoffnung.

Rosen auf einem Trümmerhaufen

Beginnen würde seine Geschichte in den Postaer Steinbrüchen im Elbsandsteingebirge, wo er aus dem Fels gehauen wird. Er würde erzählen, wie er mit dem Schiff zum Neumarkt gebracht und einem engagierten Baumeister übergeben wird, der ein Gotteshaus plant, das „von Grund aus bis oben hinauf gleichsam nur ein einziger Stein“ ist: die Frauenkirche.

Er würde von einem baulichen Wunderwerk berichten, das entsteht, das die Herzen anrührt. Und dann würde er von Bomben sprechen, die auf diese Stadt geworfen werden und sie in Schutt und Asche legen. Er würde erzählen, dass das Bauwerk, in dem er vermauert ist, dem Angriff standhält, nicht aber dem Feuer, das in seinem Innern wütet und unter dessen enormer Hitze die Kirche mit ihrer 12.300 Tonnen schweren Steinkuppel zwei Tage später nachgibt.

Er würde von weinenden Menschen berichten, die fassungslos vor diesem Herz der Stadt stehen, das aufgehört hat zu schlagen. Davon, dass man schließlich Rosen auf ihm und den vielen anderen Steinen pflanzt, die nun einen Trümmerhaufen bilden. Dass man den Haufen zum Mahnmal erhebt. Und dass dann schließlich Menschen kommen, die nach der Wende befinden, man müsse das Gotteshaus erneut errichten – und dafür sorgen, dass er exakt wieder an der Stelle stehen wird, an der er sich einmal befand.

„Und genau das ist dann auch geglückt“, sagt Gästeführer Matthias Christian Schanzenbach, der 1976 zum Studium nach Dresden kam und einer von jenen vielen Menschen war, die fassungslos vor diesem Trümmerhaufen standen. „Dieser Anblick berührte mich“, sagt er rückblickend. Ganz vorsichtig und ehrfürchtig hat er den Trümmerhaufen damals auch bestiegen, obwohl das verboten war – und er war unter jenen, die sich zusammenschlossen und fanden, man müsse ihn wieder aufbauen, diesen so besonderen Ort.

200 Jahre das lebendige Herz der Stadt

„Schon seit dem 11. Jahrhundert hatte sich hier eine Kirche befunden, zunächst war es eine Missionskirche, dann, im 13. Jahrhundert eine romanische Steinkirche, im 14. Jahrhundert folgte eine gotische Steinkirche“, fasst er die Geschichte zusammen. Diese war Anfang des 18. Jahrhunderts baufällig geworden, weshalb der Rat der Stadt, unter Ratszimmermeister George Bähr (1666-1738) beschloss, einen Neubau zu errichten.

Ebenjener Architekt, für den, als er den Auftrag erhält, von vorn herein feststeht, wie die Frauenkirche einmal aussehen muss: „von Grund aus bis oben hinauf gleichsam nur ein einziger Stein“. Am 26. August 1726 folgt die Grundsteinlegung, 1734 wird die Kirche geweiht, 1738 ist die Steinkuppel fertig und 1743 der Bau abgeschlossen. Und die Kirche wird für 200 Jahre das lebendige Herz der Stadt sein – bis zu jener Nacht, in der sie in Schutt und Asche gelegt und dann zum Mahnmal wird.

Alle Teile der Serie

Das Buch: Eine Zwergensuche und die Geheimnisse der Semperoper Dresden

Dresdner Geheimnisse Teil 1: Das Sahnehäubchen Augusts des Starken

Dresdner Geheimnisse Teil 2: Der Zwinger ist sicher

Dresdner Geheimnisse Teil 3: Wie die Zwerge aus Breslau nach Dresden kamen

Dresdner Geheimnisse Teil 4: Die Wiege der deutschen Sprache

Dresdner Geheimnisse Teil 5: Görlitzer Straße 18 b – Das Haus des dezenten Versands

Dresdner Geheimnisse Teil 6: Ein Lehrstück von konfessioneller Unruhe

Dresdner Geheimnisse Teil 7: Poller mit Durchschlagskraft

Dresdner Geheimnisse Teil 8:Die geheimen Verstecke in der Semperoper

Dresdner Geheimnisse Teil 9:Ein Ring für Schwerstarbeiter

Dresdner Geheimnisse Teil 10:Der Komponist und das Kapuzineräffchen

Dresdner Geheimnisse Teil 11: Der Weichbildstein im Großen Garten

Dresdner Geheimnisse Teil 12: Schwarze Steine – Dresdens verwundetes Herz

„Es bestand die Gefahr, dass die Ruine abgetragen wird“, sagt Schanzenbach. „Nach dem Krieg und zu DDR-Zeiten. Mit Kirchen hatte man es ja nicht so. Doch dadurch, dass der sächsische Landeskonservator Prof. Hans Nadler den Trümmerhaufen zum Mahnmal gegen Krieg und Faschismus auserkor, wurde es gerettet. Er ließ um den Trümmerberg Rosen pflanzen.“

Genau deshalb habe es aber eine Weile gedauert, bis sich die Dresdner später vom Wiederaufbau überzeugen ließen: „Es war ja ein Mahnmal gegen Krieg und Faschismus und das war natürlich in der alten Generation, die die Zerstörung noch erlebt hatte, fest im Kopf: Das ist unser Mahnmal, das können wir doch jetzt nicht einfach so wieder aufbauen“, erklärt Schanzenbach die damalige Haltung vieler Dresdner.

Doch das Argument des Vereins, der anfangs aus zwölf, später aus rund 17.000 Mitgliedern aus 27 Ländern bestand, man könne die alten Steine für den Wiederaufbau verwenden, habe überzeugt: „Denn so bleibt es ja ein Mahnmal, war unsere Argumentation“, sagt Schanzenbach, Mitglied des Fördervereins der Frauenkirche. Und er fährt fort: „Die ersten vier Jahre war es noch nicht klar, ob der Wiederaufbau funktionieren wird, und dann, nachdem die evangelische Landeskirche dem Verein das Grundstück überlassen hat, am 27. Mai 1994, kam der große Tag, an dem wir endlich anfangen konnten, der Grundstein wurde gesetzt, das war sehr emotional.“

Narben einer geheilten Wunde

15 Jahre lang hat Schanzenbach den Wiederaufbau begleitet, wöchentlich ist er hingefahren, um den Baufortschritt fotografisch zu dokumentieren. „Das hat nicht nur mich sehr berührt“, sagt er, „sondern auch viele andere.“ Und diese Ergriffenheit manifestierte sich in Zahlen: „650.000 Menschen aus 27 Ländern haben sage und schreibe 210 Millionen Mark gesammelt und Professor Ludwig Güttler hat bei 1558 Konzerten in 15 Jahren eine Spendensumme von 80 Millionen D-Mark eingenommen“, sagt Matthias Schanzenbach. „Die Kirche ist zu mehr als 80 Prozent privatwirtschaftlich aus Spenden wiederaufgebaut worden.“

Und so kam es, dass auch unser dunkler Stein – wie viele andere – wieder eingesetzt werden konnte und durch die dunkle Färbung mahnend aus dem hellen Gemäuer heraussticht.

Ein Geheimnis geben die Steine auf den ersten Blick aber nicht preis: Dass sie wirklich exakt an der Stelle sitzen, an der sie sich einst befanden. Wie das gelang? „Die Firma IBM München hat alte Fotos der Vorkriegszeit eingescannt, die Kirche virtuell im Computer aufgebaut und dann ließ man die Kirche an Pfeiler B und C im Computer einstürzen. So hatte man den Steinhaufen im Computer 1 zu 1 simuliert. 12,80 Meter hoch, circa 22 000 Tonnen Sandstein“, schildert Schanzenbach die Vorgehensweise. „Jetzt wurde im Rastersystem scheibchenweise enttrümmert – alle Architektursteine, also die dunklen, wurden fotografisch aufgenommen. Mit dieser Methode konnte im Computer erschlossen werden, welcher Stein wo hinkommt. Man drehte und wendete die Steine so lange, bis man die alte Stelle gefunden hatte.“

Das Buch

Das Buch ist im Bast Medien Verlag in Kooperation mit den Dresdner Neuesten Nachrichten erschienen. Die Zeitung veröffentlicht in loser Folge Auszüge aus dem Buch. Es kostet 16,90 Euro. ISBN: 978-3-946581-71-0. Es hat 192 Seiten und ist durchgehend bebildert.

Erhältlich im Buchhandel, über die gebührenfreie Hotline 0800/2181-070, im Online-Shop unter www.lvz-shop.de oder direkt beim Verlag: bestellungen@bast-medien.de (versandkostenfrei). Abonnenten erhalten das Buch für 14,90 Euro über die gebührenfreie Hotline 0800/2181-070 und im Online-Shop unter www.lvz-shop.de.

Auf der Homepage der Frauenkirche ist zu lesen: „Durch die weitgehende Verwendung der historischen Bausubstanz wird das Schicksal der Zerstörung auf lange Zeit ablesbar bleiben. Die dunkle Färbung der alten Steine und die Maßdifferenzen in den Anschlussbereichen zwischen neuem und altem Mauerwerk erinnern an die Narben einer geheilten Wunde. So wird die Frauenkirche auch in Zukunft Zeugnis über die Geschichte ihrer Zerstörung ablegen. Zugleich ist sie aber auch ein Zeugnis der Überwindung von Feindschaft und ein Zeichen der Hoffnung und Versöhnung.“

Nach Jahrzehnten ist die Wunde geheilt. Allein: Die Narben blieben.

Von Eva-Maria Bast

Der E-Scooter-Anbieter Lime bekommt Konkurrenz: Das Unternehmen TIER Mobility weitet sich aus und visiert auch Dresden als neuen Standort an. Wann es tatsächlich losgehen soll, ist allerdings noch nicht bekannt.

14.01.2020

2020 wird das Flamingo-Jahr im Dresdner Zoo. Die langbeinigen Vögel mit dem rosa Gefieder bekommen ein neues Gehege. Warum jetzt für die Flamingos gebaut wird und nicht für die Orang Utans, die dringend ein neues Heim brauchen, und was es sonst Neues gibt, wollten die DNN von Zoo-Direktor Karl-Heinz Ukena wissen.

14.01.2020

„Backstage“ hat Premiere an der Staatsoperette Dresden. Ein Gespräch mit Ballettdirektor Radek Stopka über sein Herzensprojekt, das die Tänzerinnen und Tänzer mit ihrem Können in den Mittelpunkt rückt.

14.01.2020