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Lokales Die prunkvollsten Räume des Dresdner Schlosses werden restauriert
Dresden Lokales Die prunkvollsten Räume des Dresdner Schlosses werden restauriert
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08:31 07.06.2018
Restauratoren zeigen Sachsens Ministerpräsidenten und Finanzminister ihre Arbeit an den Paraderäumen im Dresdner Schloss. Quelle: Anja Schneider
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Dresden

 „Das ist ja alles nur gemalt“, stellt ein kleiner Dreikäsehoch spitzfindig fest, als er mit schnellen Schritten am Mittwochmorgen den Ministerpräsidenten überholt und den Dresdner Schlosshof betritt. „Denkmalschutz bedeutet auch immer Diskurs“, sagt Michael Kretschmer (CDU). Und: „Denkmalschutz ist wie schwanger sein, es geht nicht halb“.

Deswegen investiert der Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien und Baumanagement (SIB) mit Unterstützung aus dem Kulturetat des Bundes aktuell rund 34,4 Millionen Euro in die Restaurierung der Paraderäume des Dresdner Schlosses. Damit das Audienzgemach und das Paradeschlafgemach, die August der Starke anlässlich der Hochzeit seines Sohnes mit der Habsburger Kaisertochter Maria Josepha herrichten lies, möglichst original getreu in neuem Glanz erstrahlen.

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Paradegeschoss soll wieder zum Herzstück werden

Das Paradegeschoss im Westflügel des Schlosses soll wieder zum Herzstück und Highlight für die Besucher werden. Damit das gelingt, werkeln aktuell zahlreiche Restauratoren, Kunsthistoriker und eine extra aus Frankreich angereiste „Tapissière“ an den Prachträumen. Der Beruf der Bildwirkerei, also das händische Weben von farbigen Mustern mit einer speziellen Technik, ist fast ausgestorben.

Das Paradeschlafzimmer mit mehr als einem Kilometer Goldstoff, das Audienzzimmer mit dem Thronstuhl von August II und riesige Deckengemälde werden im Dresdner Residenzschloss restauriert. Wir haben aktuelle Bilder aus dem Schloss.

Wandbehänge und die Bettvorhänge des Paradeschlafgemachs werden von Hand mit vergoldeten Silberfäden und Seide gewebt. Die komplizierte Webetechnik bringt die prunkvollsten Stoffe hervor, die es zur Zeit der Hochzeit von August II und Maria Josepha 1719 gab. Das Dresdner Schloss wurde im Krieg schwer beschädigt.

Ein Bett als politisches Statement

„1943 wurde aber einiges gerettet, darunter das Kopfgestell des Paradebettes“, berichtet die Kunsthistorikerin Sabine Schneider. Ein wertvoller Anhaltspunkt, um die kunstvollen Stoffe originalgetreu zu fertigen. Allein für das pompöse Schlafgemach werden rund 1,5 Kilometer Seidensamt und 3,5 Kilometer Goldstoff verbraucht. Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass ein Teil des Goldes vom Leipziger Gold- und Silberfabrikanten Andreas Apel stammte. Auch einige Textilien überlebten das Kriegsende. Auch sie werden wieder aufgehängt.

 Wie es sich in so einem luxuriösen Bett schläft, weiß allerdings niemand. Nichteinmal Kronprinz Friedrich August und seine frisch Vermählte legten sich hier schlafen. Das Paradebett hatte nur politischen Charakter und sollte den Audienzgästen imponieren.

Thornstuhl hat Krieg überlebt

Über einen Gang gelangen die Besucher nach der geplanten Eröffnung zum 300-jährigen Hochzeitsjubiläum im nächsten Sommer zum königlichen Audienzgemacht mit dem goldenen Thronstuhl, der ausgelagert im Kunstgewerbemuseum, überlebt hat. Zwei jeweils 100 Quadratmeter große Deckengemälde, die einst Louis de Silvestre malte, wurden zerstört und müssen nun neu gefertigt werden.

Die Grundierung der Leinwände ist bereits abgeschlossen, die Restauratoren malen sich gerade warm. Das heißt, sie üben und üben bis es an die finale Version auf den Leinwänden geht. Wie bei der Gurkenernte liegen die Maler auf dem auf einem rollenden Gestell auf dem Bauch über der Leinwand. Erst danach wird sie an der Decke befestigt. Audienzzimmer und Schlafgemach sollen für sich alleine wirken. Nur in den angeschlossenen Gängen sollen später Vitrinen stehen.

Zahlreiche Restauratoren werkeln nebeneinander

Im Erdgeschoss des Westflügels riecht es nach Holz und Farbe. Den Pinsel in der Hand hat auch der 70-Jährige Professor Michael Münch. Nach dem Vorbild von Farbdias, die per „Führerbefehl“ 1944 von einigen Bemalungen im Schloss angefertigt wurden, fertigt er 84 Kassettendecken.

 „Die Herausforderung liegt in den sehr unterschiedlichen Motiven“, sagt sein Mitstreiter und Restaurator Guntram Weiss. Teilweise zeigen die Bilder aufwendige Porträts, teilweise ahmen sie Architektur nach. Damit das möglichst originalgetreu gelingt, sind verschiedene Schritte nötig. Zunächst wird eine Grundierung aufgetragen und die Flächen heller oder dunkler coloriert Dann arbeiten sich die Restauratoren schrittweise an das Original heran, bis zum Schluss die Farbe aufgetragen wird.

 „Es ist wichtig einen Farbklang zu schaffen“, erklärt der Diplom-Restaurator Daniel Richter, der seit zwei Jahren mit am Dresdner Schloss arbeitet. Denn die Bilder, die zum Beispiel Marmorbögen nachahmen, rufen die optische Täuschung hervor, die beispielsweise der Grundschüler im Schlosshof entdeckte.

Briefwechsel hilft Restauratoren

Neben Fotos ist auch der Briefverkehr zwischen August dem Starken und Graf Wackerbarth eine Rekonstruktionsquelle für Details der Paradezimmer-Ausstattung. Mit Computer-Software konnten daraus Visualisierungen erstellt werden, die zeigen, wie es damals ausgesehen hat. Neben der künstlerischen Rekonstruktion nach historischem Vorbild erhalten die Paraderäume auch modernen Komfort: Von der Wohltat einer Fußbodenheizung hatten August II und seine Josepha wohl noch nie gehört.

Wiederaufbau kostet insgesamt rund 382 Millionen

Der Wiederaufbau des Residenzschlosses sei ein „Generationenprojekt“, sagte Finanzminister Matthias Haß (CDU). Auf dem Papier begann die Restaurierung 1986, seit 1990 nahm sie deutlich an Fahrt auf. Insgesamt 382 Millionen Euro sind für die Arbeiten veranschlagt. Bislang wurden bereits rund 331 Millionen Euro investiert, ein Großteil ist also geschafft. Doch ein endgültiges Ende der Restaurierung des Schlosses ist noch nicht in Sicht. Aktuell wird neben dem Paradegeschoss unter anderem am „Kleinen Ballsaal“, dem „Großen Schlosshof“, der einmal zum öffentlichen Durchgang werden soll und dem Ostflügel gebaut.

Von Tomke Giedigkeit