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Lokales So lief das erste Jahr an der Unischule in Dresden
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Dresden Unischule der TU Dresden und der Stadt zieht Bilanz

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08:01 19.07.2020
Patricia Schwarz und Maxi Heß (re.) sind die Schulleiterinnen der Universitätsschule in Dresden.
Patricia Schwarz und Maxi Heß (re.) sind die Schulleiterinnen der Universitätsschule in Dresden. Quelle: Anja Schneider
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Dresden

Sie hatten natürlich nicht erwartet, dass es leicht wird. Und so sprechen Maxi Heß und Patricia Schwarz heute von „Kraftakt“ „holprigem Start“ und „Herausforderung“. Die beiden Frauen sind die Schulleiterinnen der Grundschule und der Oberschule an der Universitätsschule in Dresden. Doch das jetzt zu Ende gehende erste Jahr für den einzigartigen Modellversuch in Sachsen hatte es besonders in sich.

Das Projekt der TU Dresden mit der Stadt als Schulträger, das maßgeblich von Erziehungswissenschaftlerin Professor Anke Langner initiiert worden ist, soll neue Methoden des Lernens und Lehrens erforschen. Schon vor dem Start ging es holprig zu. Stadt, Land und Vertreter der Uni brauchten einige Zeit, bis sie sich zusammengerauft hatten. Es gab lange Diskussionen um den Standort, Verantwortlichkeiten und Ressourcen. Der Auftakt verzögerte sich. Im August 2019 ging es schließlich in einem alten DDR-Schulbau auf der Cämmerswalder Straße mit etwa 200 Schülern in den Jahrgangsstufen 1, 2, 3 und 5 los.

Rotation durch Wohnungen der Eltern

Mit „viel Idealismus, hoher Motivation und viel Pioniergeist“ sei eine Schule „aus dem Boden gestampft“ worden, bilanziert Grundschulleiterin Heß das erste Jahr. Die Schule spricht von Verabredungen statt Stundenplänen, Projekten statt Fächern, Projektteams statt Klassen. Alles ist über ein Internetportal digital miteinander verknüpft. Mit all dem musste jeder Beteiligte auch erst seine Erfahrungen sammeln. Vorlagen gab es nicht. „Das war schon ein Meilenstein, das wird sich in dieser Intensität sicher nicht fortsetzen.“

Und schließlich auch noch Corona: „Wir mussten uns immer wieder neu erfinden“, erklärt Heß. Die Schule ist im Innenleben auf „maximale Öffnung aller Räumlichkeiten und Durchmischung der Altersgruppen“ angelegt. Doch in Pandemiezeiten waren feste Gruppen in der Grundschule gefordert, die möglichst den ganzen Tag zusammenbleiben sollten. In den Räumen ist höchstens Platz für zwölf Kinder, für frontales Arbeiten sind sie nicht ausgelegt. Größer kann ein Gegensatz kaum sein. Also musste ein alternatives Konzept entwickelt werden.

So gab es Homeschooling in kleinen Gruppen in wechselnden Wohnungen der Eltern, Morgenkreis per Videokonferenz und Präsenz in der Schule. Organisatorisch ein gigantischer Aufwand. Patricia Schwarz zog mit der Oberschule mit, weil es da ohnehin viele Verbindungen durch Geschwisterkinder gibt. Als große Unterstützung erwies sich in diesem Moment, dass die Schule sowieso stark auf die Digitalisierung der Abläufe setzt, und das Schulverwaltungsamt es ermöglicht hatte, dass jedes Kind seinen eigenen Laptop mit nach Hause nehmen kann.

Keine klassische Unterrichtsstunde

Mit der Arbeitsweise der Schule hatten die Kinder in der ersten Jahrgangsstufe die geringsten Probleme. Sie haben nie etwas anderes kennengelernt. Schwerer war es da schon für Kinder der dritten oder fünften Stufen. „Je länger die Kinder im herkömmlichen Schulsystem waren, um so größer war der Umstellungsbedarf.“ So habe es einige Wochen gedauert, bis die Oberschüler nicht mehr gefragt hätten, „wann beginnt denn nun der richtige Unterricht?“ Der war für die Schüler eben doch damit verbunden, dass ein Lehrer vorn steht und sagt, was gemacht wird. Natürlich gebe es Phasen von Instruktionen, aber nie die klassische Schulstunde.

Nicht alle Kinder, die vor einem Jahr starteten, sind noch da. Es gab Schulwechsel wegen Veränderungen des Wohnorts, aber auch aus konzeptionellen Gründen. Für alle ist alles neu. In der Projektatmosphäre fällt viel schneller auf, wenn jemand sich abducken will, Aufgaben nicht erfüllt oder Termine verpasst. Auch die ständige Kommunikation kann anstrengend sein. „Wir haben jedoch mehr Zugänge als Abgänge“, verweist Oberschulleiterin Patricia Schwarz auf das anhaltende Interesse. Häufig komme der Zuwachs aus Gymnasien.

Keine Noten

An diesem Freitag gab es erstmals Zeugnisse. Doch Noten erhalten die Schüler nicht. Es gibt einen Bericht vom Lernbegleiter der Stammgruppe eines Kindes. Diese Gruppen sind jahrgangsübergreifend. Für das nächste Schuljahr werden sie neuzusammengestellt, weil neue Jahrgangsstufen dazu kommen. Die Kinder werden nach ihren Wünschen befragt, letztlich geht es aber vor allem um die Zusammensetzung der Gruppen, die für das Lernen der Kinder am förderlichsten ist.

Der Bericht des Lernbegleiters listet „relativ neutral“ (Schwarz) auf, was der Schüler bislang an Fähigkeiten entwickelt hat. Das soll dem Schüler seinen Stand vermitteln, ist weniger als Statusbericht für die Außenwelt gedacht. Schwarz versichert jedoch, wann immer ein Schüler in Zeugnis mit Ziffern benötigt, könne es aus den Berichten generiert werden.

Keine festgelegten Ferien

Doch die Zeugnisse sind nicht der übliche Schlusspunkt eines Schuljahres. „Die Kompetenzentwicklung geht einfach weiter“, erläutert Schwarz. Das gilt auch für das Lernen. Am Montag setzt sich die Schule wie üblich fort, zumindest für die anwesenden Kinder.

Es gibt grundsätzlich keine festgelegten Ferientermine, die Eltern müssen für die Kinder Urlaub wie in einer Firma beantragen. „Das machen sie auch“, erläutert Schwarz. Bislang würden sich zwar viele noch am üblichen Ferienkalender orientieren. Für viele Kinder gehe es aber am Montag einfach mit der Schule weiter. Natürlich müssten auch die Lehrer ihren Urlaub danach ausrichten. Andererseits wird es auch mal eine Großreinigung geben mit entsprechenden Schließzeiten und über Weihnachten und Silvester werde die Schule immer geschlossen sein.

Hoffen auf Erweiterung

„In diesem Schuljahr bleibt niemand sitzen“, erklärt Schwarz. Da würde sich auch die Universitätsschule an der Empfehlung von Kultusminister Christian Piwarz (CDU) orientieren und im Zweifel im Sinn der Schüler entscheiden. Grundsätzlich sei es aber nicht ausgeschlossen, dass ein Kind ein Jahr wiederholen muss. Aber auch das ist an der Unischule irgendwie anders. „Aufgrund der jahrgangsübergreifenden Arbeit komme es dann nicht zu dem sozialen Riss wie vielleicht an herkömmlichen Schulen“, meint Schwarz.

Für das neue Jahr sind die Schulleiterinnen „guten Mutes“. Die Schule wird weiter wachsen, die Nachfrage ist groß. Und sie freuen sich über die in Aussicht gestellte Erweiterung. Auf dem Gelände könnte es zunächst für den Übergang eine Containerlösung und später einen Neubau geben. „Dann müssen wir nicht den Standort wechseln“, ist Schwarz erleichtert und hofft, dass die Planungen trotz angespannter Haushaltslage weitergehen.

Von Ingolf Pleil