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Lokales Dresdens größtes Buchstabenrätsel steht in Tolkewitz
Dresden Lokales Dresdens größtes Buchstabenrätsel steht in Tolkewitz
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15:27 30.04.2019
Das Kunstwerk der Künstlergruppe L+S (Lutz-Rainer Müller und Stian Ådlandsvik) am Schulcampus Tolkewitz in Dresden sorgt für Diskussionen. Quelle: PR/L+S
Dresden

Es vergehen kaum ein paar Tage ohne einschlägige Post: „Welche Bedeutung hat der Schriftzug an Ihrem Gebäude, ich konnte nichts damit anfangen“, heißt es in einer Mail. „Wir wundern uns über die teils kryptische Sprache“, in einer anderen. Die höflichen sind mit „Sehr geehrte Damen und Herren“ überschrieben, einige sind ganz ohne Anrede. Seit Monaten füllen solche Nachrichten das Postfach auf dem Rechner von Ulrike Böhm. Sie ist Schulleiterin des Gymnasiums Tolkewitz, das seit Februar 2018 auf dem Campus an der Wehlener Straße angesiedelt ist. „Wir haben immer wieder Anfragen, besonders am Anfang auch ziemlich deftige“, schildert die Direktorin die Situation.

Erinnerung an Straßenbahnvergangenheit

68 Millionen Euro hat die Stadt in den Umbau des früheren Straßenbahnhofs gesteckt, um für das Gymnasium und die 32. Oberschule einen modernen Standort zu entwickeln. Stein des Anstoßes ist nun ein vergleichsweise winziges Detail. Es geht um die Kunst am Bau mit dem Titel „LOCKER UM ABIZEUGNISMYTHOSWELT“. Das deutsch-norwegische Künstlerteam L+S hat im Wettbewerb den Zuschlag erhalten. Die Buchstaben stehen für Lutz-Rainer Müller und Stian Ådlandsvik. Sie hatten eine ungewöhnliche Idee: Mit einer sogenannten Flipdot-Anzeige stellen sie aus den Buchstaben der Worte „Gymnasium Tolkewitz Oberschule“ viele verschiedene andere Wortgruppen zusammen, die auf der Anzeige regelmäßig wechseln. Die vielen Flipdot-Punkte erinnern an die Anzeigetafeln im Nahverkehr, die Anmutung der Schriftzüge zieht sich durch die Beschriftung an Türen, Räumen und Gängen im ganzen Campus.

Die Künstlergruppe L+S (Lutz-Rainer Müller/rechts und Stian Ådlandsvik) hat das Kunstwerk am Schulcampus Tolkewitz in Dresden entworfen. Es sorgt für Diskussionen. Quelle: PR/Pal Hoff/L+S

Den Standort passieren täglich im Minuten-Takt Bahnen der Linien 4 und 6. Viele Fahrgäste steigen am Campus aus und wollen auf den Friedhof gegenüber. Da hält sich bei manchem die Toleranz für den einen oder anderen flapsigen Begriff wohl in Grenzen, wenn die Zufallsanzeigen vielleicht gerade bei „WESHALB ICY MUM SO KEIN ROTZ LUEGT“ stehen geblieben ist.

Den Entwicklungen von Ideen für Kunstwerke im öffentlichen Raum gehen Analysen der jeweiligen Situation voraus, schildert Lutz-Rainer Müller die Entstehung. Mit unterschiedlichsten Ideen werde versucht, eine Art Schlüssel für die jeweiligen Situationen zu finden, das heißt etwas aufzuzeigen oder mit etwas zu spielen, was schon anwesend ist oder etwas hinzuzufügen, was nach Ansicht der Künstler fehlen könnte. „Uns selbst bei der Ideenfindung zu überraschen, ist unser Anliegen, da wir damit vielleicht auch Anderen neue Perspektiven vermitteln können.“

Schüler könnten kreativ werden

Bisher seien 19 Anagramme installiert, die nach Absprache und Bestätigung des Auftraggebers in die Software aufgenommen wurden. „Die Schüler und an der Schule Beschäftigten dürfen die Kreation weiterer Anagramme sehr gerne weiterführen.“ Dadurch würde sich die Arbeit noch mehr entfalten und „noch mehr in die Richtung wirken, die wir uns vorgestellt haben“, ist Müller für Veränderungen offen.

Die bislang eingesetzten Worte seien beim „Scrabble mit Freunden“ entstanden. Die 60 Zentimeter hohe und sechs Meter breite Anlage bestehe aus 28 Modulen mit jeweils 48 Flipdots. Ziel sei es, bei jedem Anagramm möglichst alle 28 Buchstaben aus „Gymnasium Tolkewitz Oberschule“ zu verwenden. Die Anzeige funktioniere nach einem Zufallsprinzip, wobei der Schulname in der Liste häufiger vorkommt, während die Anagramme jeweils nur einmal in der Liste aufgeführt sind, aus der der Computer die Anzeige auswählt. Der Schulname werde jedoch immer nur 5 Minuten lang angezeigt, während die Anagramme jeweils 55 Minuten lang zu sehen seien.

Offen für Gespräch

Müller ist auch hier für Veränderungen offen, falls jemand annimmt, mit einer häufigeren Anzeige des Schulnamens für mehr Verständlichkeit zu sorgen. „Ja, durchaus. Das Konzept unserer Arbeit wird dadurch nicht verändert.“ Ob auch an der Schule eine Erläuterung zum Kunstwerk angebracht werden sollte, lässt Müller offen. „Generell halten wir die Vermittlung von Kunst für sinnvoll. Auf welche Weise dies geschehen kann oder wie es am besten funktionieren könnte, bleibt zu diskutieren.“ Auf jeden Fall würde er auch gern mit den Schülern über das Kunstwerk diskutieren. „So ein Termin wurde schon ins Auge gefasst, aufgrund von Krankheit jedoch zunächst auf Eis gelegt.“ Jetzt gelte es, einen neuen Termin zu finden.

Die Wortschöpfungen seien „sinnentleert“. Sie „erzeugen automatisch Sprachbilder im Kopf des Betrachters, augenblicklich entstehen unterschiedliche Vorstellungen, welche sich aus individuellen Erinnerungen und Erfahrungen zusammensetzen“, meinen die Künstler. Die Bedeutungslosigkeit dieser Sprachbilder rege die Phantasie an. „Unser Gehirn versucht automatisch, einen Zusammenhang aus den einzelnen Wörten herzustellen.“ Insofern funktioniere das Kunstwerk wie ein Spiel. Der experimentelle Umgang mit Worten rege dazu an, spielerisch zu lernen und über den Gebrauch von Sprache nachzudenken.

Entsetzen über Schriftzüge

Eine ältere Dame, die das Wort „sekzy“ entdeckt zu haben glaubte, sei „entsetzt“ gewesen, das geht doch nicht, habe sie geschimpft, erinnert sich Schulleiterin Böhm. Geduldig erklärt sie bei Anfragen das Projekt immer wieder. Laut Müller ist das Wort nicht in den abgestimmten Anagrammen enthalten. Es sei jedoch interessant, wie Grenzen gezogen würden zwischen Worten, die benutzt werden dürfen ohne Erregung oder öffentliches Ärgernis hervorzurufen und Worten, die dies zu tun scheinen. Möglicherweise sei das Wort durch Begriffe wie „CRAZY KUSS WM“ im Nachhinein in der Erinnerung entstanden.

Schulleiterin Ulrike Böhm vom Gymnasium Tolkewitz und Hausmeister Thomas Beck am Computer, der das Kunstwerk am Schulcampus Tolkewitz steuert. Quelle: DNN

Die Diskussion zieht sich auch durchs Lehrerzimmer. Für Freya Umbach regt das Werk zum Nachdenken an, ist durch die Jugendsprache mit sozialen Medien und Digitalisierung verknüpft. „Ich schaue öfter danach“, erklärt die Kunsterziehungs-Lehrerin.

„In der Straßenbahn wird immer darüber diskutiert“, berichtet Deutschlehrerin Silke Pahlitzsch. „Was steht denn heute dran?“ fragten sich die Leute. Da wisse eben keiner, was dahinter steckt, sagt sie etwas zerknirscht. „Wenn man es dann erklärt, finden es die Leute schon auch witzig.“ Dann sind sie vermutlich so veranlagt, wie Siegfried Heischkel, der bei der Direktorin seine Vermutung vortrug, die Schüler würden wohl „Kontakt zu Außerirdischen suchen“.

Kunstwerk macht auch Spaß

Ulrike Böhm wünscht sich ein Treffen der Künstler mit den Schülern. Praktisch wäre vielleicht auch eine erklärende Tafel am Schulgebäude, meint die Leiterin, die sich in der Startphase der Schule eigentlich um viele andere Dinge kümmern muss. Oder ein anderer Rhythmus der Anzeigen. „Wenn ,Gymnasium Oberschule Tolkewitz’ häufiger zu lesen ist, wäre es vielleicht verständlicher.“ Mancher hat den Namen noch nie gesehen.

Dann würden vielleicht Irritationen ausbleiben, wie sie Hausmeister Thomas Beck erlebt hat. „Kürzlich kam ein Mann zu mir und wollte mit der Anzeige seiner Freundin zum Geburtstag gratulieren“, erzählt er. Den jungen Mann habe er natürlich enttäuschen müssen. „Hätte er seine Freundin heiraten wollen, hätte ich mich vielleicht erweichen lassen“, sagt Beck und lacht. Für Langeweile sorgt das Kunstwerk jedenfalls nicht.

Kunst am Schulbau

Kunst am Bau strebt die Stadt an allen Schulgebäuden an. „Mit Beschluss der Schulbauleitlinie der Landeshauptstadt Dresden wurde festgelegt, dass ein Prozent der Investitionssumme von Neubauten oder Gesamtsanierungen in Kunst am Bau investiert werden sollen“, erläutern das Amt für Kultur und Denkmalschutz sowie das Schulverwaltungsamt auf DNN-Anfrage.

„Kunst am Bau“ werde dabei nicht als ein singuläres Kunstwerk verstanden. Vielmehr leiste „Kunst am Bau“ einen eigenständigen, künstlerischen Beitrag zur architektonischen Gesamtgestaltung des Schulgebäudes. „Insofern finden sich an vielen Bestandsgebäuden aus unterschiedlichen Bauzeiten Beiträge zu Kunst am Bau, welche unter denkmalpflegerischen Gesichtspunkten zu erhalten sind – beispielsweise die Bleiverglasung im Eingangsbereich der 59. Grundschule, die Rakete im Innenhof der 49. Grundschule oder das Mosaik „Sieben Schwaben“ an der 32. Grundschule.

Beiträge zur Kunst am Bau würden in Abhängigkeit von der Höhe der verfügbaren Finanzmittel in offenen oder eingeladenen Wettbewerben ausgeschrieben. Sofern Vorgaben zu Größe oder Gestaltung der künstlerischen Beiträge erforderlich seien, würden diese in den Auslobungsunterlagen präzisiert. Zur grundsätzlichen Orientierung werde der Leitfaden Kunst am Bau des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung herangezogen.

Je nach Umfang des künstlerischen Beitrages werde die Auswahl eines konkreten Projektes durch eine interdisziplinäre Jury (wie beim Schulcampus Tolkewitz, dem Campus Pieschen und dem Tschirnhaus-Gymnasium), durch die Schulgemeinschaft oder mit Unterstützung der Kunstkommission der Landeshauptstadt vorgenommen.

Dabei sind nach den Angaben der Stadt beispielsweise folgende Projekte realisiert beziehungsweise geplant worden:

– Tzschirnhaus-Gymnasium: Künstler Jan Großmann, „Lineatur27/Lineatur28“, Kosten ca. 40 000 Euro;

– Vitzthum-Gymnasium: Sebastian Hempel, „SONNEN-UHR“, rund 10 000 Euro;

Gymnasium Bürgerwiese: Grafikbüro unverblümt, Schriftzug/Orientierungssystem, Kosten nicht gesondert ausgewiesen;

Schulcampus Tolkewitz: Künstlergruppe L+S, (Lutz-Rainer Müller/Stian Ådlandsvik) „LOCKER UM ABIZEUGNISMYTHOSWELT“, 78 000 Euro;

Schulcampus Pieschen (geplant): André Tempel, „GONG!“, rund 65 000 Euro;

Gymnasium Klotzsche (geplant): N.N., Sanierung und Wiedereinbau Bleiglas-Wandbild und gesondertes Projekt, Kosten rund 150 000 Euro;

– Marie-Curie-Gymnasium: Sebastian Hempel, Lichtinstallation „Elektrobahnen“, rund 15 000 Euro;

– 15. Grundschule (in Realisierung): Claudia Scheffler, Fassadengestaltung Seifhennersdorfer Straße, Kosten etwa 20 000 Euro;

– 82. Oberschule: Architekturbüro Raum+Bau GmbH, Wand- und Fassadengestaltung „Klotzscher Baum“, Kosten nicht gesondert ausgewiesen.

Von Ingolf Pleil

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