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Lokales Die Erdnuss im Vanillepudding
Dresden Lokales Die Erdnuss im Vanillepudding
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13:20 12.03.2018
Auf das Kleingedruckte kommt es an! Quelle: Anja Schneider
Dresden

Das Flugzeug liegt ruhig in der Luft. Plötzlich ein Zischen, dann ein Schleifgeräusch – es beginnt nach Erdnuss zu riechen. Drei Sitzreihen weiter hat ein dicklicher Typ seelenruhig eine Dose Erdnüsse geöffnet und damit begonnen, den Inhalt in sich hineinzustopfen. Ist der Kerl wahnsinnig? Weiß er nicht, dass er mein Kind in eine lebensbedrohliche Situation bringen kann? In 10 000 Meter Höhe?

Natürlich weiß der Fresssack nicht, dass mein Kind an einer Erdnussallergie leidet. Im Moment sitzt das Kind unter seinen Kopfhörern, lauscht einem Ninja-Hörspiel und zeigt keine Auffälligkeiten. Das soll bis zur Landung so bleiben. Aufatmen. Es hätte schiefgehen können. Auch wenn die Notfallmedikamente im Handgepäck bereitliegen. Mit Sondergenehmigung an Bord des Fliegers gekommen, immerhin befindet sich ein Adrenalin-Pen mit Nadel im Erste-Hilfe-Set.

Szenenwechsel. Das Kind sitzt auf einem Karussell und ist ausgesprochen fröhlich. Es winkt begeistert und wirkt regelrecht euphorisch. Die Eltern können die Freude nicht teilen. Sie schauen sich betreten an und fragen sich: „Was machen wir bloß?“ Das Kind hat eine geschwollene Lippe. Es hat ein Eis gegessen. Garantiert frei von Erdnussspuren, hat die nette Verkäuferin versichert. Die Lippe ist extrem angeschwollen. Was tun? Cortison? Cetirizin? Adrenalin? Oder Abwarten? Eine Gewissensentscheidung. Wir warten ab. Die Lippe nimmt in den nächsten zwei Stunden wieder ihren normalen Zustand an.

Es war 2015, da kam am Vormittag der Anruf aus der Kita: Das Kind hat Ausschlag bekommen nach der Obstmahlzeit. Bitte abholen und zum Arzt bringen. Wenig später der zweite Anruf: Das Kind hat sich übergeben und atmet schwer. Der Krankenwagen kommt. Die Mama schaffte es rechtzeitig zur Abfahrt ins Krankenhaus.

Zwei Tage dauert der Aufenthalt. Kiwi und Ananas hat das Kind gegessen. Und allergisch darauf reagiert. Nach Auswertung der Blutproben steht fest: Das Kind hat auch noch eine Erdnussallergie. Eine Diagnose, die vieles geändert hat.

Fehler darf man sich nicht erlauben. Der Multivitaminsaft enthält zwei Prozent Ananas-Saft. Mit Wasser zu einer Schorle gemischt, ist der Anteil minimal. Trotzdem beginnt das Kind nach Luft zu schnappen. Einmal nicht aufgepasst. Das Vanille-Eis bei einem Brunch sieht verlockend lecker aus. Im letzten Moment stellen wir fest, dass die gelbe Farbe nicht von Vanille herrührt, sondern von Ananas.

Das Kind ist niedlich und bekommt regelmäßig süße Sachen zugesteckt. Essen? Auf gar keinen Fall! Erst muss die Spurendeklaration gelesen werden. Was enthält der Schokoriegel? Welche Allergene sind in den Keks eingebacken? Zum Glück macht sich das Kind nicht sonderlich viel aus Essen.

Trotzdem: Beim Einkaufen wird regelmäßig der Ladendetektiv nervös, wenn ich – die Altersweitsichtigkeit – die Brille absetze und das Kleingedruckte auf den Packungen studiere. Es ist wirklich verdammt klein gedruckt. Kann Spuren von Erdnüssen enthalten. Das ist ein Ausschlusskriterium für meinen Einkaufskorb. Kann Spuren von Nüssen und anderen Schalenfrüchten enthalten? Kein Problem! Die Erdnuss ist, biologisch gesehen, eine Hülsenfrucht.

Gute Unternehmen und Restaurants zeichnen richtig aus. Es gibt nicht nur gute. Gefährlich sind diejenigen, die die Pflicht zur Kennzeichnung der Allergene auf die leichte Schulter nehmen und beispielsweise Nuss mit Erdnuss verwechseln. Um die müssen wir einen Bogen machen. Wie um asiatische Restaurants. Die asiatische Küche lebt ja regelrecht von der Erdnuss, mit dem Kind können wir Chinesen und Vietnamesen vergessen. So lecker sie auch sein mögen.

Das Ärgerliche ist: Man kann sich nie beruhigt zurücklehnen. Ein Produkt, das gestern noch unbedenklich war, kann heute schon Erdnuss enthalten. Weil der Hersteller die Zutaten geändert hat. In einem anderen Werk produzieren lässt. Was auch immer.

Es ist schon unglaublich, worin sich Erdnusspuren überall einschleichen können: Cornflakes, Reis, Haferflocken, Zuckerstreusel, Vanillepudding. Wie, zum Teufel, kommen Erdnussspuren in den Vanillepudding? Einkaufen wird zum Geduldsspiel. Vor allem mit dem Wissen, dass jeder Fehlgriff Folgen haben kann.

Die Notfallmedikamente werden immer eingepackt, wenn wir das Haus verlassen. Ein Set mit Tropfen, Tabletten und Adrenalin-Pen ist in der Kindertagesstätte deponiert, die souverän mit der Problematik umgeht – leider auch keine Selbstverständlichkeit. Mittags sorgt der Essen-Anbieter für sicheres Allergiker-Essen, Frühstück, Obst und Vesper müssen wir selbst mitbringen.

Hat die Gesellschaft das Thema Allergien verstanden? Halb und halb. Die Reaktionen sind gespalten. Es gibt Menschen, die den Kopf schütteln und meinen, wir sollten uns nicht so haben. Es gibt Gastronomen, die die Kennzeichnungspflicht für staatliche Gängelei halten. Dass das Kind in eine lebensbedrohliche Situation geraten könnte, wollen oder können sie nicht verstehen. Andere wissen genau Bescheid und sind eine große Hilfe, etwa, wenn sie im Supermarkt genauso argwöhnisch wie wir Lebensmittel unter die Lupe nehmen und kontaminierte aussortieren. Es gibt gute Gastronomen, die unserem Kind ein spezielles Menü anbieten können.

Tipps und Anregungen gibt es im Internet, wo sich Betroffene in diversen Foren und Facebook-Gruppen austauschen. Es gibt wertvolle Hilfen wie ein Allergie-Wörterbuch mit den Fachbegriffen in den Sprachen der handelsüblichen Urlaubsländer. Man fühlt sich hier aufgehoben und nicht allein gelassen und man sieht eines sehr deutlich: Vielen Kindern geht es deutlich schlechter als unserem. Von dieser Allergie lassen wir uns nicht unterkriegen – das Kind nicht und wir Eltern auch nicht!

Von Thomas Baumann-Hartwig

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