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Lokales Dresdens 13. Februar bleibt kontrovers: Eine Erwiderung auf die Thesen der SPD
Dresden Lokales Dresdens 13. Februar bleibt kontrovers: Eine Erwiderung auf die Thesen der SPD
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07:44 03.09.2019
Der Historiker Justus H. Ulbricht Quelle: Archv
Dresden

„SPD: Menschenkette nicht mehr zeitgemäß“ las man am vergangenen Mittwoch auf der Titelseite der DNN. „Moderne Erinnerungskultur geht anders“ meint die SPD-Stadtratsfraktion, „spricht der Stadt eine Sonderrolle ab und fordert den Blick übers Elbtal hinaus.“ Der 13. Februar sei nur ein Baustein der Stadtgeschichte, heißt es weiter ...!

Worum geht es denn der hiesigen SPD? Deren Fraktionsvorsitzende, Dana Frohwieser, versucht im Interview das Anliegen zu erläutern – was neue Fragen aufwirft und Erstaunen hervorruft.

AG 13. Februar unterschätzt?

Denn wer in den vergangenen zehn Jahren aufmerksam ins Elbtal hineingeschaut hat, weiß, dass das, was als Innovation im SPD-Strategiepapier „Lebenswertes Dresden“ daher kommt, längst in der Diskussion ist. Greift die SPD also nur auf, was in der Zivilgesellschaft längst unterwegs ist, kennt sie die Debatten um die lokale Erinnerungskultur oder ignoriert sie gar bestimmte Fortschritte – gerade im Umgang mit dem Datum 13. 2.?

Die AG 13. Februar scheint mir jedenfalls unterschätzt zu werden; ersetzen wolle man diese durch eine neue „Plattform“. Doch die besitzen wir schon mit der AG, deren größtes Dilemma ist, dass viele ihr fernbleiben. Die Masse der für die Sitzungen vorbereiteten Namenschilder bleibt meist ungenutzt. Die Stärke der Runde aber ist es, nicht einer Meinung zu sein, doch Differenzen respektvoll auszutragen – um schließlich einen Konsens zu finden, der zum jährlichen Aufruf für die Menschenkette führt.

Votum gegen Krieg und Gewalt

Apropos, diese Kette ist keine „sinnentleerte Institutionalisierung“ unzeitgemäßer Rituale. Sie steht symbolisch für ein Votum gegen Krieg und Gewalt, gegen die Vereinnahmung des Gedenkens durch politische Extremisten. Diejenigen, die dort stehen, dürfen in Minuten der Stille denken, was sie möchten. Gemeinsam ist ihnen nur der Wille zum sichtbaren Signal inmitten unserer Heimatstadt. Zugleich ist man Erbe anderer Menschenketten, die sich seit 30 Jahren an anderen Orten der Welt selbst- und gegenwartsbewusst zusammengefunden haben.

Die SPD-seits beklagte Fixierung der lokalen Erinnerungskultur auf den 13. Februar ist – wie mir scheint – Geschichte. Jedes Jahr sorgen dutzende von Veranstaltungen dafür, dass man nicht nur auf die Dresdner Toten schaut, sondern auf alle Opfer von Krieg und Gewalt, Vertreibung und Völkermord – auch die „Ökumenische Versammlung für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“ (1988) ist unvergessen. 2017 erinnerte der „Aufruf“ zum 13. 2. an die Kriege in Syrien und der Ukraine; 2018 an alle „Opfer von Nationalsozialismus und Krieg, Hass und Zerstörung“. 2019 war man sich bewusst, dass „private und öffentliche, nationale und internationale Geschichtsbilder“ zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft, Milieus und Nationen zu Konflikten führen können – die es zu debattieren und auszugleichen gelte. 2020 wird der Aufruf zum „starken Einsatz“ für „unsere Grundwerte wie Mitmenschlichkeit und Respekt“ ermuntern.

Anders und kreativ weiter erzählen

Von einer „Sonderrolle“ Dresdens oder gar der Singularität des 13. 2. kann pauschal also längst nicht mehr die Rede sein. Spätestens der Täterspuren-Mahngang, aber auch Initiativen wie die IG 13. 2., Vereine wie Denk Mal Fort oder memorare pacem haben den al­ten Nachkriegs-Mythos der „unschuldigen Stadt“ längst destruiert; die Forschung konnte mit dieser aufklärerischen Geste inzwischen hunderte Seiten füllen. „Um Europa und Weltoffenheit“ kämpfen seit langem Vereine, Verbände und Kunstenthusiasten, die zudem nicht vergessen haben, dass es „Demokratie, Freiheit und Einheit sind, die uns vor Kriegsgräuel und politischer Verfolgung schützen“. Auch hier also scheint die SPD-Forderung nach einer Neuorientierung oft schon eingelöst zu sein.

Allerdings wird es in den nächsten Jahren unser aller wichtige Aufgabe sein, speziell den 13. Februar nach 75 Jahren anders und kreativ weiter zu erzählen. Dies zumal, weil die Erlebnisgeneration und deren Kindeskinder immer älter werden, oft schon abgetreten sind und mit ihren persönlichen Erinnerungen so manchen Nachgeborenen nicht erreichen.

Ist die Menschenkette noch zeitgemäß?

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Typische Stadt auf der Landkarte des 20. Jahrhunderts

Auch die „Meilensteine der Freiheit und Demokratie“ könnten sichtbarer sein, die Daten (17. 6. 1953, 8. 10. 1989 und 9. 5. 1849) sind bekannt – doch bisher gedenkt oder feiert die Dresdner Zivilgesellschaft an jenen Tagen nicht (und die SPD?).

Wie weit die „Rückbesinnung auf die kulturellen Wurzeln unserer Stadt“ (Frohwieser) wirklich trägt im demokratischen Meinungskampf um die Erinnerung, wird sich im Alltag immer wieder beweisen müssen. Denn Dresden war zwar immer „interkulturell und international geprägt“ – hat dieses Erbe aber auch ignoriert oder gar mit Füßen getreten.

Insofern ist „Elbflorenz“ eine typische Stadt auf der Landkarte des 20. Jahrhunderts, jenes „Zeitalters der Extreme“. Seine, unsere, Geschichte bleibt vieldeutig und ein Streitfall in der Bürgerschaft. Welche „Bausteine“ wir künftig zusammensetzen, müssen wir aushandeln – hoffentlich in „Einigkeit und Recht und Freiheit“.

Dr. Justus H. Ulbricht ist Redakteur der „Dresdner Hefte“ und Geschäftsführer des Dresdner Geschichtsvereins.

Von Dr. Justus H. Ulbricht

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