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Lokales Dresdens Nachtcafés: Zuflucht für Wohnungslose an kalten Tagen
Dresden Lokales Dresdens Nachtcafés: Zuflucht für Wohnungslose an kalten Tagen
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12:21 25.12.2017
Renate (80) schenkt den Wohnungslosen Klaus und Frank erstmal einen heißen Kaffee ein.
Renate (80) schenkt den Wohnungslosen Klaus und Frank erstmal einen heißen Kaffee ein.  Quelle: Claudia Atts
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Dresden

 Friedhelm und Edeltraud holen freitags immer die Brötchen ab – mit dem Fahrrad. In der Zionskirche schließen sie die Türen auf und machen ihre Runde, sehen nach dem Rechten. Sind alle Kopfkissen bezogen? Hat sich eine Helferin krank gemeldet? Beide sind schon über achtzig Jahre alt und seit über 20 Jahren die guten Seelen des Nachtcafés, das jeden Freitag in der kalten Jahreszeit für Obdachlose und Wohnungslose seine Türen öffnet. Neben einer warmen Mahlzeit wird eine Übernachtung und Frühstück angeboten. Es ist Platz für 20, wenn alle zusammenrücken auch schon mal für 25 Gäste. Sie zahlen für diesen Service symbolisch einen Euro, gleich beim Reinkommen. Es darf jeder kommen. Es wird nicht nach der Situation gefragt, keiner muss seinen Namen nennen oder Papiere zeigen. Es ist ein sogenanntes niederschwelliges Angebot.

Auch die Mitarbeiterin Renate findet sich zeitig ein. Hier nennen sich alle mit Vornamen. Und auch sie ist schon 20 Jahre dabei. Renate ist eine sehr gepflegte ältere Dame, gut gekleidet mit einem modernen Haarschnitt, die keinen Tag älter als 70 aussieht. Ist aber schon 80 Jahre verrät sie:

„Ich kann mich gar nicht daran gewöhnen, dass ich schon so alt bin.“ Die ehrenamtliche Arbeit hier macht ihr Freude und bringt ihr Erfüllung. Das anfängliche Unbehagen hatte sie schnell überwunden. Sie hat gemerkt, hier wird sie gebraucht: „Da möchte man doch helfen, wenn es den Leuten so schlecht geht – und ich kann das!“ In ihrer Stimme ist eine Sicherheit. Nicht Mitleid sei ihre Motivation, sondern christliche Barmherzigkeit. Als sie damals Witwe wurde, war ihr klar, dass sie eine Aufgabe brauchte. Und da hat sie ihr anfängliches Unbehagen ganz schnell abgelegt. In den letzten Berufsjahren hat sie als Kosmetikerin gearbeitet. Ihre feine Nase hat sie manchmal gerümpft, wenn sie die Gäste bedient hat oder auch mal demonstrativ das Fenster geöffnet, als sich einer von ihnen weigerte, die Dusche zu nutzen, die ebenfalls angeboten wird. Übel genommen hat ihr das niemand, denn man nimmt ihr die Liebe ab. „Das ist auch Geben und Nehmen! Unsere Gäste zeigen ihre Dankbarkeit“, erzählt Renate. Und auch die Mitarbeiter gehen sehr herzlich und freundschaftlich miteinander um, denn sie wird von einer anderen Mitarbeiterin, die gerade den Wasserkocher einstöpselt, herzlich begrüßt und gedrückt. „In der Küche knallt immer die Sicherung raus, wenn wir zu viele Geräte gleichzeitig einstecken“, sagt sie entschuldigend und ist gleich wieder verschwunden. „Die machen gerade das Essen wieder warm, das in einer der Mensas von der TU übrig geblieben ist“, erklärt Renate. Der Außendienst hat es abgeholt, so heißen die Mitarbeiter, die für das Drumherum zuständig sind, sie fahren auch zur Dresdner Tafel e.V. und holen Lebensmittel ab („Daraus machen wir dann immer Salate.“). Manchmal will ein Gast weiterführende Hilfe, weg von der Straße oder weg vom Alkohol. Dann werden Gespräche vermittelt, Entgiftung oder Beratung. Renate freut sich immer besonders, wenn jemand das geschafft hat, so wie der Mitarbeiter, der an diesem Tag die Nachtwache übernommen hat. Ein Ehemaliger, der sich jetzt für die Wohnungslosen einsetzt.

Gerd Grabowski kam 2010 „der Liebe wegen“ nach Dresden, der ehemalige Ingenieur aus dem Management von Phillips, und wollte hier einen ruhiges Rentenleben führen. Aber gleich zu Anfang kam er zum Nachtcafé dazu und übernahm dann die Leitung. Er ist auch der Sprecher der Ehrenamtlichen im Koordinierungskreis und hat alle Zahlen parat. Sieben Kirchengemeinden öffnen abwechselnd an jedem Abend in der kalten Jahreszeit November bis März ihre Gemeindehäuser. Durchschnittlich 250 Gäste pro Gemeinde nehmen in der Saison das Angebot wahr, durchschnittlich 14 bis 17 an jedem einzelnen Abend. Sie bekommen ein Kissen, einen Hüttenschlafsack und eine warme Decke. Geschlafen wird auf dem Fußboden, Flaschen mit Alkohol werden eingesammelt und am Morgen zurückgegeben. Manche kommen nur zum Essen, andere kommen jedes Mal und bleiben über Nacht. So wie Klaus, 67, der früher mal Buchhalter war, und sein Neffe Frank vom Bau, die beiden sind seit zwei Jahren auf der Platte, seit sie aus der Wohnung geflogen sind. Im Sommer schlafen sie auch schon mal auf dem Friedhof. Fürs nächste Jahr hoffen sie, dass sie eine der Übergangswohnungen ergattern können. Fürs erste freuen sie sich aber über den heißen Kaffee, den Renate ihnen einschenkt.

Von Claudia Atts