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Lokales Dresden will viel bauen, doch es gibt immer weniger Interessenten
Dresden Lokales Dresden will viel bauen, doch es gibt immer weniger Interessenten
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10:52 28.09.2018
Bauarbeiter auf einem Gerüst: Baufirmen können sich ihre Auftrage derzeit aussuchen. Das Nachsehen haben Auftraggeber. Quelle: dpa/Sebastian Kahnert
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Dresden

Mitglieder des Ausschusses für Wirtschaftsförderung können es genau beobachten: „Bei vielen Ausschreibungen gibt es wenige oder gar keine Gebote“, sagt Steffen Kaden, Wirtschaftspolitiker der CDU-Fraktion. „Uns fehlen immer öfter die Bieter“, hat Kristin Sturm festgestellt, wirtschaftspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion. „Die Kapazitäten der Dresdner Wirtschaft sind ausgebucht. Bei einigen Vorhaben kommen wir nicht mehr über die Runden“, meint Torsten Schulze, Wirtschaftspolitiker von Bündnis 90/Die Grünen.

Holger Zastrow, Vorsitzender der Fraktion FDP/Freie Bürger, der in vielen Gremien sitzt, die über architektonische Entwürfe entscheiden, hat einen Qualitätsverlust beobachtet. „Ich habe den Eindruck, dass die Architekturbüros voll ausgelastet sind und deshalb immer weniger und schlechtere Beiträge eingereicht werden.“

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Budgetüberschreitung oder Termintreue?

Axel Walther, Geschäftsführer der städtischen Tochter Stesad GmbH, spricht von einer dramatischen Entwicklung: „Wir müssen eine Ausschreibung nach der anderen aufheben, weil es keine Angebote gibt.“ Jüngstes Beispiel: Bei der Sanierung der 15. Grundschule musste die Stesad die Ausschreibung von gleich fünf Losen mangels Bewerber aufheben. Das Problem: „Wir schreiben jetzt neu aus, da gehen ein bis zwei Monate ins Land, ehe wir die Aufträge vergeben können.“

Die Fertigstellungstermine geraten außer Sichtweite, zumal sich die aufgehobenen Ausschreibungen selten an die Bauablaufpläne halten. „Das ist ein willkürlicher Prozess“, so Walther, „aber wenn Baustelleneinrichtung und Erdbau wegfallen, kann man nicht anfangen.“

Bei einigen Ausschreibungen gebe es auch Angebote, die aber deutlich über den Preiserwartungen liegen würden, so der Geschäftsführer. „Dann stecke ich in einer Zwickmühle: Entweder akzeptiere ich den hohen Preis und überschreite das Budget. Oder ich hebe die Ausschreibung auf und kann die Termine nicht halten.“

Den Zuschlag für den Wohnungsbau an der Ulmenstraße erhielt letztlich ein Unternehmen aus dem Umland. Quelle: Anja Schneider

Ursache für die Marktentwicklung ist die seit langem anhaltende Konjunktur. „Für das Investitionsprogramm, das in Dresden gerade läuft und für die Zukunft vorgesehen ist, sind die lokalen Kapazitäten in der Bauwirtschaft massiv ausgeschöpft und nicht ausreichend“, konstatiert Walther. Für den Bau eines Wohnhauses mit 22 Sozialwohnungen in der Ulmenstraße sei kein einziges Angebot gekommen, den Zuschlag erhielt letztlich ein Unternehmen aus dem Umland.

Die Stesad betreut 25 Schulbauvorhaben von kleineren Maßnahmen bis hin zum Neubau des Schulcampus in Pieschen. Walther fordert eine Diskussion über die Frage, wie viele Projekte zur gleichen Zeit realistisch verwirklicht werden können. „Sollte man immer mehr planen, weil sich die Steuereinnahmen positiv entwickeln? Oder sollten nicht auch Projekte verschoben werden?“

„Wann sollte man ein Unternehmen gründen wenn nicht jetzt?“

Die Stesad, so Walther, bemühe sich, ihre Ausschreibungen so einfacher und attraktiver zu gestalten, damit sich auch kleinere Unternehmen bewerben könnten. „Gemeinsam mit der Handwerkskammer suchen wir auch nach Wegen, wie wir unsere Ausschreibungen besser platzieren können, so dass die Unternehmen darauf aufmerksam werden.“ Man müsse sich aber auch fragen, welche Projekte für größere, überregionale Unternehmen geeignet seien. „Wir müssen Kapazitäten erschließen, die sich bei klassischen Losvergaben nicht binden lassen“, meint der Geschäftsführer und verweist auf das Verfahren des Wettbewerblichen Dialogs, bei dem ein Generalübernehmer den Auftrag zum Festpreis abarbeitet.

In der Phase der Hochkonjunktur könne der Wettbewerbliche Dialog sein Mittel sein, auf knappe Ressourcen zu reagieren. „Viele Abläufe haben wir aber auch selbst in der Hand“, erklärt Walther und verweist auf die sogenannte BIM-basierte Projektsteuerung, bei der alle Abläufe an einem dreidimensionalen Modell des Vorhabens geplant werden. „Hier lassen sich Fehler und Kollisionen schon in der Planung und nicht erst auf der Baustelle erkennen.“

Die Stesad verwirkliche auch die ersten Projekte im sogenannten „lean takt management“, bei dem verschiedene Abschnitte auf der Baustelle komplett abgearbeitet werden. „Da kommen die Probleme im ersten lean takt auf den Tisch und man kann von Abschnitt zu Abschnitt besser werden“, so Walther. Was dabei hilft, die Termine einzuhalten.

Die Stadtverwaltung musste laut Finanzbürgermeister Peter Lames (SPD) in diesem Jahr ungefähr zehn Ausschreibungen mangels Bewerber aufheben. Krass: Die Stadtentwässerung Dresden hat für einen Auftrag mit einem Volumen von 3,5 Millionen Euro im ersten Anlauf keinen Interessenten gefunden, wie Geschäftsführer Ralf Strothteicher mitteilte.

Für Zastrow könnte der Ausweg auf dem Dilemma in einer neuen Gründerzeit liegen: „Wann sollte man ein Unternehmen gründen wenn nicht jetzt?, fragt er und fordert: „Die Stadt sollte ein Klima erzeugen, in der neue Firmen entstehen und wachsen können.“

Von Thomas Baumann-Hartwig