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Lokales Dresdens Oberbürgermeister besucht Afrika
Dresden Lokales Dresdens Oberbürgermeister besucht Afrika
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07:46 22.01.2019
Oberbürgermeister Dirk Hilbert im Gespräch mit Christian Roger Okemba, dem Bürgermeister von Brazzaville. Quelle: Anke Wagner
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Dresden

Das wird knapp: Am Donnerstagabend tagt der Stadtrat – aber erst am Donnerstagmorgen wird Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) in Berlin-Schönefeld landen. Hilbert leitet die Stadtratssitzungen, wenn nichts daziwschen kommt... Der OB weilt gegenwärtig mit einer Dresdner Delegation – darunter auch mehrere Stadträte wie Anke Wagner (CDU) und Christian Bösl (Bürgerfraktion) – in der Partnerstadt Brazzaville, Hauptstadt der Republik Kongo.

Es handelt sich um einen Besuch, der längst überfällig ist: Die Städtepartnerschaft zwischen Dresden und Brazzaville wurde 1975 begründet. Seit 1980 ist aber keine Delegation aus Sachsen mehr nach Afrika gereist. Nun wollen beide Städte überlegen, wie die Partnerschaft künftig mit Leben erfüllt werden kann.

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Bootsfahrt fällt wegen drohender Unruhen aus

Am Sonntag traf der Oberbürgermeister Christian Roger Okemba, den Bürgermeister der afrikanischen Millionenstadt, zu einem Gespräch. Themen wie Stadtentwässerung, Wirtschaft, Bildung und Kultur könnten Anknüpfungspunkte für eine Zusammenarbeit bieten. Okemba stellte den Gästen aus Sachsen seinen Ansatz vor, Kinder und Jugendliche für das Stadtgärtnern zu sensibilisieren. Hilbert übergab als Unterstützung für den auf dem Rathausvorplatz von Brazzaville angelegten Garten Samen und Pflanzen aus sächsischen Gefilden.

Eine geplante Bootsfahrt auf dem Kongo musste allerdings ausfallen, weil in Kinshasa auf der anderen Seite des Flusses in der Demokratischen Republik Kongo Unruhen drohten. Deshalb hatte die US-Botschaft alle Boote reserviert, um im Ernstfall amerikanische Staatsbürger evakuieren zu können. Die Dresdner Delegation begab sich auf eine motorisierte Stadtrundfahrt durch Brazzaville.

CDU-Stadträtin Wagner schilderte via Internet ihre Eindrücke: „Gebaut wird hier viel. Aber: Ganz viele Bauten die angefangen wurden, stehen nur halb fertig wie Geisterhäuser herum – gefühlt jedes zweite Gebäude ist unfertig oder verfallen. Und der Gegensatz: Wir sind auch an absolut modernen, fertigen Wohnkomplexen vorbeigefahren – darin wohnt niemand. Uns wurde gesagt: Die Leute wollen dort nicht hinziehen.“

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Interessante Begegnungen habe es gegeben, etwa mit Menschen, die all ihre Ersparnisse für elegante Markenkleidung ausgeben, um so mittels inszenierter Auftritte und einstudierter Posen auf der Straße ihre Lebensfreude und ihren persönlichen Stolz auf das eigene Leben zu demonstrieren. Es handelt sich um Vertreter der SAPE-Bewegung. Ein Sapeur sei ein sehr elegant gekleideter Mann, wobei seine Kleidung in starkem Kontrast zu den ärmlichen Verhältnissen stehe, in denen er lebe.

Die Fahrt ging auch vorbei an den Armenvierteln von Brazzaville, an Blechhütten und direkt daneben gelegenen Müllhalden an Abhängen. „Hier muss man einfach mal schonungslos ehrlich sich selbst gegenüber sein: Man sieht so viel im Fernsehen und man weiß um die Armut, die in anderen Ländern herrscht. Steht man mittendrin, auf einer Straße mit Schlamm und fremden Gerüchen, so ist das noch einmal etwas völlig anderes. Man kommt sich fremd vor, irgendwie surreal“, schreibt die CDU-Stadträtin. Sie habe bei ihrem Marktbesuch Raupen und Fledermäuse gesehen, die ganz selbstverständlich zum Verkauf feilgeboten würden. Frisches Fleisch, das bei 30 Grad herumliegt, würde in Deutschland wohl niemand kaufen. „Für uns fremd – für die Menschen hier Alltag und Selbstverständlichkeit.“

Jammern die Deutschen auf zu hohem Niveau?

Am Abend sind die Dresdner entlang der Uferpromenade nach Hause spaziert. Normalerweise eine Schnellstraße, ist die Promenade an Sonntagen komplett gesperrt, damit sich die Menschen dort treffen und Zeit verbringen können. Wagner zeigte sich von dieser Idee beeindruckt: „Diese Lebensfreude und Gelassenheit – ob tanzend, inline-skatend oder joggend – die wir auf dem Spaziergang erlebt haben, waren einfach nur schön.“ Angesichts der Hygiene und Lebensumstände in Afrika sei schon zu fragen, ob die Deutschen nicht manchmal auf ziemlich hohen Niveau jammern würden. „Warum sind wir manchmal so unzufrieden, mancher vielleicht sogar unglücklich mit den Dingen, obwohl wir doch so viel haben?“, fragt die Stadträtin.

Hilbert sprach von bewegenden ersten Tagen in der Partnerstadt und fand insbesondere die Idee, dass eine große Straße inklusive Brücke gesperrt wird, damit viele Bürger die Open-Air-Atmosphäre mit Modenschau, Konzert und Break-Dance genießen können, als „spannend“. „Eindrücke, die man erst mal verarbeiten muss“, zog der OB ein Fazit der ersten Tage in Afrika.

Von Thomas Baumann-Hartwig

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