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Lokales Dresdens neuer Rabbiner: Unabhängiger Denker mit Traditionsbewusstsein
Dresden Lokales Dresdens neuer Rabbiner: Unabhängiger Denker mit Traditionsbewusstsein
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15:26 06.09.2019
Rabbiner Akiva Weingarten in der Dresdner Synagoge. Quelle: Dietrich Flechtner
Dresden

Die Welt der ultraorthodoxen Juden in New York, in die Akiva Weingarten 1984 als ältestes von elf Kindern hineingeboren wurde, muss man sich als eine Art Kapsel vorstellen. Draußen benutzen die Leute Mobiltelefone und fahren Auto. „Im Inneren aber war unser Leben ganz von der Tradition bestimmt, wie vor 300 Jahren“, erzählt der 35-Jährige. „Und das Denken war das von vor tausend Jahren.“ „Charedim“ nennen sie sich, was so viel heißt wie „Gottesfürchtige“.

Unterricht in der privaten religiösen Schule, die er besuchte, hieß, nur eine Stunde für nichtreligiösen Stoff, hauptsächlich Mathematik, die sich auf die Grundrechenarten beschränkte, dazu ein wenig Geschichte; nie wissenschaftliche Fächer wie Chemie oder Biologie. „Mit 13 Jahren haben wir von morgens 7 Uhr bis abends 22 Uhr religiöse Studien betrieben.“

Schläfenlocken und koscheres Essen

Traditionelle Kleidung, Schläfenlocken für die Jungs, koscheres Essen, mehr als 600 Regeln (Mizwot), vor allem das Verbot jeglicher vom Gesetz, der Halacha, als Arbeit definierter Tätigkeit am Sabbat, ebenso von den Eltern oder Verwandten arrangierte Ehen gehörten zum Alltag der chassidischen Familie.

Mit 17 wurde er das erste Mal als Rabbiner ordiniert, in Monsey (New York), in einer chassidischen Hochschule (Jeschiwa). Mit 18 ging er nach Israel. „Je älter ich wurde, desto mehr zweifelte ich an diesem Lebensstil“, erzählt er. Es sei kein bestimmter Moment gewesen, an dem er genug davon hatte. „Es war ein langer Prozess.“

Fragen und Zweifel

Einer, bei dem er immer wieder Fragen stellte. Und zur Antwort bekam, dass man bestimmte Dinge nicht in Frage stelle. „Orthodoxe müssen alles akzeptieren, weil es eben so ist. Ich wollte wissen: Warum muss es denn so sein?“ Sechs Schulen (Jeschiwot) besuchte er in sechs Jahren in New York und in Israel, aus einigen flog er raus. „Ich war ein zu unabhängiger Denker, und das verträgt dieses Bildungssystem nicht.“

Als er hörte, in Deutschland könne man kostenlos studieren, wollte er dort hin. „Als ich 29 war, habe ich mit tausend Dollar in der Tasche Israel verlassen und bin nach Berlin gegangen, um ein neues Leben zu beginnen.“

Der neue Dresdner Rabbiner Akiva Weingarten stammt aus einer ultraorthodoxen Familie. Quelle: Dietrich Flechtner

Seine Eltern seien zunächst entsetzt gewesen. Heute habe er ein gutes Verhältnis zu ihnen. Seine Mutter habe gefragt, warum es ausgerechnet Berlin sein müsse. „Ich bin ein Enkel der Schoah. Meine Großeltern haben beide Auschwitz überlebt. Zu Hause machten wir keinen Unterschied zwischen Deutschen und Nazis.“ Jiddisch ist seine Muttersprache. Da es dem Deutschen verwandt ist, meinte er, leichter Deutsch lernen zu können. Ganz so einfach aber sei es dann doch nicht gewesen.

Studium am Abraham-Geiger-Kolleg in Potsdam

Studieren wollte er zunächst Medizin oder Chemie, was „Richtiges“ jedenfalls. Eine Freundin, selbst keine Jüdin, habe ihm zu jüdischer Religion geraten. So begann er am Abraham-Geiger-Kolleg der Universität Potsdam, der liberalen Ausbildungsstätte für Rabbiner und auch Rabbinerinnen. Demnächst will er den Bachelor erwerben, die Ausbildung danach bis zum Master fortsetzen.

Um eine Stelle braucht er sich keine Gedanken mehr zu machen. Er hat nun gleich zwei: eine halbe als Rabbiner der Jüdischen Gemeinde in Dresden seit Mitte August, eine zweite in Basel, in der liberalen Migwan-Gemeinde. Also wird er in den kommenden Jahren pendeln: ein Mal im Monat Sabbat-Gottesdienst in Basel, zwei Mal in Dresden. Hier will er dazu einmal in der Woche jüdischen Religionsunterricht erteilen, für eine Gruppe von sechs Kindern in der 4. Grundschule „Am Rosengarten“.

„Man muss Schüler vor allem das Denken lehren“

„Man muss Schüler vor allem das Denken lehren, nicht, was sie zu denken haben“, meint er. Offen sei der Unterricht ausdrücklich auch für interessierte nichtjüdische Kinder.

In der Dresdner Gemeinde mit ihren rund 720 Mitgliedern möchte er vor allem die über 60 Jugendlichen mit Angeboten einladen. „Das ist eben nicht mehr die Generation der Eingewanderten“, sagt Nora Goldenbogen, die Vorsitzende der Gemeinde. Da braucht es andere Wege, um sie dazu zu bringen, die Gemeinde als ihre Heimat zu begreifen.“

So groß der Abstand zu seiner ultraorthodoxen Herkunftswelt auch ist, die jüdische Tradition begreift Akiva Weingarten als großen Schatz.

Lieder, Speisen, Bräuche, all das, was ihn in seiner chassidischen Welt geprägt habe, wolle er den Gemeindemitgliedern hier näherbringen.

In Berlin sorgte er für Aufsehen, als er im Juni 2018 bei einer Demonstration von Juden und Muslimen für gegenseitigen Respekt gemeinsam mit Imam Osman Örs auf einem Tandem radelte. Regelmäßig hätten sie sich zu dritt mit einem evangelischen Pfarrer zum Studium heiliger Schriften getroffen. Diese Offenheit anderen Religionen gegenüber wolle er auch in Dresden praktizieren.

Von Tomas Gärtner

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