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Dresden: Mit Besen auf Gänsegeierfang im Zoo

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13:00 19.11.2020
Zoomitarbeiter fangen einen der beiden jungen Gänsegeier ein. Für sie geht es auf große Fahrt in die Wildnis.
Zoomitarbeiter fangen einen der beiden jungen Gänsegeier ein. Für sie geht es auf große Fahrt in die Wildnis. Quelle: Dietrich Flechtner
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Dresden

Wie fängt man einen Geier? Mit dem Besen! Genauer gesagt mit vielen Besen. Denn Gänsegeier sind nicht so die aktiven Flieger, nutzen mehr die Thermik, um zu kreisen.

Viele Besen im Einsatz

Erfolgreich praktiziert haben den Geierfang mit Besen jetzt die Tierpfleger im Dresdner Zoo. Denn die wollten zwei Jungvögel aus der Greifvogelvoliere holen. Der Grund war ein erfreulicher: Für zwei Gänsegeier ging es nach Sardinien in die Wildnis.

Aber bis zum Antritt der tierischen Reise war körperlicher Einsatz von Tierpflegern und Tierpflegerinnen gefragt. Der erste Geier – zum Felsen gejagt – ließ sich schnell überrumpeln. Viele Besen verhinderten die Flucht, vier kräftige Hände packten ihn und trugen ihn die bereitstehende Holzkiste.

Der andere Gänsegeier war etwas cleverer und flüchtete auf die Spitze des größten Baumes in der Greifvogelvoliere. Was nun? Die Besen flogen, dann ging es noch zum nächsten Baum. Als an dem gerüttelt und geschüttelt wurde, breitete der Geier die Flügel aus, schwang eine ganze Weile mit dem großen Ast, auf dem er saß, mit und beäugte die Menschen – scheinbar ungläubig – von oben. Aber am Ende wurde auch er eingefangen und in seine mit Stroh ausgepolsterte Kiste gebracht.

Unterwegs nach Sardinien

Beide Vögel wurden noch gewogen und Minuten später schon ging die Reise los. Leonardo Boccanera, der einschlägige Erfahrungen mit solcher Art Tiertransporten hat, und sein Begleiter starteten mit den beiden schon recht stattlichen männlichen Jungvögeln gen Italien. Denn die Universität Sassari begleitet im Norden Sardiniens ein von der EU-gefördertes Wiederansiedlungsprojekt von Gänsegeiern.

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Erstmals werden dort zwei dieser Aas fressenden Greifvögel aus dem Dresdner Zoo ausgewildert. Denn der unterstützt schon seit Jahren mit Hilfe des von den Zoobesuchern gespendeten Artenschutzeuros die Arbeit der Vulture conservation foundation (VCF), die sich dem Schutz aller vier in Europa heimischen Geierarten widmet.

In den Alpen ist bereits ein im Zoo Dresden geschlüpfter Bartgeier erfolgreich ausgewildert worden. Jetzt sollen zwei Gänsegeier aus Dresden an der Küste Sardiniens eine neue Heimat finden. „Für uns alle, Tierpfleger wie Zoologen, ist das ein fantastischer Erfolg, auf den wir die vergangenen Jahre hingearbeitet haben“, freut sich Matthias Hendel. Der Dresdner Zoo, der früher schon mal Gänsegeier gehalten hat, begann 2010 wieder mit dem Aufbau einer Zuchtpopulation.

Eingewöhnung am Monte Minerva

„Die Tiere, die jetzt nach Italien gereist sind, kommen auf Sardinien erst 20 Tage in Quarantäne und dann in die große Auswilderungsvoliere am Monte Minerva, wo sie sich an die Umgebung gewöhnen können“, erläutert Zoo-Kurator Matthias Hendel das weitere Vorgehen.

Im März, so rechnet er, wird die Voliere dann geöffnet und die Vögel können in die Freiheit fliegen. Kleine Sender ermöglichen den Mitarbeitern des Projektes zu verfolgen, wo die Geier sind und wie es ihnen geht. Gegebenenfalls werde in der ersten Zeit auch noch mit Futter unterstützt. Denn nicht immer glückt die Auswilderung.

In Südeuropa waren Gänsegeier stark dezimiert

Weltweit betrachtet zählen die Gänsegeier nicht zu den gefährdeten Arten. Allerdings ist ihr Verbreitungsgebiet sehr zersplittert. Gänsegeier kommen unter anderem in Teilen des Nahen und Mittleren Ostens bis in den Norden Indiens und das Flachland Nepals vor, aber auch in Südeuropa und im südlichen Mitteleuropa.

Im vergangenen Jahrhundert wurden die Gänsegeier in Südeuropa aber stark dezimiert, in einigen Gebieten verschwanden sie ganz. „Das hatte mit der Weidehygiene zu tun. Tote Tiere wurden sofort weggeräumt“, erklärt Thomas Brockmann. Aber auch für die Bekämpfung des Wolfes ausgelegte Giftköder und Pestizideinsatz sorgten dafür, dass die Zahl der Brutpaare dramatisch abnahm.

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Deshalb gibt es das Wiederansiedlungsprojekt, das der Dresdner Zoo mit der Zucht der Tiere unterstützt. „Es macht ja nur Sinn, Tiere auszuwildern, für die es überhaupt noch einen Lebensraum gibt. Außerdem braucht es die Unterstützung durch geförderte Projekte, damit die ganze Mühe auch von Erfolg gekrönt ist“, erklärt Matthias Hendel, warum es nicht so einfach ist, Zootiere in die Freiheit zu entlassen.

Zweieinhalb Tage nach dem Start in Dresden sind die Vögel an ihrem Bestimmungsort auf Sardinien angekommen. „Die beiden Gänsegeier haben die Reise sehr gut überstanden“, freut sich Matthias Hendel über erste Fotos von der Ankunft.

Von Catrin Steinbach