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Lokales Dresden kritisiert die Schulpolitik Sachsens
Dresden Lokales Dresden kritisiert die Schulpolitik Sachsens
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20:07 18.10.2019
In Dresden gibt es auch Schulstandorte in schwierigem Umfeld. (Symbolblid) Quelle: Marijan Murat/dpa
Dresden

Die erste Zwischenbilanz für die Umsetzung der Bildungsstrategie in Dresden fällt positiv aus. Bildungsbürgermeister Hartmut Vorjohann (CDU) will das bundesweit auf Interesse stoßende Projekt noch weiterentwickeln und richtet dabei auch deutliche Worte an den Freistaat Sachsen.

Die Stadt erhöht in Kindereinrichtungen mit sozial problematischem Umfeld die Personalzahl deutlichund setzt auch zusätzliche Fachleute ein – lebenslagensensible Kita heißt das dann. Neun Kindereinrichtungen in Trägerschaft der Stadt und vier von freien Trägern profitieren davon. „Wir glauben, dass die Interaktionsqualität anders sein muss und auch die Interaktionsquantität“, erklärt Sabine Grohmann, Abteilungsleiterin Strategisches Management aus dem Bereich von Vorjohann. Was sich so kompliziert anhört, ist eigentlich relativ simpel. Je intensiver sich Erzieher mit den Kindern befassen können, desto besser.

Lernen geht nur in Balance

Grohmann hat dafür Beispiele parat. Manche Kinder sind nicht in Balance, wenn sie in die Kita kommen. Sie hatten womöglich wenig Schlaf, wenig Zeit fürs Frühstück oder gar keine. „Lernen geht aber nur, wenn Kinder in Balance sind“, erklärt Grohmann. Dafür müssen dann zunächst die Kita-Mitarbeiter sorgen. Außerdem: Kinder lernen durch Sprachvorbilder, das können die Eltern sein, aber auch Fachkräfte. Doch dafür brauchen sie Zeit. An den Lebensverhältnissen der Kinder, an ihrem familiären Umfeld könne die Kita nichts ändern, meint Grohmann.

Bürgermeister Hartmut Vorjohann CDU Beigeordneter für Bildung und Jugend. Quelle: Anja Schneider

Defizite in der Sprache, der Fein- oder Grobmotorik sollten nicht erst bei der Vierjährigen-Untersuchung, sondern frühzeitig aufgedeckt werden, indem die Erzieher die Entwicklung der Kinder ab dem 24 Monat alljährlich einschätzen.

Grundsätzlich sollen dabei auch gruppendynamische Prozesse nicht ausgeklammert werden, daher sei das Konzept nicht auf das einzelne Kind, sondern auf Einrichtungen bezogen, wo sich bestimmte Probleme häufen. Die Stadt hat dazu umfangreiche Analysen betrieben zur Arbeitslosenquote, Jugendarbeitslosigkeit, Alleinerziehendenanteil, Bildungsempfehlungen, Migrationshintergrund, Sprachauffälligkeiten bei Vorschulkindern und anderem.

Kosten von 7,5 Millionen Euro pro Jahr

Für Erzieher und Leitungspersonal gibt es Weiterbildungsprogramme, für die auch zunächst mit zusätzlichem Personal die Voraussetzungen geschaffen werden mussten, um nicht Löcher in die Betreuung zu reißen. Mit dem verbesserten Verhältnis von Mitarbeiterzahl zu Kinderzahl soll nicht einfach weiter gearbeitet werden wie bisher. „Wir haben ein umfangreiches Konzept entwickelt, wie sich tatsächlich auch die Qualität der Betreuung durch andere Personalstrukturen verbessern kann“, erklärt Grohmann auch mit Verweis auf die wissenschaftliche Unterstützung durch das Forschungs- und Entwicklungsinstitut PädQuis gGmbH und das Zentrum für Forschung, Weiterbildung und Beratung an der ehs Dresden.

Dafür wurde in den letzten Wochen das geeignete Personal gesucht. Es geht dabei nicht nur um Erzieher, sondern auch um Logopäden oder Ergotherapeuten und andere Professionen. Multiprofessionelles Team heißt das Stichwort dazu. Die Suche ist nicht einfach. Der Bedarf an Erziehern ist riesig, weil schon allein aufgrund steigender Kinderzahlen grundsätzlich mehr Personal gebraucht wird, die Ausbildungskapazitäten aber kaum hinterherkommen. 80 Prozent der zusätzlichen Kräfte konnten bislang eingestellt werden, der Prozess soll bis zum Jahresende abgeschlossen sein.

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„Die Einrichtungen werden nicht nur mit Personal angereichert, sondern auch inhaltlich-fachlich neu aufgestellt“, erklärt Vorjohann. Von der im Vorfeld in der politischen Debatte befürchteten Stigmatisierung der besonders geförderten Kitas sei weder bei den Eltern noch beim Personal etwas zu spüren. 7,5 Millionen Euro kostet die Strategie die Stadt pro Jahr, zusätzliche Gelder vom Land gibt es dazu nicht. Gesichert ist die Finanzierung zunächst in diesem und im nächsten Jahr. Bei einem kleinen Teil der rund 400 Kindereinrichtungen (Krippe, Kindergarten, Hort) erreicht die Stadt damit das Personalverhältnis, das die Bertelsmannstiftung als notwendig einschätzt für eine hochwertige frühkindliche Bildung.

Bildungsstrategie in Dresden

Zusätzlich zum gesetzlich festgelegten soll in 13 besonders herausgeforderten Kindertagesstätten der Betreuungsschlüssel während der Betreuungskernzeiten ab dem Schuljahr 2019/2020 verdoppelt werden.

Bereits mit Beginn des Jahres 2019wird diesen 13 Kindertageseinrichtungen ein um 150 Euro pro Kind und Jahr erhöhtes Sachkostenbudget zur Verfügung gestellt. Damit können die Kitas zusätzliche Kräfte für die kulturelle, sprachliche und sportliche Bildung eigenständig einbinden.

Zusammen mit dem Freistaat Sachsenan acht besonders herausgeforderten Grundschulstandorten das an der 139. Grundschule erfolgreich erprobte Modell des „Familienklassenzimmers“ angeboten. Ziel ist es, dass Schüler, deren schulischer Erfolg dadurch gefährdet ist, dass sie Regeln nicht ausreichend erfüllen können und zum Teil trotz guter Begabungen den Anforderungen nicht entsprechen können, mit Unterstützung ihrer Eltern und begleitet durch Lehrer und Familientherapeuten diese Kompetenzen erwerben.

Stärkere Förderungsoll es auch für bestimmte Horte geben.

Das finanzielle Gesamtvolumendes Vier-Punkte-Paketes umfasst jährlich 7,5 Millionen Euro und ist im Haushaltsplanentwurf für 2019/2020 enthalten.

Größte Ressourcen für größte Herausforderungen

Vorjohann ist das bewusst. Er gibt jedoch zu bedenken, dass eine allgemeine Verbesserung des Personalschlüssels aus finanziellen Gründen immer nur in kleinen Schritten möglich ist. Diese führten dann kurzfristig nicht zu deutlich spürbaren Verbesserungen. „Diese Gießkannenmethode wird der Problemlage nicht gerecht, vor der wir stehen.“

Natürlich sei auch Dresden mit dem gegenwärtigen Personalschlüssel nicht zufrieden. Wenn der Freistaat da eine Verbesserung finanziell unterstütze, werde die Stadt das begrüßen. Wenn er sich vom Land zudem etwas wünschen könnte, würde Vorjohann auf die zusätzliche Förderung von Standorten mit besonderen Problemlagen verweisen.

Kein systematischer Ansatz für Schulen in Sachsen

„Wenn es nur annähernd in Richtung Bildungsgerechtigkeit gehen soll, dann müssen wir dort, wo die größten Herausforderungen sind, mit den größten Ressourcen ansetzen“, erklärt Vorjohann und nimmt dabei auch die Schulen in den Blick. „Dafür gibt es beim Freistaat jedoch keinen systematischen Ansatz.“

Es gebe keine systematische Problemanalyse, daher gebe es auch keine systematische Lösung. „Die wird noch nicht einmal diskutiert“, konstatiert Vorjohann. Es gibt Schulstandorte in schwierigem Umfeld. Da müsse systematisch geschaut werden, wie damit umgegangen werden kann. Die Stadt tue dies bei den Kindereinrichtungen. Für die Schulen sei der Freistaat zuständig. „Es wäre schade, wenn der Ball nicht aufgenommen wird.“

Von Ingolf Pleil

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