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Lokales Dresdens Henker – Eckpfeiler der mittelalterlichen Gesellschaft?
Dresden Lokales Dresdens Henker – Eckpfeiler der mittelalterlichen Gesellschaft?
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17:13 27.01.2020
Tausende Playmobil-Figuren locken noch bis 15. März ins Schoss in Altenburg. Dem Mann in diesem (Schand-)Karren droht wohl Ungemach. Quelle: C. Ruf
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Dresden

Der savoyische Staatsmann, Schriftsteller und politische Philosoph Joseph de Maistre ist ein schwieriger Fall für die politische Ideenforschung. Er erlebte das Ende des Ancien Régime, die Französische Revolution 1789 und die postnapoleonische Restauration Europas mit. Angeregt von dieser (mal wieder) höchst ereignisreichen Epoche der europäischen Geschichte, verfasste de Maistre ein Werk, das nach Maßstäben von heute viele zum Protest herausfordert.

Seine Lobeshymnen auf den Scharfrichter, die Verurteilung der Französischen Revolution mit ihren Gewaltexzessen als Machwerk der Aufklärung und das Insistieren auf der Allgegenwart der göttlichen Vorsehung hinterlassen einen verstörenden Eindruck auf zartbesaitete Leser des 21. Jahrhunderts. „Der Mensch ist nicht gut genug, um frei zu sein“, ist noch das harmloseste der Aperçus Maistres, der in seinem Hauptwerk „Abendstunden zu St. Petersburg, oder Gespräche über das Walten der göttlichen Vorsicht in zeitlichen Dingen“ u. a. einen Senator versichern lässt, dass ein Henker der Grund-und Eckpfeiler der Gesellschaft sei.

Umwuchert „reiche Folklore“ den Beruf des Henkers?

Nun könnte man durchaus auch fragen, ob Maistre nicht vielleicht auch als Vordenker moderner Ideologiekritik oder gar als Wegbereiter der Totalitarismusforschung angesehen werden kann. Wie auch immer – zu Beginn von Kapitel LVII seiner „Expertenrevue in 89 Nummern“ (Suhrkamp Verlag, 336 Seiten, 24 Euro) konstatiert der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger: „Niemand hat den Henker höher geschätzt als Joseph de Maistre“, um dann gründlich auf den Berufsstand des Henkers bzw. Scharfrichters einzugehen. Enzensberger hält fest, dass eine „reiche Folklore“ den Beruf umwuchert. Wo darf der Scharfrichter in der Kirche sitzen? An welcher Tafel darf er mitessen? Wen darf er heiraten?

Düster, unnahbar, mit Kapuze und Richtbeil – dieses Bild des Henkers hat sich bis heute gehalten. Quelle: C. Ruf

Bereits im Römischen Reich gab es das Amt des carnifex. Aber erst im 13. Jahrhundert wurde daraus ein anerkannter Beruf. Das Scharfrichteramt bildete sich letztlich im Zusammenhang mit der Professionalisierung des Strafvollzugs heraus. Der erste Scharfrichter wurde laut Enzensberger 1276 im Augsburger Stadtrecht erwähnt – die Stadt am Lech war eine Großstadt damals, Dresden an der Elbe hingegen noch ein kleines Kaff. Aber bald hatte auch Dresden einen Henker, der auch gut zu tun hatte.

Die Enthauptung per Schwert war die mildeste Strafe. Diebe hängte man am Galgen, bis die Körper verwesten! Muttermörder wurden gerädert und gevierteilt! Vorher riss man ihnen mit glühenden Zangen Fleisch aus dem Leib! Kindsmörderinnen wurden in einen Sack gesteckt und in der Elbe ertränkt, Kirchenräuber auf dem Scheiterhaufen verbrannt oder lebendig zerkocht. Hexenverbrennungen waren in Dresden eher die Ausnahme – im Gegensatz zu (viel zu vielen) anderen Landesteilen, wo man glaubte, Seelen zu „retten“, wenn man die Balken qualmen ließ.

Früh übt sich – an Tieren

Manchmal genügte es, einen Segen auszusprechen, um vor Gericht zu landen. 1659 wurde George Fischer aus Kötzschenbroda vor dem Amt Dresden angeklagt. Zu diesem Zeitpunkt 67 Jahre alt, konnte er Menschen und Vieh heilen, besonders aber Menschen helfen, die ihres Verstandes verlustig geworden waren. Bürgern Meißens oder Seußlitz’ hatte er helfen können, ja sogar dem Stadtschreiber von Radeberg, aber nun stand Fischer, den die Leute nach seiner eigenen Aussage ob seiner Fähigkeiten „Doktor“ nannten, vor Gericht. Einen Segen sprechen? Offenbar Blasphemie.

Wer waren nun diese Henker? In Band 1 des 1874 erschienen Buches „Der Sagenschatz des Königreichs Sachsen“ ist zu lesen: „Den 22. Februar 1647 starb zu Dresden in seinem 41sten Jahre Melchior Wahl, Nachrichter allhier; er hieß von Dreißigacker, welchen Namen und Adel er von Churfürst Johann Georg I. als Belohnung für seine Geschicklichkeit erhielt, daß er einst einem Geköpften ein Stück ausgestochenen Rasen auf den Hals gelegt und ihn also an der Hand noch über dreißig Acker geführt hat.“

Eine entsprechende gute Klinge führte auch Kunz Polz. Unweit vom Pulverturm enthauptete er anno 1601 auf dem Neumarkt den umstrittenen Kanzler Nikolaus Krell – mit nur einem einzigen Schwertstreich. Da es bekanntlich heißt „Früh übt sich, wer ein Meister werden will“, begann die Ausbildung zum Henker schon zeitig, in der Regel erfolgte die Meisterprüfung dadurch, dass man eine Enthauptung nach allen Regeln der Kunst ausführte. Dafür probte man fleißig – an Tieren. Auch im Foltern musste man versiert sein.

Als Vorstufe der peinlichen Befragung galt die Territion (Schreckung), in welcher dem Angeklagten die Folterinstrumente vorgeführt und erläutert wurden. Folter war im Mittelalter allgemein akzeptiert, sie galt als Instrument des Gottesurteils.

Vorab wurde geprüft, ob das Opfer die Folter auch überlebt

Nicht zur Folter kam es im Fall der der Wahrsagerei und der Zauberei verdächtigten Frau Fuchsin aus Pirna, bei der man 1560 drei Zauberbüchlein und einen Kristall fand. Man hatte sie deswegen verhaftet, aber da sie ein Geständnis ablegte, wurde nicht nur keine Folter gefordert, sondern wohl auch keine Spruchbehörde eingeschaltet. Letztlich erging eine Order von der landesherrlichen Kanzlei in Dresden, nach der der Ehemann sein Hab und Gut verkaufen und das Ehepaar die Landesherrschaft verlassen solle, wie Manfred Wilde seinem 2003 im Kölner Böhlau Verlag erschienenen Buch „Die Zauberei und Hexenprozesse in Kursachsen“ wissen lässt.

Da der zu Folternde nicht sterben sollte, musste der Henker ihn zuvor untersuchen, um zu klären, ob er die Folterung überleben würde. Bei Verstümmelungsstrafen hatte er dafür zu sorgen, dass die Wunde nach Vollstreckung der Urteile verbunden wurde, denn der Verurteilte durfte nicht nach der für ihn gerechten Bestrafung verbluten! Im achtzehnten Jahrhundert war es dann Vorschrift, als Henker Heilsalbe und Verband bei Verstümmelungsstrafen mitzubringen. Aparte Logik, oder? Das ist in etwa so, als würde ein Auftragskiller die Kugeln, die er zu benutzen gedenkt, vor dem Gebrauch putzen – um zu verhindern, dass sein Opfer an einer Infektion stirbt.

Henker bzw. Scharfrichter wurden für ihre Dienste gut bezahlt – nicht selten zählten sie zu den reichsten Bürgern der Stadt – auch weil es an echten wie vermeintlichen Bösewichten nie mangelte. Das war die positive Seite des Berufsstandes, die negative war, dass er wie der des Abdeckers oder Totengräbers als ehrlos galt. Henker waren de facto Ausgestoßene der Gesellschaft und mussten nicht selten außerhalb der Stadt leben. Jeder Kontakt war unangenehm, deshalb war der Henker verpflichtet, in der Öffentlichkeit knallbunte Kleidung zu tragen, um sich schon von Weitem zu erkennen zu geben. Bei der Ausübung des Berufes trugen fast alle Henker eine Kapuze. Dies taten sie aber nicht, um anonym zu bleiben, dafür waren sie zu bekannte Persönlichkeiten. Vielmehr versuchten sie, sich dadurch vor einem Fluch oder dem bösen Blick des Delinquenten zu schützen.

Für unzüchtige Frauen galt der „Tanz mit dem Henker” als besondere Strafe. Und Witze, zum Teil mit hohem Kalauerfaktor, wurden über Henker gerissen, etwa: „Wieso verirrt sich der Henker auf dem Rückweg? Er kennt nur die Hinrichtung.“

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Wie der eingangs erwähnte Hans Magnus Enzensberger konstatiert, bildeten sich erbliche Henkergeschlechter heraus. Auch in Sachsen gab es regelrechte Familienverbände. Am bekanntesten waren die aus Dresden stammenden Heinze und die mit ihnen verschwägerten Volz und Polster, die ihren Dienst als Scharfrichter und Abdecker u. a. auch in Dippoldiswalde, Döbeln und Lommatzsch versahen.

Bis weit in das 16. Jahrhundert hinein war die Anzahl der Scharfrichter in den wettinischen Landesherrschaften noch relativ gering, denn der Wirkungsbereich war nicht (nur) auf einen bestimmten Gerichtsbezirk beschränkt. Städte und Dörfer waren oft gemeinsam zu Besoldung und Unterhalt eines Scharfrichters verpflichtet.

Strafen wie Rädern wurden gesondert besoldet

Nach einer Verordnung von Herzog Georg dem Bärtigen von anno 1493 hatte der Scharfrichter von Dresden auch die Hinrichtungen in den Städten und Ämtern Dippoldiswalde, Freiberg, Hain, Meißen, Pirna, Radeberg und Lommatzsch durchzuführen, wofür er einen Jahreslohn von 50 Gulden erhielt. Die für die jeweilige Urteilsvollstreckung notwendigen Utensilien wurde ihm zur Verfügung gestellt. Der Henker wird in den Ratsakten im 15. Jahrhundert auch Temmerer, Züchtiger, Nachrichter, Scharf- oder Blutrichter genannt. Zu seinen Aufgaben gehörte es auch, wie Manfred Wilde festhält, herrenlose Hunde wegzufangen und zu töten.

Neben einem festen Lohn bezog ein Henker bzw. Scharfrichter im Spätmittelalter für einen Strafvollzug eine gesonderte Besoldung, so beispielsweise für das Rädern 30 und für andere Strafen meist 15 Groschen. Auch bezog der Dresdner Scharfrichter ebenso wie der Fronbote laut Wilde einen Zins von einem Groschen wöchentlich aus dem Frauenhaus – beide hatten zu überwachen, dass im horizontalen Gewerbe alles mit rechten Dingen zuging. Als Wohnung wurde dem Dresdner Scharfrichter ein Haus im Loche, in der Nähe der Büttelei und des Frauenhauses, zur Verfügung gestellt.

Von Christian Ruf

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