Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Lokales Dresdner Anwalt: „Es war ein militärisch geplanter Überfall“
Dresden Lokales Dresdner Anwalt: „Es war ein militärisch geplanter Überfall“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
Jetzt kostenlos Testen Zur Anmeldung
18:33 27.11.2019
Der Dresdner Anwalt Michael Eggert. Quelle: Foto: imago/privat
Anzeige

Wie tief sitzt bei Ihnen der Schock über den Raub im Grünen Gewölbe?

Extrem tief. Mich hat das so erschüttert, weil ich seit 30 Jahren in Dresden lebe, den Wiederaufbau des Schlosses verfolgt habe und zu den Sammlungen ein ganz inniges Verhältnis aufgebaut habe. Da fühle ich mich selbst bestohlen. Aber es ist ja nicht nur ein Dresdner oder ein sächsisches Thema – es sind ja Schmuckstücke, die zumindest für ganz Europa wichtig sind.

Anzeige

Warum?

August, der Starke, der das angeschafft hat, war eben nicht nur sächsischer Kurfürst, sondern auch König von Polen und Großfürst von Litauen. Er besaß diese Stücke, weil er mit den Größten seiner Zeit – Ludwig XIV. beispielsweise – konkurrieren wollte. Er wollte den Anspruch der Wettiner auf den Kaiserthron untermauern. Das ist die Dimension, über die wir hier sprechen. Deshalb ist das auch ein Schlag gegen die europäische Kultur.

Der Dresdner Anwalt Michael Eggert. Quelle: privat

Was ist die Aufgabe Ihres Vereins?

Der Verein wurde vor 14 Jahren, kurz vor der Wiedereröffnung des Grünen Gewölbes gegründet. Zu den rund 100 Mitgliedern gehören viele Sachsen, aber auch Menschen aus den alten Bundesländern. Wir wollten von Anfang an kein Heimatverein sein, sondern die große Ausstrahlungskraft der Schätze unterstreichen und auch international Mitglieder aufnehmen. Beispielsweise gehört Henry Arnhold dazu, der Erbe der vertriebenen Eigentümer des Bankhaus Gebrüder Arnhold in Dresden. Oder auch die Direktorin des Schlosses Versailles.

Worin besteht sein Zweck?

Sein Zweck ist es, Geld zu sammeln für das Grüne Gewölbe – über das staatliche Budget hinaus. Also ein typischer Freundes- und Förderkreis, wie ihn auch andere Kultureinrichtungen haben. Vorsitzender ist übrigens Prinz Alexander von Sachsen, der aktuelle Chef des Hauses Wettin. Er lebt derzeit in Mexiko.

Was passiert mit dem Geld?

Das Grüne Gewölbe lebt ja quasi im Panzer der Kameralistik. Es bekommt ein festes Budget für ein Jahr. Und wenn etwas übrig bleibt, muss es zurückgegeben werden. Das vom Verein gesammelte Geld soll ein wenig mehr Bewegungsfreiheit verschaffen, um beispielsweise einem Wissenschaftler eine Reise oder eine zusätzliche Buchpublikation zu ermöglichen.

Kaufen Sie auch Ausstellungsstücke?

Ja. Das Silberzimmer im Grünen Gewölbe war ja weitgehend leer, weil das Silber im Siebenjährigen Krieg gegen die Preußen (1756-1763) eingeschmolzen wurde. (Das heißt nebenbei gesagt, das Grüne Gewölbe hatte schon vor über 200 Jahren enorme Verluste.) Da hat der Freundeskreis bei Auktionen, auf denen Silberobjekte vom gleichen Meister aus der selben Zeit angeboten wurden, finanziell geholfen, um die Lücken zu schließen. Ein Pokal oder eine große Schale beispielsweise sind so in die Sammlung gekommen.

Der Degen des Diamantrose-Sets. Quelle: Polizeidirektion Dresden

Von welchen Summen sprechen wir da?

Das ist im Jahr schon ein fünfstelliger Betrag.

Wie ist der aktuelle Stand bei der Schadensaufnahme?

Ich habe vor einer Stunde einen Anruf erhalten, der mich wieder etwas hoffen lässt. Der Große Bruststern des polnischen Weißer-Adler-Ordens und auch der Degen, die bisher auf der Verlustliste standen, könnten womöglich doch noch da sein.

Gab es in der Vergangenheit schon einmal einen ähnlichen Versuch, ins Grüne Gewölbe einzudringen?

Nicht, dass ich wüsste.

Es gibt Indizien dafür, dass das Sicherheitsglas bei dem Einbruch nicht so gut gehalten hat, wie es sollte. Wissen Sie womöglich darüber Näheres?

Überhaupt nicht. Ein Großteil der Sicherheit solcher Systeme liegt ja darin, dass sie nicht bekannt sind.

Schloss-Direktor Dirk Syndram hat den Verdacht geäußert, dass hier möglicherweise Insider am Werk waren.

Es war auf jeden Fall ein militärisch geplanter Überfall. Ich glaube, dass ein Teil eines solchen Angriffs Informationsbeschaffung ist. Ob da aber der Account einer Baufirma gehackt wurde, die beteiligt war, weiß ich nicht. Die Täter haben sich auf jeden Fall aus nichtöffentlichen Quellen informiert. Es muss gar kein Leck in Form einer konkreten Person gewesen sein. Leider gibt es unendlich viele Möglichkeiten. Es könnte auch ein elektronischer Angriff gewesen sein.

Was glauben Sie, was die Täter mit der Beute anfangen?

Ich glaube, dass sie genau wissen, was sie wollen. Und als Kunstrechtsanwalt glaube auch, dass sie es vor dem Einbruch bereits wussten. Es gab vermutlich nicht nur vor und während des Einbruchs eine ganz ausgefeilte Logistik, sondern auch für die Zeit danach. Was das genau ist, darüber kann ich nur spekulieren. Das ist Täterwissen – und das habe ich nicht.

Und wenn ich Sie nun bitte, zu spekulieren...

Da ist ja häufig von durchgeknallten Millionären die Rede, die so etwas in Auftrag geben. So einen habe ich aber noch nie kennengelernt. Ich glaube auch nicht an eine Erpressung. Häufig ist es ja so, wenn Kunstwerke wegkommen, dass die Diebe sie dann gegen eine gewisse Summe zurückgeben. Das gilt aber nur, wenn eine Versicherung im Spiel ist, die dann lieber einen Teil als die gesamte Versicherungssumme zahlt. Aber eine Versicherung gibt es hier nicht.

Was könnte dann das Motiv sein?

Was ich völlig ausschließe, ist, dass die Stücke auf dem Kunstmarkt angeboten werden. Die sind unverkäuflich. Nimmt man sie andererseits auseinander, wäre das mit einem enormen Wertverlust verbunden. Es sind ja Diamanten mit altem Schliff, sofort erkennbar und heute nicht mehr modern. Bei einem Neuschliff entstünde ein Riesenverlust. Kann ich mir auch nicht vorstellen.

Was bleibt dann noch?

Ich könnte mir vorstellen, dass der Schmuck als Trophäe, Statussymbol oder auch als Finanzierungsmittel im Organisierten Verbrechen eine Rolle spielt. Wenn ein Mafioso in Kolumbien eine Tonne Kokain bestellt, kann er als Sicherheit ja keine Bankbürgschaft geben oder eine Grundschuld auf sein Haus aufnehmen. Da werden dann solche Gegenstände wie Schmuck auch schon mal als Sicherheit eingesetzt.

Können Sie sich ein Grünes Gewölbe ohne die gestohlenen Schätze vorstellen?

Schwierige Frage, weil jetzt erst langsam klar wird, was wirklich fehlt. Ich glaube dennoch – ja. Weil das Grüne Gewölbe ja stets gewachsen ist und mit Verlusten umgehen musste. Aber es wird zugleich auch immer schmerzlich sein. Auch für unseren Verein übrigens. Wir haben als Symbol einen Hutschmuckspange in Palmenform – eine Agraffe. Und diese Agraffe ist offenbar ebenfalls gestohlen worden.

Rätsel um zwei Minuten: Hätten die Juwelendiebe noch geschnappt werden können?

Spektakulärer Einbruch in Dresden – Wie gut abgesichert war das Grüne Gewölbe?

Einbruch im Grünen Gewölbe sorgt für Fassungslosigkeit in Dresden

Das waren die spektakulärsten Kunst-Raubfälle in Ostdeutschland

Das ist das Diebesgut aus dem Grünen Gewölbe in Dresden

Von Roland Herold

Der Aufbau des 24. Dresdner Weihnachts-Circus hat begonnen. Ab sofort können Eintrittskarten auch direkt vor Ort an der Pieschener Allee gekauft werden. Die erste Vorstellung findet am 18. Dezember statt.

27.11.2019

Da hat uns das Fußballspiel auf dem Sendeplatz unserer spaßigen Paradiesvögel doch mal eine schöne Ruhepause beschert – aber damit ist es schon nach wenigen Minuten von Folge 6 vorbei.

27.11.2019

Vor dem Verkehrsmuseum in Dresden liegt ein Stein mit den Buchstaben Kr. Es sind die Initialien von Nikolaus Krell, der hier 1601 enthauptet wurde. Doch warum musste der Kanzler des Kurfürstentums sterben? Es ging um den rechten Glauben und das Seelenheil.

27.11.2019