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Lokales Interview mit dem Kripochef: Wie sicher ist Dresden?
Dresden Lokales Interview mit dem Kripochef: Wie sicher ist Dresden?
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16:21 03.10.2019
Volker Lange, hier abgebildet auf dem Dach des Polizeipräsidiums, hat den Überblick. Seit 2017 ist er Chef der Dresdner Kriminalpolizei. Quelle: Anja Schneider
Dresden

Mord und Gewalt, Drogen und Einbrüche, Internetbetrug und Raub: Die Dresdner Kriminalpolizei hat reichlich zu tun. Fast 460 Polizisten sind Tag und Nacht für die Kripo im Einsatz. Im Interview mit den DNN erklärt ihr Chef, der Leitende Kriminaldirektor Volker Lange, wo die Beamten besonders gefordert sind und warum sich die Dresdner dennoch vergleichsweise sicher fühlen dürfen.

Herr Lange, Sie sind der Chef der Kri­minalpolizei. Ganz salopp ge­fragt: Wie kriminell ist Dresden wirklich?

Ich sage das aus voller Überzeugung: Dresden ist eine sehr sichere Stadt. Hier leben 560 000 Einwohner, täglich pendeln 40 000 Menschen in die Stadt und wir haben fast 300 000 Wohnungen. Dem stehen 49 000 Straftaten im Jahr ge­genüber. Setzt man das ins Verhältnis, dann ist das vergleichsweise we­nig. Natürlich ist jede Straftat eine zu­viel, erst recht, wenn man selbst betroffen ist. Aber im deutschlandweiten Vergleich ist Dresden unter den Städten mit mehr als einer halben Million Einwohner die viertsicherste.

5300 Straftaten von Zuwanderern – „Wenig Einfluss auf die Sicherheit der Bürger“

In den vergangenen Jahren sind sehr viele Asylsuchende nach Dresden gekommen. Immer wieder heißt es, die Kriminalität sei deshalb stark gestiegen. Stimmt das?

Von den 49 000 Straftaten gingen vergangenes Jahr et­wa 5300 aufs Konto von Zuwanderern. Das ist auf diese kleine Gruppe gerechnet relativ viel. In der Tat haben wir es aber hierbei mit einem eher kleinen Personenkreis zu tun, der uns Probleme bereitet. Von diesen wenigen jedoch auf alle Flüchtlinge zu schließen, halte ich für grundverkehrt. Man muss die besondere Situation dieser Menschen betrachten, die teils in großen Heimen untergebracht sind. Dort leben unterschiedliche Nationalitäten und Ethnien, Fa­­milien und Alleinstehende unter einem Dach. Alle das birgt ein enormes Konfliktpersonal. Auf die Sicherheit der Bürger hat das wenig Einfluss.

Kripochef Volker Lange

Volker Lange trat 1976 in den Polizeidienst der Landespolizei Baden-Württemberg. Nach der Ausbildung in Biberach/Riss und mehreren Verwendungen in Stuttgart und Ulm studierte er von 1989 bis 1992 an der Fachhochschule für Polizei und stieg danach in den gehobenen Polizeivollzugsdienst auf.

Nach seinem Wechsel in die Landespolizei des Freistaates Sachsen Ende 1992 arbeitete er im Rauschgiftdezernat und der Pressestelle des Landeskriminalamtes sowie im Innenministerium.

Nach seinem Studium an der Polizei-Führungsakademie in Münster war er bis 1998 im Landeskriminalamt als Inspektionsleiter tätig. Anschließend leitete er für vier Jahre das Referat Rechtsextremismus im Landesamt für Verfassungsschutz. Nach weiteren Verwendungen im Sächsischen Innenministerium kehrte er 2004 ins LKA zurück, wo er bis 2009 unter anderem das Dezernat Organisierte Kriminalität sowie das Referat Kriminalitätsbekämpfung leitete.

Ab August 2009 bis Ende 2016 leitete er schließlich die Abteilung „Spezialkräfte, Spezialeinheiten“ des Landeskriminalamtes.

Anfang 2017 folgte Lange auf Maik Mainda als Kripochef in Dresden. Mainda wechselte als Abteilungsleiter „Spezialkräfte, Spezialeinheiten“ ins Landeskriminalamt.

Volker Lange ist 60 Jahre alt, verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

Gilt das auch fürs Umfeld der Heime?

Ja. Dort haben wir keine besonderen Probleme. Was nicht heißt, dass es gar keine Probleme gibt. Wir ha­ben beim Ladendiebstahl Zuwächse. Das lässt sich nicht entschuldigen, aber erklären. Da sind junge Männer, die sehen, was Gleichaltrige haben – verfügen aber nur über ein begrenztes Budget. Es werden viele von ihnen erwischt und damit als Tatverdächtige registriert. Wie bereits gesagt handelt es sich um eine überschaubare Zahl von Mehrfach- und Intensivtätern, die für einen großen Teil der 5300 Straftaten verantwortlich ist. Es ist jedenfalls keineswegs so, dass man sich fürchten muss, wenn man draußen einen Asylbewerber trifft.

Der Begriff Gefährliche Orte legt etwas anderes nahe...

Die sind entstanden, weil es dort zu einer Häufung von Straftaten ge­kommen ist – und das unabhängig von der Nationalität der Tatverdächtigen. Vier dieser Orte liegen in der Äußeren Neustadt, zwei in der Altstadt und einer ist der Amalie-Dietrich-Platz in Gorbitz. Dort sind viele Menschen unterwegs und wir haben es oft mit Straftaten wie Körperverletzung oder Diebstahl zu tun. Der Dresdner Polizei ist es aber gelungen, durch eine Reihe von Maßnahmen vielerorts die Situation zu entschärfen.

Positive Entwicklung bei Autodiebstählen

Das Thema Gewalt haben Sie bereits angesprochen. Da gibt es seit Jahren einen klaren An­stieg zu verzeichnen. Und auch hier ist der Anteil der Nichtdeutschen hoch...

Bei der gefährlichen und schweren Körperverletzung hatten wir 2018 in Dresden 1077 Fälle – mit einer Aufklärungsquote von 73 Prozent. Davon sind 459 Beschuldigte nicht aus Deutschland, was neben Zuwanderern aber auch Touristen sein können oder Menschen, die be­reits lange hier leben und keinen deutschen Pass haben. Die Gewalt ist oftmals ein Problem der Zu­wanderer untereinander. Die Übergriffe von Zuwanderern auf Deutsche betreffen wenige Einzelfälle.

Auffällig ist auch, dass die Straf­taten rings ums Fahrzeug gestiegen sind. Geklaute Autos und Fahrräder, Pkw-Ein­brüche. Was steckt dahinter?

Bei den Autodiebstählen gibt es ei­ne durchaus positive Entwicklung. Die Zahlen gehen seit Jahren zu­rück. 2016 wurden 329 Autos ge­klaut, im vergangenen Jahr waren es 314. Das halten wir uns zugute. Wir haben gemeinsam mit dem Landeskriminalamt und den Kollegen aus Polen und Tschechien erfolgreich zusammengear­beitet, konnten verschiedene Banden zerschlagen. Und wir sind weiterhin sofort dran, sobald wir ei­ne Serie erkennen können.

Wie werde ich Polizist?

Polizist werden kann jeder, der die formalen Einstellungsvoraussetzungen erfüllt. Dazu zählen unter anderem die gesundheitliche Eignung und ein sauberes Vorstrafenregister. Außerdem müssen Interessenten ein Auswahlverfahren bestehen. Am Tag seiner Einstellung darf der angehende Beamte nicht älter als 35 Jahre sein.

Die Karriere startet mit einer Ausbildung oder einem Studium.

Die Ausbildung dauert 30 Monate und ist an einer der Polizeifachschulen in Leipzig, Chemnitz oder Schneeberg möglich. Mit bestandener Laufbahnprüfung erfolgt die Ernennung zum Polizeimeister.

Das Studium dauert drei Jahre und beinhaltet ein einjähriges Grundstudium in Bautzen und zwei weitere Jahre an der Hochschule der Sächsischen Polizei in Rothenburg. Im Anschluss winkt die Ernennung zum Polizeikommissar.

Geld verdient wird bereits in der Ausbildung. Der Polizeimeisteranwärter bringt es anfangs monatlich auf 1182,02 Euro, ein Po­lizeimeister dann zum Einstieg auf 2078,38 Euro. Wer studiert, erhält anfangs 1227,19 Euro, der Polizeikommissar steigt mit 2 319,66 Euro ein (alle Angaben für ledige Personen, Stand 1. Januar 2018).

Weitere Infos zur Karriere bei der sächsischen Polizei, zu Einstiegsmöglichkeiten und den späteren Verwendungsmöglichkeiten gibt es unter verdaechtig-gute-jobs.de.

Wie verhält sich das bei den Autoeinbrüchen?

Aktuell gibt es kleinere Serien. Da ist es mit der Strafverfolgung sehr schwierig, weil die Begehungsweise so simpel ist. Je­der kann sich einen Backstein greifen, die Scheibe eines Autos einschlagen und sich im Innenraum liegende Dinge schnappen. Auch wenn es schwer ist, Tatverdächtige zu stellen, gelingt es uns immer mal wieder. Besonders wichtig ist es, dass die Leute am besten erst gar keine wertvollen Dinge im Auto liegenlassen. Man darf nicht vergessen, ein Auto ist kein Tresor.

Klare Zuwächse gibt es in jedem Fall beim Fahrradklau. Über 3300 Räder verschwanden vergangenes Jahr ...

Mehr Fahrräder, mehr Diebstähle. Das ist ein klassisches Gelegenheitsdelikt. Überall stehen Fahrräder herum, an der Uni, am Bahnhof. Die Täter können es sich geradezu aussuchen, wo sie zugreifen, vor allem dann, wenn die Räder schlecht gesichert sind.

„Einem Süchtigen reichen ja 30 Euro für den nächsten Rausch“

Haben wir es hier mit Banden zu tun?

Nach unseren Erkenntnissen ha­ben wir es nicht mit Banden zu tun. Das sind Einzeltäter, die das Rad stehlen und dann oft verkaufen.

Ist das Beschaffungskriminalität?

Ja, zum großen Teil. Das ist mit dem Autoaufbruch genauso. Einem Süchtigen reichen ja 30 Euro für den nächsten Rausch.

Eine miese Masche ist der Enkeltrick, bei dem Rentner viel Geld einbüßen. Warum klappt das immer wieder?

Das beunruhigt tatsächlich viele äl­tere Menschen. Wir haben aber dafür gesorgt, dass Dresden für Trickbetrüger nicht attraktiv ist. Im vergangenen Jahr haben wir zwar 119 Versuche eines Enkeltricks gezählt – 14 Mal hatten die Täter Erfolg und richteten damit einen Schaden von fast einer Viertelmillion Euro an. Das ist aber im Vergleich zu anderen Großstädten sehr wenig. Dazu kommen Betrüger, die sich als falsche Polizisten ausgeben. Da hatten wir 48 Fälle, von denen 20 geklappt haben und bei denen die Täter insgesamt 50 000 Euro kassiert haben. Angerufen wird oft aus der Türkei, nicht selten sind das Deutsche, die ohne Dialekt reden und psychologisch entsprechend geschult sind.

Große Dunkelziffer beim Enkeltrick

Was unternimmt die Polizei dagegen?

Wir arbeiten sehr eng mit anderen Polizeidienststellen in Deutschland und in der Türkei zusammen. Inzwischen ist es gelungen, in der Türkei ganze Call-Center zu zerschlagen. Wenn sich Betroffene rechtzeitig bei uns melden, können wir den Geldabholer abfangen und gelangen so mitunter auch an Hinterleute. Leider gibt es die Fälle, in denen Angerufene ihr Geld herausrücken. Ich glaube, da gibt es auch eine große Dunkelziffer, weil Betroffene aus Scham schweigen oder dement sind. Letztlich ist dabei auch die soziale Situation ein Thema. Bei vielen sind die Kinder und Enkel weggezogen und melden sich oft nur telefonisch. Dann ruft eben auch mal einer an und sagt: ,Ich bin’s. Rate mal, wer dran ist?’

Um Hintermänner geht es auch bei der Drogenkriminalität. Ihre Kollegen sagen oft, dass es wichtiger sei, die zu schnappen, als die kleinen Fische auf der Straße. Wie schwierig ist das?

Wir haben 2018 einen kleinen Rückgang beim Rauschgift, kommen auf 2459 Fälle. Das sagt aber nicht viel aus. Wir sind tatsächlich bemüht, an die Hintermänner heranzukommen. Meine Mitarbeiter in Dresden und in den Außenstellen führen da einige richtig große Verfahren. Aktuell haben wir die Ermittlungsgruppe Eugen, die sich gegen eine türkisch-albanische Gruppierung richtet, die im großen Stil Rauschgift nach Dresden bringt. Da hat es bereits Festnahmen und Verurteilungen gegeben. Aber leider gibt es immer wieder neue, die deren Platz in dem Netzwerk einnehmen.

Wie gehen die Ermittler vor?

Wir versuchen, mit umfangreichen Telefonüberwachungen ranzukommen. Das wird immer schwieriger. Wenn sich eine fremdsprachige Gruppe am Telefon abspricht, brauchen wir viele Dolmetscher, die tagelang, wo­chen- oder gar monatelang live übersetzen. Hinzu kommt, dass die Verdächtigen ständig die Handys wechseln, immer neue SIM-Karten haben. Das ist ein riesiger Aufwand, genauso wie die Observation. Da sind wir über die Grenzen des Freistaats hinaus unterwegs. Letztlich sind wir dabei aber erfolgreich.

„Aktuell stocken wir beim Personal sogar auf“

In Richtung Tschechien gibt es den Vorwurf, dass dort nicht genug getan wird, um gegen die Drogenküchen hinter der Grenze vorzugehen. Ist das berechtigt?

Die Kritik ist unberechtigt. Wir arbeiten eng mit den Kollegen in Tschechien zusammen. Da wird intensiv gegen die Rauschgiftküchen vorgegangen. Das merken wir dadurch, dass beim Crystal die Preise gestiegen sind und die Droge auch schwerer erhältlich ist. Zudem hat Tschechien ein neues Gesetz zum Crystal-Grundstoff Ephedrin erlassen, das die Beschaffung erschwert. Anderseits ist es eben auch sehr einfach, so eine Crystal-Küche einzurichten und es gibt beiderseits der Grenze viele leerstehende Gebäude.

Sachsen hat über Jahre bei der Polizei tüchtig eingespart. Für jedermann wahrnehmbar ist das, weil draußen deutlich weniger Streifenwagen unterwegs sind. Wie sehr hat die Rotstift-Politik die Kripo getroffen?

Im Gegensatz zum Streifendienst war die Dresdner Kriminalpolizei nicht so stark betroffen. Aktuell stocken wir beim Personal sogar auf. Vergangenes Jahr haben wir zwölf neue Kollegen bekommen, worüber ich übrigens sehr froh bin. Neben den Streifen der Polizeireviere sind jetzt rund um die Uhr drei Zivilstreifen unterwegs, die schwere Straftaten bearbeiten. Und es soll weiter aufgestockt werden. Das ist auch dringend nötig. Denn wie beim Thema Rauschgift gezeigt: Die Verfahren sind komplizierter ge­­worden, dauern länger und sorgen damit für eine höhere Arbeitsbelastung.

Tatort Dresden – Die komplette Serie

Auf Nachtschicht mit dem Kriminaldauerdienst

Polizeihauptkommissar Andreas Scholz trainiert die Dresdner Polizei am Schießstand

110: Der Polizist am anderen Ende der Leitung des Notrufs

Die Brandursachenermittlerin

Das Lagezentrum

Die Verkehrspolizei

Das Polizeiorchester

Die Streifenpolizei

Der Mordermittler

Die Ausrüstung

Der Staatsschutz

Die Pressestelle

Das Interview mit dem Kripo-Chef

Von Sebastian Kositz und Uwe Hofmann

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