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18:21 23.04.2018
Tabletten gehören nicht in den Ausguss, sondern in die Restmülltonne oder auf den Wertstoffhof. Ein einheitliches Rücknahmesystem wäre hilfreich. Quelle: Foto: Anja Schneider
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Dresden.

Was haben Ärzte und Apotheker auf einer Kläranlage zu suchen? „Das dürfte deutschlandweit die erste Veranstaltung sein, die alle Akteure zusammenbringt“, erklärte Michael Albrecht, Vorstand des Universitätsklinikums Dresden. Arzneimittelspuren im Abwassser war am Montag das Thema eines Symposiums der Stadtentwässerung Dresden (SEDD) auf der Kläranlage in Kaditz, bei dem verschiedenste Experten über ein Ziel diskutierten: Wie können Trinkwasser, Gewässer und Böden sauber gehalten werden? Nur ein interdisziplinärer Ansatz und eine gesamteuropäische Betrachtung könnten gefährliche Entwicklungen aufhalten, hieß es.

Wie gelangen die Wirkstoffe von Arzneimitteln ins Abwasser?

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Auf drei Wegen: Durch unsachgemäße Entsorgung, durch das Abwaschen von Salben und durch Ausscheidung. „Viele Menschen gießen abgelaufene flüssige Medikamente in den Ausguss, damit sie die Flasche fachgerecht entsorgen können“, hat Gunda Röstel beobachtet, kaufmännische Geschäftsführerin der SEDD.

Wie ist die Entwicklung?

Der Eintrag von Arzneimitteln ins Abwasser wird zunehmen. Die Gesellschaft altert, ältere Menschen nehmen mehr Medikamente ein. Hinzu kommt: Das Universitätsklinikum behandelt laut Albrecht 4000 Krebs-Patienten im Quartal. „Diese müssen für Röntgenuntersuchungen Kontrastmittel einnehmen, werden mit Chemotherapien behandelt“, so der Vorstand. Untersuchungen sagen eine Steigerung des Arzneimittelkonsums bis 2045 in einem Korridor von 43 bis 68 Prozent voraus.

Gibt es Anlass zu Sorge?

Röstel warnt vor „Alarmismus“. „Eine Gefährdung für das Trinkwasser gibt es nicht.“ Natürlich gebe es multiresistente Keime in der Elbe, so die Geschäftsführerin. Aber niemand könne vorhersagen, wieviele Liter Elbwasser eine Person trinken müsse, um sich zu infizieren.

Kann die Kläranlage die Schadstoffe nicht herausfiltern?

„Nein!“, sagt Röstel. Selbst eine vierte, fünfte oder zehnte Reinigungsstufe könnten den Eintrag von Arzneimittelresten in die Umwelt nicht verhindern. Zwar sei es für Politik und Verwaltung bequem, die Entsorgungsbetriebe in die Verantwortung zu nehmen. Aber, warnte Röstel, kein Verfahren sei frei von Nebenwirkungen. „Wir brauchen Klarheit über die Risiken“, forderte sie, es sei nicht ausgeschlossen, dass auf Kläranlagen Mikroorganismen mit hohen Resistenzen im Bemühen gezüchtet würden, Arzneimittelreste vollständig abzubauen. Röstel verwies auch darauf, dass eine hochgerüstete Kläranlage in Dresden wenig verändere, wenn die Kollegen im tschechischen Usti nad Labem nicht mitziehen würden. „Wir brauchen einheitliche Regeln in Europa“, forderte sie.

Wer ist bei der Thematik noch gefordert?

Die Pharmaindustrie, die umweltfreundliche Arzneimittel entwickeln sollte. Die Ärzte, die die Verschreibung von Antibiotika genau abwägen sollten. Die Politik, die einheitliche Regeln für die Rücknahme abgelaufener Arzneimittel aufstellen müsste. Schließlich die Wissenschaft, die Wirkungen von Arzneimitteln und deren Reste im Abwasser unter die Lupe nehmen sollte.

Gibt es Forschungsprojekte?

Am Institut für Siedlungs- und Industriewasserwirtschaft der TU Dresden forscht Professor Peter Krebs im Verbundprojekt „MikroModell“ über Arzneimittelrückstände. Er untersucht das Abwasser der Kläranlagen in Kaditz, Chemnitz und Plauen auf 15 Arzneimittel und 13 Antibiotika. „Medikamente werden zu einem großen Teil unverändert wieder ausgeschieden“, hat der Wissenschaftler beobachtet. Die Behandlung der Abwässer mit Ozon und Aktivkohle würden die Reinigung verbessern.

Was kann ein Krankenhaus tun?

„Obwohl unsere Patientenzahlen in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen sind, haben wir den Verbrauch an Antibiotika um 17 Prozent gesenkt“, erklärte Albrecht. Stationsapotheken würden dazu führen, dass hervorragenden Operateuren hervorragende Pharmakologen zur Seite gestellt würden, die die Medikamentation der Patienten optimieren könnten. Die Tagesdosen der Patienten würden zentral hergestellt, das führe zu weniger abgelaufenen Medikamente. „Wir als Universitätsklinikum fühlen uns zuständig für Innovationen und werden bei dieser Thematik nicht mehr lockerlassen“, kündigte der Vorstand an.

Welche gesetzlichen Grundlagen könnte die Politik schaffen?

Eine Verschreibungspflicht für umweltschonende Medikamente sei eine vielversprechende Möglichkeit, erklärte die Juristin Professor Liv Jaeckel von der Bergakademie Freiberg.

Ist der Mensch der einzige Verursacher von Arzneimittelrückständen?

Nein. Die Tierhaltung produziert auch große Mengen. So würden Antibiotika von Geflügelhaltern verwendet, erklärte Albrecht. Nicht nur, um die Ausbreitung von Infektionen bei der Massentierhaltung zu verhindern, sondern auch, weil Antibiotikagaben eine Gewichtssteigerung bei den Tieren hervorrufen. „Mit einem Hühnchen kann man seinen Wochenbedarf an Antibiotika decken“, erklärte der Vorstand.

Von Thomas Baumann-Hartwig

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