Drei Villen in Dresden illustrieren die Geschichte jüdisch-großbürgerlicher Familien
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20:31 31.03.2020
Die Familie Salzburg 1894: Adolph Salzburg mit seinen Kindern Bertha, Fritz, Margarethe, Ernst, Emma und Siegmund (v.l.n.r.)
Die Familie Salzburg 1894: Adolph Salzburg mit seinen Kindern Bertha, Fritz, Margarethe, Ernst, Emma und Siegmund (v.l.n.r.) Quelle: Historische Fotografie aus dem Besitz von Nachfahren der ehemaligen Villeneigentümer, Allan Salisbury.
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Dresden

Mehrfach erwähnt Victor Klemperer in seinen Tagebüchern die Familien Gerstle und Salzburg. Diese zählten zum gebildeten jüdischen Wirtschaftsbürgertum, der Blick des von Geldsorgen geplagten Bildungsbürgers war eher zurückhaltend bis ablehnend. Klemperer attestierte sich – zu so viel Selbstreflexion war er fähig – „einen alten Proletarierhaß gegen die Gesellschaft, die Hochfinanz, die Geldjuden“ und eine „Befangenheit des Neides“.

Das hält Sabine Wenzel in einem Buch fest, in dem sie die Geschichten dreier Villen in Dresden und die ihrer Bauherren, Eigentümer und Bewohner zwischen 1871 und 1939 erzählt. Diese Dresdner gehörten zwei aufeinanderfolgenden Generationen einer wohlsituierten, sich dem Gemeinwohl der Stadt verpflichtet fühlenden deutsch-jüdischen Familie an, ihre Lebensgeschichten schienen nach 1945 wie die vieler anderer Familien, deutscher wie jüdischer, im kollektiven Bewusstsein Dresdens verloren gegangen zu sein. Zwei der Villen sind immerhin erhalten – und somit zumindest noch ein bisschen authentische Orte großbürgerlichen jüdischen Lebens im Dresdner Stadtraum.

Sachsen war die Heimat, Deutschland das Vaterland

Eine dieser drei Villen ist die Villa Salzburg, die diesen Namen aber erst seit 1990 trägt. Ihr Erbauer und erster Bewohner des Hauses in der Tiergartenstraße 8 war der Kaufmann Adolph Salzburg, der um 1860 aus der preußischen Provinz Posen zunächst nach Berlin und dann nach Dresden gezogen war. Neben ihm, seiner Frau Thekla und den sechs Kindern wohnten ab 1881 im Obergeschoss sein Schwager Alfred Mendel mit Frau Clara und fünf Kindern.

Nordfassade der Villa Salzburg um 1921 (Postkarte). Quelle: Repro

34 Jahre lang lebte Adolph Salzburg hier, zwei seiner drei Söhne machten eine akademische Ausbildung. Der eine gründete dann eine Arztpraxis, der andere eine Anwaltskanzlei. Siegmund wie Friedrich Salzburg reflektierten in Memoiren, Tagebüchern und Briefen ihr Jüdischsein, identifizierten sich aber gleichwohl mit Sachsen als Heimat und Deutschland als Vaterland, was den Dienst fürs Vaterland im Ersten Weltkrieg mit einschloss.

Nach Adolph Salzburgs Tod 1909 kaufte der Schwiegervater seines ältesten Sohnes, Carl Samuel Glückmann, die Villa. Der Königlich Sächsische Kommerzienrat und Vorstand der Firma Speicherei- und Speditions-Aktiengesellschaft baute das Gebäude zu einem Einfamilienhaus um und ließ es erweitern. 1917 starb Glückmann, seine Frau Felicia bewohnte die Villa zeitweise mit ihren Töchtern und deren Kindern und zuletzt bis 1939 allein. 1941 starb die 83-Jährige – vermutlich in einem Judenhaus. Ab 1940 war das Deutsche Roten Kreuz mit Sitz in Berlin Eigentümer der Liegenschaft Tiergartenstraße 8. Am Nikolaustag 1940 erschien in den gleichgeschalteten und entsprechend mehr oder minder zum Sprachrohr des NS-Regimes mutierten „Dresdner Neuesten Nachrichten“ ein Beitrag über das Packen von 1500 Weihnachtspäckchen für die Soldaten an der Front.

Nach Kriegsende erfuhr die Villa Salzburg ein ähnliches Schicksal wie viele andere aus Privateigentum konfiszierte Villen. Sie wurde vom sozialistischen System als Eigentum des Volkes deklariert und als Dienstsitz staatlicher und kommunaler Einrichtungen genutzt. Seit 1953 ist die Technische Hochschule (später TU Dresden) in der Grundbuchakte eingetragen, sie brachte hier vorübergehend verschiedene Institute unter. Ab 1970 bezogen dann die Militärische Abteilung und die Unterabteilung Zivilschutz, die zum Staatssicherheitsdienst der DDR gehörten, das zweite Obergeschoss. Die ordnete 1978 die studentische Übung „Reko-Maßnahmen“ an, was darauf hinauslief, dass große Teile des suspekten bürgerlichen Fassadenschmucks abgeschlagen wurden, allen Protestschreiben zum Trotz.

Ein Kapitel des Buches ist den Nachbarvillen gewidmet, auch ein sehr interessanter Exkurs. Von den sieben im Abschnitt der Tiergartenstraße zwischen Oskar- und Voßstraße nebeneinanderstehenden Villen wurden fünf vom Architekturbüro Lossow & Kühne geplant und ausgeführt. Vier blieben bis heute stehen – und schon diese allein machen den Stilpluralismus und die bautechnische Qualität deutlich, die die Bauten des überaus produktiven Architekturbüros aufweisen. Nichts von der Monotonie und Tristesse heutiger Schuhschachtel-„Architektur“. Aus dem Kreis der Familie Salzburg heraus wurden Lossow & Kühne mehrfach beauftragt.

Die Geschichten in diesem Buch handeln aber nicht nur von Architektur, sondern auch von Kultur und Tradition, von Identität und Religion, von Familie, Heimat und Vaterland, von bürgerlicher Bildung und Lebensart, Recht und Gesetz, Ehre und Pflicht. Und auch – von Ausgrenzung und Terror, Vertreibung und Flucht und Verlust und Erinnerung.

Leben wohlsituierter Juden in alter Zeit

Erhellt wird etwa auch die Geschichte der Familie Mendel. Kaskel Mendel wurde 1812 in Dresden geboren, die Familie stammte ursprünglich wohl aus Böhmen, wie Sabine Wenzel mutmaßt. Mendel bekam vom Stadtrat die Konzession für die Grubenentleerung und war von 1864 an Direktor der städtischen „Dünger-Exportanstalt“. Angefangen hatte Mendel zunächst als Lotterie-Einnehmer.

Überhaupt ist interessant, was zum Leben wohlsituierter Juden in alter Zeit vermittelt wird. Ihr Leben war eine stete Gratwanderung: Der jüdischen Religionsgemeinde gehörte man weiterhin an, aber es war schon das Reformjudentum, das gelebt wurde. Die orthodoxen Chassidim aus dem Osten waren den deutschen Juden zutiefst suspekt. Wenzel hält fest, dass die drei Salzburg-Töchter zwar angehalten wurden, ihr Judentum nicht zu verheimlichen, dass sie aber auch keine Ausdrücke wie „nebbich“ oder „meschugge“ verwenden durften, die aus dem Jiddischen und damit aus dem Kulturkreis der osteuropäischen Juden stammten.

Auch wurde Wert auf ein größtmögliches und durchaus „privilegiertes“ Bildungsumfeld der Töchter gelegt. Sie wurden auf die Rabenhorst-Hertelsche Privatschule geschickt, eine Mädchenschule für höhere Töchter, die an sich keine jüdischen Schülerinnen aufnahm, hier und da aber Ausnahmen machte. Die Männer, die die Salzburg-Töchter ehelichten, wurden wiederum von den Eltern ausgesucht – Liebesheiraten waren in den wohlhabenden Kreisen des jüdischen Bürgertums zu Zeiten des Kaiserreichs nicht vorgesehen. „Arrangierte Ehen waren in dieser Gesellschaftsschicht eine unumstößliche Regel“, schreibt Wenzel.

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Angehängt an die Darstellung Sabine Wenzels ist noch der Abdruck der Jugenderinnerungen von Erika Plaut, der mittleren der drei Töchter von Elsa und Siegmund Salzburg. Auch diese „Ich-Geschichte“ lässt ein plastisches Bild einer jüdisch-großbürgerlichen Familie, ihres Lebensgefühls und Selbstverständnisses entstehen. Die Sätze sind knapp, die Sprache ist recht lakonisch. Im dritten und viertel Kapitel geht es um die monotonen Tagesablauf von Erika Salzburgs Vorschulzeit mit Schwestern und Gouvernante, aufgelockert durch jährliche wiederkehrende Rituale wie die jahreszeitliche Gartenpflege oder den Besuch auf dem Striezelmarkt. Im Kapitel 4 wird die allgemeine Enttäuschung über den verlorenen Krieg wie auch die Trauer über das Verschwinden des Kaisertums sichtbar. Die Zeiten waren erst mal sehr unruhig nach 1918, wie viele Ex-Militärs im Offiziersrang wurde auch Siegmunds Bruder Friedrich Salzburg Mitglied der Einwohnerwehr und beteiligte sich an nächtlichen Patrouillengängen durch die Straßen seines Stadtbezirks.

Sabine Wenzel: Drei Villen in Dresden. Die Geschichte einer Familie zwischen Kaiserreich und Zweitem Weltkrieg. Sandstein Verlag, 200 Seiten, 228 teils farbige Abb., 24 Euro

Von Christian Ruf